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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-09-15 · 18 (15.9.1933) · p. Seite 276

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
18 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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276 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 Wenn nicht noch höher! Aus J. L. Perez, Jüdische Geschichten (im Insel-Verlag, Leipzig) Der Rabbi von Nemirow pflegte alljährlich um die Selichoszeit1 jeden Morgen zu verschwinden. Er war nirgends zu finden: weder in der Schul, noch in den beiden Lehrhäusern, noch in einem der Betzirkel; und bei sich zu Hause schon ganz gewiß nicht. Seine Wohnung stand offen; jeder, wer nur wollte, konnte hineingehen; gestohlen wurde beim Rabbi niemals. Doch in der Wohnung war keine Menschenseele. Wo kann der Rabbi sein? Wo soll er sein? Selbstverständlich im Himmel! Hat denn so ein Rabbi vor den „Schrecklichen Tagen"2 wenig auszurichten? Juden brauchen Lebensunterhalt, Frieden, Gesundheit; sie wollen gut und fromm sein, doch die Sünden sind groß, und der Satan durchschaut mit seinen tausend Augen die Welt von einem Ende bis zum anderen und sieht alles und zeigt jede Kleinigkeit an... Und wer soll helfen, wenn nicht der Rabbi? So dachte die ganze Gemeinde. Einmal kommt aber in die Stadt ein Litwak3. Er lacht! Von Andachtsbüchern hält er gar nichts. Und dieser Litwak weist aus dem Talmud nach, daß selbst Moses bei Lebzeiten kein einzigesmal in den Himmel kam! „Wo kommt also der Rabbi hin?" „Meine Sorge!" antwortet er und zuckt die Achsel; und wie er das sagt, faßt er schon den Entschluß, der Sache auf den Grund zu gehen. Noch am selben Abend, bald nach dem Abendgebet, stiehlt sich der Litwak ins Zimmer des Rabbi hinein und kriecht unter sein Bett. Er will die Nacht durchwachen und sehen, was der Rabbi vor Morgengrauen, wenn die Leute zu den Selichos gehen, anfängt Vor Morgengrauen hört er, wie man an die Läden klopft, um die Leute zum Gebet zu rufen. Der Rabbi war schon lange wach. Der Litwak hörte ihn schon seit einer Stunde seufzen. Jeder, der den Nemirower Rabbi nur einmal seufzen hörte, weiß, welche Trauer um das ganze Volk Israel, welche Seelenqual in jedem seiner Seufzer steckt... Etwas später hört der Litwak, wie im ganzen Hause die Betten zu knarren beginnen, wie die Hausleute aufstehen, wie hie und da ein jüdisches Wort fällt; und wie die Türen auf- und zugemacht werden... Dann verlassen alle das Haus; es wird wieder still; im Zimmer ist es finster; nur ein schwacher Mondstrahl dringt durch einen Spalt im Laden... Später gestand der Litwak, daß, als er allein mit dem Rabbi geblieben war, ihn ein Grauen befallen hatte. Es überlief ihn heiß und kalt vor Angst, und die Wurzeln seiner Schläfenlocken stachen ihn wie Nadeln. Endlich steht der Rabbi auf... Zunächst wäscht er sich und verrichtet alles, was ein Jude am Morgen verrichten muß. Dann geht er zum Schrank und holt ein Bündel hervor, im Bündel sind Bauernkleider; ein Paar Leinenhosen, Schaftstiefel, ein Bauernrock, eine große Pelzmütze und ein breiter, mit Messingnägeln verzierter Ledergurt. Und der Rabbi zieht alle die Kleider an. Aus der Rocktasche hängt das Ende eines dicken Bauernstrickes heraus. 