Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 19 (1.10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 295 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1!) Bayerische Israelitische Gemeindezeifuhg 295 erklärt, ganz besonders aber, indem sie uns die Bestimmung gibt, daß eine Sukköh nicht etwa vier volle Wände besitzen muß, daß auch drei Wände vollständig genügen. Das Leben kann ein glückliches sein, auch wenn seinem Träger nicht alle Wünsche erfüllt werden. Nach dieser Richtung ist ein Midrasch- Wort geradezu bezeichnend und von rührender Gefühlstiefe, das dahin lautet: „Als Hiob in seinen Leiden und Prüfungen sich Gott gegenüber beklagte, als Hiob Gott gegenüber murrte, da zeigte ihm Gott eine Sukkoh mit drei Wänden." Bei der Erwägung aller dieser gesetzlichen, auf die Sukkoh sich beziehenden Bestimmungen müssen wir zugestehen, daß die Gedanken der herrlichen Symbole des Sukkauth-Festes durchaus geeignet sind, unseren Lebensweg im Sinne der Tugend und. der Bewährung glücklich zu gestalten. Und es kann uns nicht wunder nehmen, wenn die Weisen Israels den Satz , aus dem Psalm 15, in welchem der Psalmist nach anfänglichem Zweifeln sein Leben und sein Los als ein glückliches empfindet: „Lose sind mir zugefallen in lieblicher Gegend; ja mein Los erscheint mir schön" — ich bin objektiv und subjektiv glücklich — auf die Symbole des Sukkauth-Festes beziehen, auf die Festhütte und den Feststrauß. Nachruf auf den jüdischen Sozialphilosophen David Koigen (1879-1933) Von Prof. Leopold v. Wiese Das Schicksal und Schaffen des in diesem Jahr ziemlich unbeachtet verstorbenen bedeutenden Philosophen und Soziologen, David Koigen, geht weit über das Interesse an dem merkwürdigen Lebenslauf eines russisch-deutschen Juden hinaus. Der Vater und die Vorfahren waren noch ganz in die eigentümliche und im besten Sinn eigenständige russisch-jüdische Kultur eingesenkt. Der Sohn, mit den reichsten Gaben des Geistes und echter Herzensbildung begnadet, sucht und findet Anschluß an die heiß ersehnten, weit überschätzten westlichen Denk- und Lebensformen. Er wird zum angesehenen deutschen kulturphilosophischen Schriftsteller. Seine Leistungen auf diesem Gebiet würdigt im folgenden der Kölner Soziologe Leopold v. Wiese. Der Aufsatz ist den „Kölner Vierteljahrheften für Soziologie" (Jahrg. 12, Heft 1) entnommen, die L. v. Wiese herausgibt. Das Bemerkenswerte daran ist die vornehme Überlegenheit und Gerechtigkeit dieses Nachrufes, der in einer Zeit (Mai/Juni 1933) beispielloser Diffamierung des jüdischen Anteils an der deutschen Kultur abgefaßt ist. Red. Den Namen David Koigen hörte ich zum ersten Male, als ich von der Redaktion des Archivs für Sozialwissenschaft ersucht wurde, ein Buch von diesem Verfasser zu besprechen, dessen Titel war: „Die Kulturanschauung des Sozialismus. Ein Beitrag zum Wirklichkeitsidealismus." Ich habe damals gesagt, es sei ein Büchlein mit großen Ansprüchen, aber ein nicht unbedeutendes — seine Hauptstärke bestehe in der Glut des Enthusiasmus, die er erfülle. Gegen den etwas überschwenglichen Prophetenton hegte ich Bedenken und sprach sie offen aus; aber zugleich lebhafte Sympathien für die philosophische Gesinnung, die sich auszeichne durch den Kontrast gegen den moralischen Nihilismus, der von Marxisten strenger Observanz wenn nicht immer, so doch nicht selten, wenn nicht gehegt, so doch zur Schau getragen werde. Ich wußte damals