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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-09-15 · 18 (15.9.1933) · p. Seite 275

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
18 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
Seite 275 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 275 war, hat die Tat des römischen Legionärs, das von außen kommende Schicksal, die Entscheidung gebracht. Das Schicksal, nicht das politisch schöpferische Tun, entscheidet den jüdischen Geschichtsweg. Die neue Epoche, die endgültig aus der Antike herausführte und das jüdische Volk in der neuen Zeit als Glaubensvolk lebensfähig machte, wurde heraufgeführt durch das Tragen des Leides. Weil nicht der politische Führer sondern Gott der Gestalter der Geschichte ist, kann die jüdische Aktivität nicht die Geschichtstat, die immer revolutionär ist, betreffen. D-er politische Zusammenbruch vernichtet das Alte. Der Heide sieht nur das Sterben, das Besiegt- Werden durch den Starken. Der an Gott als den Herrn der Geschichte Glaubende sieht aber im Zusammenbruch der gestrigen Existenz das gesühnte Frei-Werden für das Morgen. Was äußerlich Katastrophe ist, wird im Glauben an Gott als Umkehr bejaht. Gott, der ewig Tag und Nacht erneuert und die Schöpfung verjüngt, schenkt den Seinen neue Zukunft. Die Weltvölker sind jung, werden alt und sterben. Einmal versiegt die Kraft zur Revolution. Das jüdische Volk wurde das ewige Volk durch die ihm immer neu geschenkte Umkehr. Wo es politischer Zusammenbruch traf, hat es nach Gott gefragt und sich angeklagt, sein Aufbruchsgebot in die neue Zeit in der Sicherheit der ungebrochenen Existenz überhört zu haben. In dieser Selbstanklage ist die Bereitschaft zur Umkehr ausgesprochen. In den Tagen der Umkehr pocht das Lebensgesetz der jüdischen Geschichte an das Tor des jüdischen Hauses. Seit vier Jahrzehnten zeigt der Zionismus dem jüdischen Volk neue geschichtliche Notwendigkeiten, denen es um seiner Erhaltung willen zu gehorchen habe. Was also schon längst zu begreifen war, müssen wir durch die über uns hereingebrochene Katastrophe anerkennen. Zu einem ganzen Judentum gehört mehr, als die liberale Auffassung gelten ließ, die vom jüdischen Glaulbensvolkstum den Glauben, aber nicht das Volkstum anerkannte. Aber 'der Jude steht vor Gott in ganzer Existenz. Wir sind nicht nur eine jüdische „Konfession", die sich von jeder andern Konfession iunter scheidet, wie sich eben Bekenntnis von Bekenntnis 'Unterscheidet, sondern wir sind ein Glaubensvolk. Deshalb gehört der Zionismus zum Judentum' wie die hebräische _ Sprache zum1 jüdischen Gebetbuch; wie .der jüdische Kalender zum jüdischen Gotteshaus, wie das jüdische Schicksal zum jüdischen Glauben. Eine neue Epoche des Judentums, längst vorbereitet, aber durch die gegenwärtige Katastrophe in Bewegung gekommen, beginnt. Diesen neuen Anfang erleben wir als Umkehr. Umkehren heißt Gott nachfolgen. In der Umkehr wissen wir, um unser Auf^Gott-Angewiesen-Sein. Die Sicherheit, in der wir uns selbst zum Richter über andere machen, verläßt uns. Wir sind selbst alle solche, die vor den königlichen Richter treten und ein neues Schicksal 'empfangen. So sehen wir uns alle in der einen Situation, in der gleichen Not, in der gleichen Abhängigkeit, die vor Gott beten muß, daß ihr geschenkt wird, und verzweifeln muß, wenn ihr versagt wird. So sind wir eine Gemeinde. In diesen Tagen der Umkehr ist der nicht umgekehrt, der noch Haß im Herzen hegt und aus unserer Schicksalsgemeinschaft einen einzelnen oder eine einzelne Gruppe aus der uns zusammenschließenden Liebe ausnimmt. Der Geringste unter uns — wir sehen ihn als Juden! So steht er vor uns als solcher, der ein Glaubensschicksal hat! Wir fragen nach nichts, was seine Stellung in der Welt betrifft. Wir stehen mit ihm zusammen vor Gott. Wir sehen ihm in seine Augen und sprechen in unserem Herzen: Bruder, jüdisches Kind, du wie ich, beide allein in der Welt, ganz auf Gott angewiesen. Wenn wir in der Bank des Gotteshauses stehen, so sagen wir zum Schluß dem, der neben uns steht, auch wenn wir in der Großstadtsynagoge seinen Namen nicht wis- . sen: er möge sich alles Gute ausgebetet haben. So sprechen wir einer zum andern. Denn wir wissen, wir haben ein Schicksal. Das erhörte Gebet des einen Juden ist ein Stück des Segens und Friedens, um den wir Juden in dieser Welt alle in gleicher Weise und in gleicher Not bitten. Wir sind eine Gemeinde. Die Umkehr ist die Heimkehr aus der Entfernung von der jüdischen Gemeinschaft zurück zur jüdischen Gemeinschaft. Wir sind umgekehrt, wenn wir unsere egoistischen Standpunkte zurückstellen, als Bruder zum Bruder stehend, einander mit tröstendem Wort und opferwilliger Tat helfen. Diese Umkehr betrifft auch unsere jüdische Parteieinstellung. Es hat sich doch etwas geändert. Daß in unserer Not Palästina vielen Brot, Arbeit und Wohnstatt bietet, ist von einer Beweiskraft, die allem Diskutieren über den Zionismus ein Ende maoht. Es wird netben Palästina auch das Judentum des Galuth geben. Aber ein Gegensatz zwischen Zionismus und jüdischer Frömmigkeit kann nicht mehr konstruiert werden. Diese Konstruktion des Liberalismus ist vorbei. Das Wort Jeremias „Suchet das Wohl der Stadt, nach der ich euch geführt habe, und betet für sie zum Ewigen, denn auf ihrem Wohl beruht euer Wohl!" bleibt unerschütterlich bestehen. Aber es darf nicht antizionistisch kommentiert werden. — Nicht nur der Strom der Palästina-Wanderer ist die große Hoffnung in unserer heutigen Not. Das Zurückfinden zum Judentum überhaupt wird uns auch wertvolle Glieder, die das Schicksal von uns entfernt hatte, zurückgeben. Wir öffnen brüderlich unsere Arme und maßen uns kein Richteramt über die an, die sich ihres Judentums wieder neu besinnen, oder die es vertiefter als bisher begreifen lernen. Der Zusammenbruch des Versuches, als Jude ohne Judentum in der Welt zu leben, ist für viele eine Vergangenheit, für die sie gebüßt haben, und die sie sühnen wollen. Ihre Umkehr ist eine Kraft, die uns bereichern wird. So hoffen wir, daß die Tage der Umkehr, die jetzt der jüdische Kalender anzeigt, auch der jüdischen Geschichte angehören werden, weil sie zugleich Tage der Erneuerung sein werden. Küchenmeister wenessig für Salate und zum Einmachen. Magister Mönchen 7 SäSlllllfilillilHililS!,!,!!

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