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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-10-15 · 20 (15.10.1933) · p. Seite 316

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
20 (15.10.1933)
Date
1933-10-15
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Die Judenfrage in Italien Den Lateranverträgen von 1929 zwischen dem Papst und dem italienischen Staat folgte das Gesetz vom 30. Otkober 1930 über die jüdischen Gemeinden in Italien mit den Ausführungsbestimmungen vom 19. November 1931 (Regolamento 19 novembre 1931, n. 1561, per l'applicazione del r. d. 30 ottobre 1930, n. 1731, sulle comunitä israelitiche e sull'Unione delle medesime). Der Schöpfer der italienischen Judengesetzgebung "Mario Falco, ord. Professor für öffentliches Recht an der Universität Mailand, hat in drei grundlegenden Publikationen1 die neue Regelung und ihre historischen Grundlagen erläutert. Wir haben den wesentlichen Inhalt dieser Gesetzgebung in der Bayer. Israelitischen Gemeindezeitung im Jahre 1931 dargestellt. Nach Abschluß der Lateranverträge war zunächst die Befürchtung aufgetaucht, als ob die italienischen Juden zurückgesetzt werden sollten. Mussolini trat dieser Auffassung sogleich entgegen und hat bis in die allerneueste Zeit die Juden nicht nur als wertvolle gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt, sondern darüber hinaus einzelnen Juden im faschistischen Aufbau wichtige Aufgaben übertragen. Neuerdings hat sich der italienische Jude Ludwig Bato in Mailand ausführlich in der Wiener „Jüdischen Woche" nicht ganz so optimistisch über die Judenfrage in Italien geäußert. Wir geben diesen auch die deutschen Juden "interessierenden Beitrag im Folgenden im Wortlaut wieder: Die Judenfrage spielt in der italienischen Politik und in der faschistischen Ideologie schon vermöge der geringen Zahl der italienischen Juden — 50 000 Seelen ohne die Kolonien — überhaupt keine Rolle. Italien kennt keine Judenpolitik mit festgelegten Richtlinien, und sein Verhalten einzelnen Juden oder der Judenheit gegenüber klingt wohl an die Traditionen des liberalen Regimes an, wird aber jedenfalls durch die jeweiligen Umstände bestimmt, wodurch sich oft eine von den Juden stark empfundene Gegensätzlichkeit ergibt. Das faschistische Italien hat vor allem unter Mitwirkung der Judenheit selbst ein neues jüdisches Gemeindegesetz geschaffen, das wohl das beste und modernste ist. das das jüdische Volk in der Diaspora besitzt. Es verleiht den Gemeinden Geltung und Ansehen, läßt die Umlagen durch die staatlichen Steuerämter einheben und stattet den im Gesetz vorgesehenen Bund der Gemeinden mit weitgehenden öffentlich-rechtlichen Befugnissen aus. Bezeichnend für den Geist des Gesetzes ist die Bestimmung, wonach sich der Gemeindebund mit ähnlichen Körperschaften des Auslandes ins Einvernehmen zu setzen habe. Der jüdische Professor des Kirchenrechtes an der Universität Mailand, Mario Falco, ist der Schöpfer dieses Gesetzes und seine zionistische Auffassung vom Judentum läßt sich wahrhaftig nicht verleugnen. Dieses Gemeindegesetz, welches das erste Mal die Reihen der italienischen Judenheit zu einer einheitlichen Organisation zusammenschließt, ist von allen bewußten, national gesinnten Juden mit aufrichtiger Freude begrüßt worden. Dagegen fehlte es nicht an Stimmen aus dem Lager der Assimilanten. die in der straffen Zusammenfassung der italienischen Judenheit eine Art neuen Ghettos erblickten. Das faschistische Italien war es, das den von verschiedenen europäischen Hochschulen vertriebenen jüdischen Studenten spontan die Pforten der italienischen Hochschulen erschloß und 1 a) La nuova Legge sulle comunitä Israelitiche Italiane (Rivista di Diritto Pubblico et La Giust. Amministrativa Fase. X 1931). — b) Lo Spirito della nuova Legge etc. (La Rassegna Mensile di Israel, Vol. VI, 1931). — c) II Regolamento per l'esecuzione della etc. Firenze 1932. Steinberger im neuen Rathaus Eingang Landschaftstraße Feine Pelzwaren ihnen das Studium auch heute noch durch Einräumung wesentlicher