Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 20 (15.10.1933)
- Date
- 1933-10-15
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 319 „Kaffor" neuhebraisch der Knopf (oder Kragenknopf) Zur hebräischen Sprachenfrage Von Leon Schmalz-bach, Rabbinatsverweser in Hechingen - Mit großer Anteilnahme haben viele in den letzten Nummern dieser Zeitung den Aufsatz von Ernst Simon: „Probleme 'des Unterrichts in Palästina" gelesen, wie auch die Probe ans dem Buche von Herrmann „Von der hebräischen Sprache in Palästina". Die Ausführungen Simons entsprechen sicherlich mehr der Meinung der Redaktion als diejenigen Herrmanns, denn letztere wirken nach ihr wie eine „unzulängliche und1 grob materialistische Antwort" auf die Ausführungen Simons. Wer hat nun Recht, Simon oder Herrmann? Wer die wundervollen Literaturdenkmäler unserer hebräischen Sprache kennt, wie sie im T'nach und den Leistungen des nachbiblischen Judentums vorliegen, kann die Besorgnisse Simons verstehen und würdigen. Und doch erinnern mich seine Gedankengänge lebhaft an jene Redensart, die man so oft von jüdischen Lippen hören kann: „Ihre Sorgen möchte ich haben!" Was geht denn eigentlich in Palästina vor? Hier vollzieht sich das Wunder der Neuerstehung der hebräischen Sprache. Und diese Neuerstehung trifft zeitlich zusammen mit dem Aufbau des jüdischen Palästina. Dieser aber entwickelt sich unter dem Einfluß der politischen Zeitereignisse in immer rascheren Maße. Es ist ein kulturgeschichtliches Gesetz, daß die Bedürfnisse und Erfordernisse des täglichen Lebens beim Aufbau einer Kolonie keine Rücksicht nehmen und nehmen können auf die gleichzeitige Pflege der Äs tihle t i k d e r S p r a ch e. Der kraftvolle Neubau des Landes als Lebensmöglichkeit für all die Ungezählten, die andauernd zuströmen und zuströmen müssen, zwingt zu einer Säkularisation der Sprache. Das Neuhebräische muß in schnellster Weise all die vielen Brgiffe der modernen Zivilisation neu bilden, und kann vorerst nicht viel mehr tun als dem praktischen Leben dienen. Hier waltet eine Gesetzlichkeit, die nicht danach fragt, ob man sie vom ästhetischen Standpunkt aus bedauern oder gar ablehnen muß. Diese Gesetzlichkeit liegt nicht in unserer Macht, wir sind ihr unterworfen wie einem Gesetze des Kosmos. Freuen können wir uns, wenn die bewußte Neuschöpfung der Sprache so glücklich vorgeht wie bei dem alten Worte Kaftor, das ich zur Uberschrift dieser Abhandlung gewählt habe. Auf lange hinaus wird das Hebräisch Palästinas nur den praktischen Erfordernissen des Lebens dienen können. Auch der Kolonisation Amerikas ist die Entwicklung des Amerikanisch-Englischen in weitem Abstand nachgehinkt, und es ist zeitgeschichtlich noch nicht allzulange her, daß sich amerikanische Schriftsteller in größerer Anzahl Weltgeltung errungen haben. Die Volkwerdung Altisraels ging der Abfassung des T'nach weit voraus. Wir befinden uns zurzeit, was Palästina anbelangt, tatsächlich in einer grob materialistischen Entwicklungsgestaltung des neuen Hebräisch. Abertausende erlernen jetzt die Sprache und müssen sich ihrer bedienen, nicht viel anders wie eines praktischen Handwerkszeuges. S i e h a b e n e i n f a c h k e i n e Z e i t für die Pflege der Ästhetik der Sprache. Dieser Zustand mag uns, die wir einem hochkultivierten 'anderssprachlichen Kreise angehören (deutsch, englisch usw.), bedauerlich erscheinen. Wir können ihm aber nur entwicklungsgeschichtlich gerecht werden. Die jungen Geschlechter, die im Erez aufwachsen, werden mit dem Problem zu ringen haben. Wir sind dafür, so hart es klingen mag, so wenig geeignet wie das Volk, das Moses aus Ägypten führte, für die Freiheit geeignet war. Wir brauchen uns deshalb nicht unnötig zu sorgen. Unser wundervolles Hebräisch der älteren Literatur wird deshalb noch lange nicht erstarren. Schon deshalb nicht, weil ja große Teile desselben in der Liturgie andauernd lebendig sind. Und im übrigen wird der Genius Israels, der seine hohe Geistigkeit durch die Jahrtausende getragen hat, sich auch in Zukunft nicht untreu werden können, wenn es die Pflege der eigenen Sprache gilt. Simons Betrachtungsweise ist die ästhetische des europäischen Kulturkreises; Herrmann sieht mit den Augen des heutigen lebendigen Palästina. Mag das heutige Hebräisch Palästinas auch vor den höchstentwickelten Kultursprachen Europas zurückstehen und ganz besonders hinsichtlich seiner ästhetischen Sprachpflege, so ist das ein durchaus begreiflicher Zustand. Er liegt in der natürlichen Entwicklung, ist also gesetzmäßig und damit gesund. Überlassen wir die Zukunft der hebräischen Sprache den kommenden Geschlechtern. Es ist ihre Aufgabe; uns ist sie nicht aufgegeben. S. Orljansky & Co. MÜNCHEN . NEUHAUSER STRASSE 29 das führende Spezialhaus für ElGgdllte PGlZfTIOClen Größte Auswahl . Erstklassige Qualitäten . Bekannt billige Preise . Umarbeitung nach den neuesten Modellen