Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 20 (15.10.1933)
- Date
- 1933-10-15
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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314 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 vor die Neuentdeckung einer spätarttiken „liberalen" Synagoge aus der Mitte des nachchristlichen dritten Jahrhunderts an der Grenze zwischen Syrien und Persien geführt werden. Die Funde wurden in diesem Sommer in der Royal Asiatic Society in London einem großen Publikum gezeigt. In der „IUustrated London News" sind die großartigen Fresken dieser Synagoge abgebildet gewesen, der Geschichtsschreiber der „Jüdischen Kunst", Dr. Ernst Cohn-Wiener (London) hat diese von Prof. Rostowzew-Paris gemachten Entdeckungen leider nur kunsthistorisch-ästhetisch neulich in der „Jüdischen Rundschau" (Nr. 64 vom 11. 8. 33) ausgewertet. Wir geben für die allgemeine geistes- und religionsgeschichtliehe Beurteilung dem bedeutendsten Kirchenhistoriker der in Frage kommenden Epoche, Professor Hans Lietzmann (Universität Berlin) das Wort. Der folgende Bericht über die neuen Ausgrabungen* in Mesopotamien ist unter dem verdeckenden Titel „U r g e - schichte der Bilder bi bei" in der ^Deutschen Allgemeinen Zeitung" vom 3. September dieses Jahres veröffentlicht: Der amerikanischen Expedition der Yale University unter Leitung von Professor Clark Hopkins ist eine Entdeckung geglückt, welche ihre schon bisher hochbcdeutsamen Erfolge noch weit übertrifft. Im vorigen Jahre hatten sie eine christliche Kapelle aus dem frühen dritten Jahrhundert gefunden, die mit äußerst merkwürdigen Malereien ausgestattet war, jetzt — aber wir wollen erst von dem Fundort berichten. Wenn man von der märchenhaften Wüstenstadt Palmyra 250 Kilometer nach Osten wandert, so trifft man den Euphrat und an diesem die alte Stadt Dura-Europos, etwa in der Mitte zwischen dem heutigen Abu Kemal und Mejadin. an der Stelle des heutigen Salihiyeh. Die Stadt war eine makedonische Kolonie, eine Festung, die bestimmt war, die Karawanenstraße Antiochia— Palmyra—Babylon zu decken. Um dieser Bedeutung willen haben auch die Römer ihre Hand auf den Ort gelegt und sie solange als möglich verteidigt. Schließlich aber wich die römische Grenze dem Druck der Perser, die, vermutlich 256 nach Christus oder wenig später, Dura eroberten. Und damit hörte die Geschichte dieses vorgeschobenen Postens endgültig auf. Die Einwohner verließen die Stadt, und der Wüstensand bedeckte die Trümmer; so hoch, daß sie mehr als anderthalb Jahrtausende das Licht der Sonne nicht sah. ,Erst im März 1921 stießen englische Soldaten auf ihre Spuren, und die Pariser Academie des Inscriptions veranstaltete Grabungen, welche die eigentümliche Mischkultur dieses Grerrzortes zu lebendigster Anschauung brachten. Insbesondere waren es eigenartige Wandgemälde mit religiösen Darstellungen, die großes Aufsehen erregten. Franz Cumont hat diese Ausgrabungen geleitet und mit gewohnter Meisterschaft die Ergebnisse in einer Gesamtpublikation zusammengefaßt.. Den Franzosen folgten die Amerikaner, an ihrer Spitze die Herren Hopkins und Baur, denen in der Person von Rostovtzefi" der größte Kunsthistoriker der römischen Kaiserzeit zur Seite steht. Ihre sorgfältigen Arbeiten haben in ihrer letzten Ausgrabung einen glänzenden Lohn empfangen. Soeben hat Hopkins in der Nummer 4919 vom 29. Juli 1933 der „Illustrated London News" einen kurzen, aber reich illustrierten Bericht darüber erstattet. Man fand an der Stadtmauer ein Gebäude, das nach der einen Richtung hin fast bis zur Dachhöhe erhalten war, und das sich als jüdische Synagoge herausstellte. Sie war mit griechischen und hebräischen Stifterinschriften versehen, welche den Bau präzise in das Jahr 275 nach Christus datieren. Der Hauptraum war 8X13 Meter groß, also klein im Verhältnis zu den uns bekannten palästinensischen Synagogen. Die Eingangswand stark zerstört, die Seitenwände schräg aufsteigend erhalten, die Rückwand steht in voller Höhe sechs Meter hoch. Und nun die große Überraschung; diese Wände sind völlig bedeckt mit feinster, farbenprächtiger Malerei. Die Bilder ziehen sich in drei Streifen von ein bis anderthalb Meter Höhe und verschiedener Breite, die teilweise bis zu drei Meter sich ausdehnt, an den Wänden hin und stellen neben allgemeinen religiösen Symbolen des Judentums vornehmlich Bilder aus den Geschichten des Alten Testamentes dar. Das hatten wir doch nicht erwartet. Zwar hatten uns bereits seit längerer Zeit römische Katakomben der Juden darüber belehrt, daß ihnen malerische Dekoration mit Einschluß von Tierbildern nicht so fremd sei, wie man es im allgemeinen glaubte, und die 1920 entdeckte Judenkatakombe der Villa Torlonia zeigte sogar einen ungewöhnlich reichen ornamentalen Bildschmuck. In palästinesischen Synagogen waren seit dem Kriege Mosaikfußböden zutage gekommen, welche sogar biblische Szenen enthielten, und jüngst fand E. Sukenik auf dem Fußboden einer Synagoge sogar das Sonnengespann und den ganzen Tierkreis samt den Büsten der vier Jahreszeiten, und dazu noch biblische Szenen. Aber diese Bilder stammten zumeist aus dem 6. Jahrhundert und konnten als Verfallserscheinung, vielleicht sogar als Folgen des Einflusses christlicher Kultur angesehen werden, und als Kunstwerke waren sie kaum zu rechnen. Hier in Dura liegt die Sache völlig anders. Die technische Ausführung der Bilder ist von hervorragender