Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 19 (1.10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 298 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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298 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 schließlich zugunsten des Zylinders entschieden, wurden. / ' Die Braut in Weiß, ein seidenes Tuch turbanartig um das Haar geflochten. Jung, rührend jung. Ein Kind schier. Und doch schon ein Ahnen der künftigen jüdischen Mutter. Ängstlich verloren, fremd unter all den vielen Menschen. In unsäglicher Verlassenheit. Zwar beide Eltern leben — aber sie können nicht dabei sein. Wohnen noch nicht einmal so weit — aber selbst das kann nicht erschwungen werden. Zwei jüdische Arbeiter heiraten. Haben sich auf dem frommen Lehrgut kennen gelernt in gemeinsamer Tätigkeit. Beide treibt es ins Heilige Land. Heiraten noch schnell, um ein einziges Zertifikat benützen zu können. Merkwürdiges Bild. Zwei Welten berühren sich. Die alte Versinkende. Gespenstig fast die Zylinder-Männer, die einen Wohlstand, satte Bürgerlichkeit, Ausgeglichenheit vortäuschen, die bald nicht mehr sein wird. Und herauswachsend aus dieser Mitte die neue jüdische Jugend, die anspruchslos, schlicht, ohne falsches Pathos gewillt ist, mit der Härte der Zeit zu ringen. Die Gemeinde umringt das Paar. Neugierige drängen an den Zaun. Dorfburschen, die eine solch prunklose jüdische Hochzeit noch nie gesehen. Die Zeremonie beginnt. Siebenmal um schreitet die Braut, von einer mütterlichen Freundin geführt, den unbeweglich stehenden Bräutigam, magische Kreise um ihn ziehend. Hebräische Lieder werden gesungen. Braut und Bräutigam trinken die vorgeschriebenen Becher Wein. Der Rav findet ergreifende Worte. Jubelnd und trillernd, einer Lerche gleich, steigt das „Lie" empor. Wieder tönen uralte Weisen. Zu gleicher Zeit kommt der Festzug. Sie stören einander nicht, aber sie beachten einander auch nicht. Und doch gab es einmal eine Zeit, noch gar nicht so lange ist es her, knapp ein halbes Jahr, da Beides, sowohl die Wahl des christlichen Bürgermeisters, wie auch das Begehen einer jüdischen Hochzeit, mit großer Begeisterung gemeinsam vom gesamten Dorf unterschiedslos begangen worden wäre. Für die Gemeinde aber ward diese Feier, die den Rahmen eines Familienfestes sprengte, und sich auswuchs zu einem wahrhaften Gemeindefest, von ganz besonderer Bedeutung. Wie, eine Chassunah, wenn auch, wie sonst hier nicht ortsüblich, eine unter freiem Himmel, aber schließlich doch nur eine Chassunah, die sollte so etwas wichtiges sein? Weil zum erstenmal seit jenen schweren Apriltagen, die die Gemeinde scheinbar äußerlich zerfallen ließ und die einzelnen auseinander riß (um sie allerdings innerlich um so mehr mit einander zu verknüpfen), weil zum -erstenmal die Gemeinde zu einem außergottesdienstlichen Anlaß sich wieder zusammenfand. Es war ein Erwachen aus schwerem, dumpfem Traum. Ein verwundertes Augenreiben. Ein fast ungläubiges, seeliges Staunen. Nach allem was geschehen, nach allem, was bevorstehen mag: das jüdische Leben, es geht doch weiter, unbekümmert, nach ehernen Gesetzen. Vor einiger Zeit las man es, und es war eine der erschütternsten Nachrichten, daß auf dem blutgetränkten Boden Hebrons eine neue Jeschiwah sich erheben wird. Dort, wo in sinnlosem Zerstörungstrieb für immer scheinbar jedes jüdische Sein ausgerottet schien. Das fern-nahe Hebron dort, die Chassunah hier. Immer wieder werden jüdische Menschen sich zusammentun, der Wille zu leben, der Wille sich zu behaupten, er wird durchdringen die ewige jüdische Urkraft, sie wird sich durchsetzen. Unversiegbar, unzerstörbar. Eine Chassunah, nur eine Chassunah. Zwei junge Menschen, die nun die Fahrt über die Meere antreten. Eine ganze Gemeinde aber schöpft von neuem Mut. Dr. H. Der öffentliehe jüdische Gottesdienst liberal-religiöser Richtung — Rückkehr zum traditionellen Ritus? Unter dem Vorsitz von Rabbi Mattuck wurde im August dieses Jahres in der liberalen Synagoge in St. John's Wood zu London eine Round-Table-Konferenz über das Thema: „Der öffentliche jüdische Gottesdienst" unter Teilnahme von Delegierten aus Österreich, Frankreich, Deutschland, Schweden und den Vereinigten Staaten abgehalten. Professor Ismar Elbogen (Berlin) führte u. a. aus, jüdischer öffentlicher Gottesdienst sei unabhängig von äußeren Bedingungen, er sei geistiger Dienst, der erste Gottesdienst in der Welt, der, wie die Vorfahren ihn genannt haben, ein „Dienst des Herzens" sei. Religiöse Erziehung und Gebet seien gleich notwendig für ihn. Die Synagoge sei eine der wichtigsten Institutionen für die allgemeine Belehrung gfe*«esen.^ Der religiöse Jude fühle sich abhängig von Gottes Macht und Gnade. Das Gebet könne die Form einer Bitte tragen, selbst die einer individuellen, jedoch nicht einer egoistischen Bi'tte; auch Bitten um Materielles seien zulässig wie z. B. die Bitte um das tägliche Brot. Hauptsächlich aber sollen die Bitten geistigen Charakter tragen wie Bitten um Kraft, um Errichtung eines Jüdischen Nationalheims oder um Vergebung von Sünden. Der jüdische Gottesdienst sei an die Gemeinde gebunden und gerade an Gemeinden mangele es heute. Man müsse die Aufgabe erfüllen, die Kluft zwischen öffentlichem Gebet und Gemeinde zu beseitigen. Rabbi Julius Mark aus Nashville, Tennessy, erklärte, die religiös-liberalen Juden hätten viel dazu beigetragen, das Judentum zu einem lebenden Faktor zu machen, er glaube jedoch, daß der Erfolg bezüglich des Gebetes ausgeblieben sei. Die liberalen Juden in Amerika, die er beurteilen könne, gingen nicht in die Synagoge, um zu