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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-10-15 · 20 (15.10.1933) · p. Seite 315

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
20 (15.10.1933)
Date
1933-10-15
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische. Israelitische Gemeindezeitung Güte und fügt sich in die gleiche Linie mit dem, was uns an heidnischen Fresken in Dura bekannt geworden ist. Christlicher Einfluß darf als völlig ausgeschlossen gelten. Dann stehen wir vor der erstaunlichen Tatsache, daß die Juden dieser mesopota mischen Diaspora dem alttestamentlich en Bild er verbot und erst recht seiner Weiterbildung im späteren Judentum ablehnend gegenüberstanden, und daß sie in „liberaler" A u s - legung des Gesetzes griechische Kunst sogar in den Dienst ihrer Religion stellten. Das bestätigt in vollem Umfang die moderne Auffassung vom Wesen dieses hellenisierten Judentums, aber es erweitert in ungeahnter Weise die 'Erkenntnis von seiner allgemein kulturellen Bedeutung. Sehen wir uns die Bilder an, so finden wir dargestellt: den Tempel zu Jerusalem, Aaron als Hohenpriester im Tempel, umgeben von Opfertieren, den Auszug aus Ägypten und den Untergang der Ägypter im Roten Meer, die Heimkehr der Bundeslade aus dem Tempel des Philistergottes Dagon (1. Samuelis 5 und 6), Elias und die Baalspriester (1. Könige 18), die Vision des Ezechiel, das Laubhüttenfest und sonst noch mehreres. Das heißt doch nicht mehr und nicht weniger, als daß diese Juden ihre biblische Geschichte in Bildern darzustellen liebten, oder mit anderen Worten, daß es um 240 hier im Euphratland eine jüdische Bilderbibel gab. In dem kleinen Grenzort Dura ist sie sicher nicht entständen, sondern wir haben hier nur die Ausläufer einer Bewegung, die in einem größeren Kulturzentrum entsprungen ist. Ob dies im Sassanidenreich oder anderswo lag, wird weitere Forschung zu ermitteln haben: wir sind schon dankbar für die Erkenntnis, daß eine solche jüdische Bibelkunst um 240 überhaupt existierte. Denn nun sehen wir die Lösung eines Problems vor uns, das bisher nicht ernstlich angefaßt werden konnte. Wir können nämlich die Entwicklung der altchristlichen Kunst in den römischen Katakomben und auf den Sarkophagen des dritten und vierten Jahrhunderts als eine in sich verständliche Weiterbildung klar faßbarer Anfänge begreifen, obwohl auch hier bestimmte Typenreihen noch eine Frage stellen. Aber dann erscheinen plötzlich gegen Ende des vierten Jahrhunderts und in der nächsten Folgezeit ganze Serien von biblischen Illustrationen, die sich nicht aus der uns vertrauten christlichen Entwicklung ableiten lassen. Das sind die berühmten Mosaiken von Santa Maria Maggiore in Rom und die prachtvoll ausgemalte Handschrift des ersten Buches Mose, die als Wiener Genesis bekannt ist. Wie n u n , w e n n diese christlichen Bilderbibeln ihre Vorlagen in jüdischen Bibeln gefunden hätten? Dann wäre das Problem der Entstehung der christlichen Bild'erbibel gelöst. Und dann wird auch die Herkunft der alttestamentlichen Typenreihe in den frühen Katakombenbildern aus jüdischer Bildsymbolik wahrscheinlich. Diese Lösung bietet sich sofort dem Auge, das die neuentdeckten Synagogenbilder durchmustert. FreUich begegnet nur e i n Motiv, das eine christliche Parallele hat: der Auszug aus Ägypten und Durchmarsch durchs Rote Meer finden sich auch in Santa Maria Maggiore. Erst eine genaue Publikation wird eine wirkliche Vergleiohung ermöglichen: aber so viel läßt sich schon jetzt sagen, daß das christliche Mosaikbild den Eindruck einer Verkürzung und Zusammenziehung gegenüber der ganz analog disponierten Darstellung von Dura macht. Hier glaube ich einen deutlichen Zusammenhang erkennen zu können. Aber auch in allerlei Einzelheiten zeigen sich unleugbare Verwandtschaften zwischen diesen Fresken und bekannten Darstellungen der altchristlichen Kunst, so daß wir alle mit gespannter Erwartung der Publikation entgegensehen, die uns zur Mitarbeit an der Bewältigung der neuen und großen Aufgabe rufen wird. Hier sehen wir wirklich einmal wieder „Licht vom Osten". Dieser knappe Bericht von Professor Lietzmann muß zusammengehalten werden mit seiner eigenen großen Publikation aus dem Jahre 1930 über die jüdische Katakombe der Villa Torlonia in Rom und mit seiner neuesten Darstellung des hellenistischen Judentums aus dem Jähre 1932 (Geschichte der alten Kirche, Bd. I). Unter den Juden ist diese Epoche eigener Geschichte wenig bekannt. Wer weiß heute unter uns Näheres darüber, daß es einen jüdischen Dichter biblischer Theaterstücke mit Namen Ezechiel im 2. vorchristlichen Jahrhundert gegeben hat, den Verfasser eines griechischen Moses-Dramas, von dem uns noch 269 jambische Trimeter unversehrt erhalten sind. Ein späteres Judentum hat diese Zeit einer vollblütigen jüdisch-hellenistischen Kultur sekretiert und nicht mehr kennen wollen. Erst die jüdische Geschichtschreibung des 19. Jahrhunderts hat den Resten des antiken „Liberalismus" im Judentum erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Auch heute ist die Erinnerung daran nicht sehr populär. Wer sich über das wahre Wesen des Judentums indes Klarheit verschaffen will, darf an der merkwürdigen Erscheinung nicht vorübergehen und darin nicht nur eine kunsthistorische Kuriosität sehen. KÜChBnmBiSter Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München 7

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