1 Tage vor dem Neujahrfeste, an denen die Juden vor Morgengrauen geweckt werden, um in den Bethäusern Selichos (Bußpsalmen) zu beten. — 2 Die zehn Tage zwischen Neujahr und Versöhnungstag, an denen das himmlische Gericht seine Beschlüsse für das kommende Jahr fällt. — 3 Ein Jude aus Litauen und Westrußland; er wird von den polnischen Juden als Gegner des Wunderglaubens gern verspottet. Der Rabbi geht aus dem Zimmer, der Litwak geht ihm nach. Der Rabbi geht in die Küche, bückt sich, holt unter dem Bett eine Axt hervor, steckt sie sich hinter den Gurt und verläßt das Haus. Der Litwak zittert, bleibt aber nicht zurück. Ein stilles Grauen, das Grauen der Selichoszeit lagert über den dunklen Gassen. Hie und da dringt der Aufschrei eines Betenden aus einem der Betzirkel oder das Stöhnen eines Kranken aus einem Fenster... Der Rabbi schleicht an den Mauern entlang, immer im Schatten der Häuser... Und der Litwak hört, wie das laute Pochen seines eigenen Herzens sich mit den schweren Tritten des Rabbi vermengt. Er bleibt aber trotzdem nicht zurück und gelangt zusammen mit dem Rabbi vor die Stadt. Vor der Stadt gibt es ein Wäldchen. Nach dreißig, vierzig Schritten bleibt der Rabbi vor einem jungen Baum stehen. Der Litwak sieht mit Bestürzung, wie der Rabbi die Axt aus dem Gürtel zieht und auf den Baumstamm einschlägt. Der Baum fällt, und der Rabbi spaltet den Stamm in Klötze, dann die Klötze in Späne. Dann macht er aus den Spänen eine Tracht Holz, umbindet sie mit dem Strick, steckt die Axt wieder in den Gürtel und geht zur Stadt zurück. In der hintersten Gasse bleibt er vor einem kleinen, halb eingefallenen Häuschen stehen und klopft ans Fenster. „Wer klopft?" fragt eine erschrockene Stimme aus dem Häuschen. Der Litwak erkennt, daß es die Stimme einer Jüdin, einer kranken Jüdin ist. „Ich bin es!" antwortet der Rabbi auf kleinrussisch. „Wer bist du?" fragt wieder die Frauenstimme. „Wassil!" antwortet der Rabbi „Was für ein Wassil? Und was willst du, Wassil?" „Ich habe Holz zu verkaufen!" sagt der angebliche Wassil. „Sehr billig, so gut wie umsonst!" Und ohne die Antwort abzuwarten, tritt der Rabbi ins Haus. Der Litwak schleicht ihm nach und sieht im fahlen Morgenlichte eine ärmliche Stube, zerbrochenes Hausgerät... Im Bette liegt eine kranke Jüdin, in Lumpen gehüllt, und spricht mit erbitterter Stimme: „Kaufen? Womit soll ichs kaufen? Wo soll ich arme Witwe Geld hernehmen?" „Ich will es dir borgen!" antwortete der falsche Wassil. „Es sind im ganzen sechs Groschen!" „Wie soll ich sie dir bezahlen?" stöhnt die arme Jüdin. „Törichte Frau!" spricht der Rabbi vorwurfsvoll. „Sieh: du bist arm und krank: ich vertraue dir, daß du es mir bezahlen wirst. Und du hast einen so großen, so starken Gott und vertraust ihm nicht... Du traust ihm nicht einmal die dummen sechs Groschen für eine Tracht Holz!" „Und wer wird einheizen?" stöhnt die Witwe. „Habe ich denn die Kraft aufzustehen? Mein Sohn ist schon fort auf die Arbeit." „Ich will auch einheizen," sagt der Rabbi. Und während er das Holz in den Ofen legte, sprach der Rabbi stöhnend den ersten Abschnitt der Selichos... Und als er Feuer gemacht, und das Holz lustig zu flackern begann, sprach er, schon etwas lustiger, den zweiten Abschnitt ... Und den dritten Abschnitt sprach er, als das Holz richtig brannte und er das Ofenblech schloß ... Der Litwak, der das alles gesehen, wurde von nun an ein Gläubiger. Und sooft später jemand erzählte, daß der Nemirower Rabbi alljährlich zur Selichoszeit jeden Morgen die Erde verlasse und in den Himmel fliege, lachte der Litwak nicht mehr, sondern fügte still hinzu: „Wenn nicht noch höher!"

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