Vergünstigungen erleichtert. Zahlreiche fremde Juden ließen sich in der Nachkriegszeit in Italien nieder, denen auch nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt wurde. Die italienischen Juden selbst bekleiden hervorragende Stellungen — an den Universitäten und in der Armee, auf zwei Gebieten, in denen sich die Juden seit Generationen heimisch fühlen, bie führen in der Medizin, Jurisprudenz und MathematiK — die Universität Bologna allein hat dreißig jüdische Professoren — und viele Generäle bekennen sich mit Stolz zum Judentum. Aber aucii ais Kauneute, Finanziers und Industrielle gehören sie zu den Geachtetsten des Landes, wenn sie auch keine Führung in diesen Berufszweigen innehaben. Eigenartigerweise spielen die Juden — von wenigen Ausnahmen, wie Sabatino Lopez und Guido da Verona, abgesehen — in der Literatur und der Politik überhaupt keine Rolle. Auf dem gesellschaftlichen Gebiete ist der Jude so gut wie gleichgestellt. Es gibt zwischen Juden und Nichtjuden einen engen gesellschaftlichen Verkehr, der an Herzlichkeit nichts missen läßt und in Mitteleuropa heute ganz unvorstellbar ist. Und doch! Die Gegensätzlichkeit macht sich immer mehr fühlbar. Die italienischen Juden haben das Gefühl, daß sie aus dem öffentlichen Leben allmählich verdrängt werden. Der Faschismus kennt wohl keine Rassenfrage im Sinne des Nationalismus und seine Ideologie ist durchaus nicht antijüdisch, und doch betreibt er letzten Endes eine ajüdische, entjudete Politik. Ohne der Rassentheorie zu huldigen, lassen die Faschisten oft das Wort vom „lateinischen Blute" vernehmen, man spricht vom „lateinischen Ahnherren", und da fühlen die italienischen Juden, die viel mehr Wirklichkeitssinn haben als ihre Brüder in Deutschland, daß sie irgendwie nicht dazugehören. Aber ist es bloß Gefühl? Während früher die Juden in fast jeder Regierung vertreten waren, höchste Regierungsstellen bekleideten und im Durchschnitt zwanzig Abgeordnete zu den Ihrigen zählten, ist heute die Regierung judenrein, die Juden sind aus den hohen Stellen der staatlichen Verwaltung so gut wie verschwunden und nur noch ein Jude — der Direktor des Industriellenverbandes, Gino Olivetti — gehört der Kammer an. Seit Mussolini die Geschicke Italiens lenkt, wurde kein Jude mehr zum Senator ernannt. Die noch vorhandenen jüdischen Senatoren — Barzilai, Diena, Deila Torre, Catellani usw. — sind durchweg alte Herren und entstammen einer früheren Ära. Unter den sechsunddreißig Unsterblichen der von Mussolini nach französischem Vorbild ins Leben gerufenen „Academia d'ltalia" sucht man vergebens nach einem jüdischen Gelehrten oder Künstler. Dies fiel selbst Emil Ludwig auf, der die Sache in seinen bekannten Gesprächen mit Mussolini zur Sprache brachte . . . Diese Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben ist freilich geeignet, die Juden Italiens, die gewohnt waren, an den' höchsten Stellen ihre Dienste dem Vaterlande zu weihen, tief zu kränken. Die im Auslande umherschwirrenden Gerüchte besagen natürlich das Gegenteil. Der jüdische Mensch ist von Natur aus optimistisch veranlagt und eine gewisse Sorte von Zeitungen findet sich stets gerne bereit, dieser Leichtgläubigkeit durch Auftischung abenteuerlichster Gerüchte Nachschub zu leisten. So wird der Minister Balbo, der einer alten Turiner italienischen Familie entstammt, von sensationslüsternen Journalisten zum Juden gestempelt — seht ihr, wie gut es die Juden in Italien haben! — und unterhält sogar einen rituellen Haushalt. Dieser Unsinn fand in allen jüdischen Zeitungen freudigen Nachdruck. Ich selbst sah ihn in einer nordafrikanischen Zeitung mit Schlaglettern veröffentlicht. Und wenn es mit Balbo nichts ist, so klammert man sich mit einer gewissen Selbstberuhigung an Minister Jung. Als dieser Staatsmann zu den Finanzverhandlungen nach Amerika fuhr, da posaunte die „Ita" jubelnd in die Welt die Nachricht hinaus, daß Minister Jung, „ein orthodoxer Jude" (alle jüdischen Minister sind orthodoxe Juden!), gelandet sei.

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