nicht, daß es das Buch eines wenig mehr als zwanzigjährigen jungen .Mannes und eines russischen Juden war. Jetzt entnehme ich aus den mir vorliegenden Daten, daß Koigen schon vorher mit 20 bis 22 Jahren Schriften „Zur Geschichte der Philosophie und Sozialphilosophie des Junghegelianismus und über den philosophischen Sozialismus in Deutschland" verfaßt hatte. Ich weiß jetzt ferner, daß der früh entwickelte Jüngling seine Ausbildung hauptsächlich in Bern und Zürich, aber auch in München, Berlin und Paris erhalten hatte und in Bern promoviert worden ist. Auch ist seine Frau, die ihn nun überlebt, eine Schweizerin. — Koigen wohnte bis 1913 in Berlin, wurde dann zur Meisterprüfung an der Universität St. Petersburg zugelassen, nachdem ihm früher. als Juden die Zulassung zum Gymnasium verweigert worden war: die zaristischen Regierungsmethoden waren ja bekannt genug, wenn sie auch nicht konsequent waren. — Von den folgenden Schriften Koigens hebe ich besonders hervor die bei Eugen Diederichs (Jena 1912) erschienene, zu einer „politischen Bibliothek" gehörige: Die Kultur der Demokratie. Vom Geiste des volkstümlichen Humanismus und vom Geiste der Zeit, wozu Eduard Bernstein (ebenso wie zu der früher genannten) eine Vorrede geschrieben hat: er spricht darin die Meinung aus, sie hätte mit Recht „Philosophie" der Demokratie genannt werden können. Das Buch zeichnet sich dadurch aus, daß es angenehm lesbar ist; der Inhalt wird am leichtesten aus den Uberschriften der fünf Hauptstücke ersehen: 1. Die Demokratie und die Humanität. 2. Die Demokratie und die Staatsgewalt. 3. Die Demokratie und die Gesellschaftsmächte. 4. Die Demokratie und die individuellen Kulturkräfte. 5. Die Demokratie und die Zeit. Man wird in diesem Buche vieles finden, was zeitbedingt war und, ich möchte sagen, durch die ungeheuren Ereignisse, die im Jahre 1914 ihren Anfang nahmen, hinweggeschwemmt wurde. Man wird aber auch vieles finden, was heute noch wie früher gilt, ja, was heute eine besondere Bedeutung erhalten hat. Koigen steht der Demokratie durchaus nicht kritiklos gegenüber: er spricht von dem Gefühl der Enttäuschung, das man während der ganzen Zeit der großen französischen Revolutionen nicht habe los werden können, zu deren Annullierung auch die rein kommunistische oder utopistische Strömung innerhalb der Demokratie geführt habe. „Es unterliegt keinem Zweifel: wir müssen über die Demokratie selbst, über gewisse Richtungen des Zeitgeistes hinaus, wir müssen abermals umlernen"; an vielem sei das tief wurzelnde Vorurteil schuld, das in der Gleichsetzung von Masse und Demokratie liege. Koigen, der inzwischen vier Jahre Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität und Handelshochschule Kiew war, hatte seit Ende 1921 wieder in Berlin seinen Wohnsitz. Er war aus Rußland entflohen. In fesselnder Weise hat er die Geschichte seiner Flucht nach Rumänien in einem Buche geschildert, das den Titel führt „Apokalyptische Reiter"; es zeugt davon, daß es ihm auch an belletristischer Begabung nicht gefehlt hat. Aber seine Ziele lagen viel höher. In der neunten Ausgabe des Wörterbuchs „Wer ist's?" bekundet er, daß er an einer groß angelegten „Metaphysik und Philosophie der menschlichen Historie" arbeite. Inzwischen hatte er die Zeitschrift „Ethos" als eine Vierteljahrsschrift für Soziologie, Geschichts- KUChenmelSler Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister Mönchen 7