Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 18 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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274 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 getragenes Leid eine Aufgabe bedeutet, die den Menschen wie zu einer Tat aufruft. Am Leid erprobt sich der Mensch nicht weniger als an der Tat. Das gilt für die führenden Weltmächte wie für die den Weltmächten Gefolgschaft leistenden kleinen Völker. Aber die jüdische Geschichte hat als ganze ihre sichtbare Stellung in der Weltgeschichte dadurch erhalten, daß sie, wo sie Leidensgeschichte war, wirkliche Geschichte war. Wie das Leid getragen wurde, war eine Tat. Der politische Zusammenbruch der jüdischen Gemeinschaft sowohl in der orientalischen wie in der hellenistischen Epoche war ein Schicksal, wie es viele Völker traf. Aber das jüdische Volk hat dieses Leid schöpferisch gestaltet und begann, wo das natürliche Leben der normalen Entfaltung und des ungebrochenen Wachsens aufhörte, Wege zu gehen, die es seinen eigentlichen Beruf finden ließen. So wurde es Israel, das jüdische Glaubensvolk, das erwählte Volk. Erwählung ist kein moralischer Begriff. Volkstum als solches ist weder gut noch schlecht. Gut oder schlecht ist immer der einzelne. Das erwählte Volk sein, heißt, ein Schicksal haben, das ein Glaubensschicksal ist. Erwählung ist ein Schicksal. Das jüdische Volk wurde zu dem von den Weltvölkern geschiedenen Glaubensvolk durch ein Schicksal. Ein Schicksal wählt man nicht, ein Schicksal erleidet man. In der Bekenntnishaltung haben die Menschen Freiheit. Wir können für oder gegen Gott sein. Aber wie das Bekenntnis des Menschen sein Schicksal wird, ist nicht seine Sache. Der Weg des Glaubens ist ein Schicksalsweg. Dieses Schicksal wählt man sich nicht, es fällt einem zu. Es wird erlitten. Man erleidet das Schicksal, auch wenn man es bejaht, auch wenn über diesem Schicksal unter der liebenden Führung Gottes Friede, Ruhe und Glück ausgebreitet sind. Die jüdische Geschichte kennt Zeiten des Glücks und des Unglücks, aber sie ist dort, wo sie am jüdischsten ist, nicht Geschichte menschlich frei wählenden Handelns, sondern Geschichte, in die Gott eingreift. So heißt Erwählung, die Wege Gottes gehen. Nicht der Mensch wählt den Weg, sondern Gott wählt den Menschen und läßt ihn den neuen Weg gehen. Diese Erwählung bricht ins Leben ein, und sie ist den natürlichen Wünschen nach Beharrung und Sicherheit zuwider. Für die Erwählung ist wirklich Haus und Hof verlassende und neue Heimat suchende Wanderung das beste Gleichnis. Die Erwählung unterbricht die bürgerlich fortfließende, volklich natürliche Existenz. Sie ist Umkehr. Diese Umkehr ist das Lebensgesetz des jüdischen Volkes. Gott, der Herr der Umkehr, ist der Gestalter der jüdischen Geschichte. Umkehr ist mehr als die Reue des einzelnen. Es ist das königliche, richtende oder frei sprechende Handeln Gottes, das uns geschieht. Deshalb kann in der jüdischen Geschichte Volksgeschichte und heilige Geschichte zusammenfallen. Das innerste Gesetz der jüdischen Geschichte ist verkannt, wenn jüdische Geschichte einfach als Spezialfall der allgemeinen Geschichte angesehen wird. Innerhalb der Weltgeschichte ist Palästina in der antiken Geschichte des vorderen Orients neben der Weltmacht des Nillandes und der des Euphrat-Tigris-Gebietes eine Durchgangsstraße im wechselnden Besitz der gerade führenden Macht. Kurz ist die Zeit der von den Weltmächten nicht abhängigen Selbständigkeit des israelitisch-jüdischen Königtums. Vom Standpunkt der Zivilisation und Kultur und der politischen Bedeutsamkeit hat im Bibel-Babelstreit der der Bibel feindselige Gesichtspunkt recht gehabt, den Schwerpunkt des antiken Orients nicht in Palästina zu sehen. Nur daß zu der Aufmerksamkeit nach Babel auch eine solche nach Ägypten hin kommen muß. Auch im Imperium Romanum und vorher im Imperium der Ptolomäer und Seleuciden ist Palästina immer Nebenkriegsschauplatz. Palästina ist eine Seitengasse der Weltgeschichte. Und so bleibt es. Ist die jüdische Geschichte nur als Spezialfall in der allgemeinen Weltgeschichte gesehen, so kann sie um so viel weniger Interesse beanspruchen, als ihr irdischer Raum kleiner und unbedeutender ist als der Raum der großen, die Weltgeschichte bestimmenden Mächte. Weltgeschichtlich gesehen, sind die Geschehnisse der jüdischen Geschichte nur provinzielle Ereignisse. Ist Geschichte Geschichte menschlichen Heldentums, menschlicher Leistung, so fällt jüdische Geschichte hier zwar nicht aus dem Rahmen — auch sie besitzt in dieser Richtung ruhmreiches Material — doch die größere Szene, die größere Fülle der Fälle bietet die Weltgeschichte, in der dann die jüdische Geschichte an Bedeutung zurücktritt. Aber die jüdische Geschichte muß anders betrachtet werden: als Geschichte „der großen Taten Gottes", die in der Bibel beginnt und sich fortsetzt in Mischnah und Talmud, wo eine Lückenlosigkeit der Offenbarungsträger angestrebt wird. „Moses empfing die Lehre von Sinai und überlieferte sie dem Josua, Josua den Ältesten, die Ältesten den Propheten ...", so geht es weiter bis zum spätesten Schüler. Hier weiß man von einer Konzeption der jüdischen Geschichte, die die moderne jüdische Geschichtsschreibung allzuoft aus dem Auge verloren hat. Die jüdische Geschichte ist eine Geschichte in der Geschichte. Die jüdische Geschichte ist die Geschichte eines Glaubensvolkes. Wegen der am jüdischen Volk geschehenden Ereignisse, also vom Tun Gottes aus, darf in der jüdischen Geschichte wirklich heilige Geschichte aufgesucht werden. Die Weltvölker gestalten politisch schöpferisch ihr Schicksal. In der Revolution besitzen sie das Lebensgesetz ihrer Erneuerung. In der Geschichte des jüdischen Glaubensvolkes hat die Revolution keinen Platz. Wo die Weltvölker um die Tragödie, in der im Bruderkampf das Alte vernichtet, das Neue geschaffen wird, wissen, hat die jüdische Geschichte die Erfahrung des Martyriums. Die wichtigste Umbruchstelle der jüdischen Geschichte, der Übergang vom jüdisch-hellenistischen Staat zum rabbinischen Judentum, also der endgültige Übergang zum jüdischen Glaubensvolkstum, ist an die Katastrophe geknüpft, die die zweite Zerstörung Jerusalems darstellt. Christliche Geschichtsschreiber bemerkten, — wohl spöttisch — daß die Juden den Römern dankbar sein müssen, weil durch die Zerstörung des Tempels der Schritt vom Tempelgottesdienst, der antiker Opfergottesdienst war, zum Glauibensleben der Synagoge ermöglicht wurde. Obwohl alles schon vorbereitet war, — im Tempel befand sich eine Synagoge — obwohl das rabbinische Judentum schon vor der Zerstörung des Tempels in abgeschlossener Entwicklung da