Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 17 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Bayerische israelitische Gemeindezeiturig Nr. 17 Der 18. Zionistenkongrel} Die besondere Bedeutung des am 18. August in Prag begonnenen Zionistenkongresses wird von der Presse aller Richtungen hervorgehoben. Die großen deutschen Zeitungen enthalten ausführliche Berichte. Anläßlich des Kongresses veröffentlicht Lutz Lenders im „Völkischen Beobachter" vom 24. August einen Artikel, in dem er einen Uberblick über die ideologische' Grundlage des Zionismus und die organisatorischen Verhältnisse innerhalb der Bewegung gibt. Lenders schildert ohne jegliche tendenziöse Kritik die Geschichte des politischen Zionismus. Er berührt dann kurz die Araberfrage, zieht eine Parallele zwischen den einzelnen zionistischen Gruppen und den ehemaligen deutschen Parteien und gibt zum Schluß der Meinung Ausdruck, daß Professor Weizmann große Chancen habe, wieder zum Präsidenten der Bewegung gewählt zu werden. In der Einleitung zu dem Artikel wird die Haltung der Mehrheit der deutschen Juden im liberalen Zeitalter geschildert, vor allem ihre Vertuschung der wirklichen, d.h. rasse- und blutmäßigen Gegensätze zwischen sich und den übrigen Völkern. Es entstand der Typus des „deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens". „Diese Bezeichnung ist natürlich nichts weiter als ein Täuschungsversuch der nicht jüdischen Umwelt und auch eine Selbsttäuschung. Denn gerade diese Juden hatten sich vom jüdischen Glauben im echten, also religiösnationalen Sinne, abgewandt — im Gegensatz zu den jüdischen Massen des Ostens, die denn auch nie die völkische Seite des Judentums ernsthaft bestritten haben." Die „Jüdische Rundschau" vom 25. August schreibt über den Kongreß u. a.: „Wenn man heute in den Wandelgängen des Prager Kongreß-Gebäudes umhergeht, empfindet man so stark wie nie, daß wir es hier mit überalterten Formen politischer Gemeinschaftsarbeit zu tun haben. Was wir schon vor dem Kongreß hier schrieben, erhält seine evidente Bestätigung: daß die wahren Kräfte der Bewegung nicht in diesen Sitzungszimmern und nicht in den mehr oder weniger guten Reden zu suchen sind, sondern dort im wirklichen Leben, wo der jüdische Bauer seinen Pflug über das Feld führt und jüdische Jugend mit hebräischen Gesängen durch die Landschaft ihrer neugewonnenen Heimat zieht. Der Zionismus ist aber auch dort, wo jüdische Menschen aus einer inneren Erschütterung heraus sich auf sich selbst und ihr altes Volkstum besinnen, den Entschluß fassen, sich aus der Herzensträgheit und Indolenz ihres bisherigen Daseins zu befreien und als Juden an der innerlichen Erneuerung ihrer Gemeinschaft mitzuarbeiten." ... ... „Der Zionistenkongreß, die Zusammenkunft zionistischer Delegierten aus aller Welt, könnte ein Spiegelbild dieser innerlichen, seelischen Neugeburt des Judentums und seines Willens nach reinerem, echterem Leben sein; aber wir sind ehrlich genug, uns nicht zu verhehlen, daß der Kongreß die richtige Form hierfür noch nicht gefunden hat. Der Kongreß macht den Zionismus, die große Erneuerungsbewegung, zum Knecht einer Maschinerie, deren Unzulänglichkeit klar zutage liegt. Das Wort haben hier die Parteitaktiker, und je mehr das Sich-Einspinnen in die Feinheiten des parlamentarischen Gefechts fortschreitet, um so mehr schwindet das Unterscheidungsvermögen von Wesentlichem und Nichtwesentlichem." Aus der Ansprache des Präsidenten Sokolow zitieren wir die folgenden Sätze: FEINE PELZWAREN Umarbeitungen BILLIGSTE PREISE QUALITÄTSARBEIT „Als eines der ältesten Kulturvölker, als das Volk der Bibel und der Zehn Gebote, als das Volk der Treue zum Geist und zur Sittlichkeit sind wir erhaben über die These von der angeblichen Minderwertigkeit unserer Rasse. Wir volksbewußten Juden, die wir uns stets zu unserem Blutszusammenhang und zu unserer Geschichte bekannt haben, wissen, daß wir eine Menschengruppe eigener Art und Prägung sind; aber wie wir weit davon entfernt sind; andere Rassen herabzusetzen, so protestieren wir vor aller Welt dagegen, daß man unsere Rasse herabsetzt und schmäht. Die Schaffung einer neuen Existenz als Volk von Arbeitern und Bauern, von Handwerkern und Geistesarbeitern, ist das Ziel der zionistischen Bestrebungen. In die Angelegenheiten anderer Völker wollen und werden wir uns nicht einmischen, am allerwenigsten wollen wir andere beherrschen." Anschließend sprach Dr. Arthur Ruppin über die Seßhaftmachung deutscher Juden in Palästina. Während die anderen Auswanderungsländer, so erklärte er, selbst von der Krise betroffen seien und jüdischen Einwanderern großenteils ihre Tore verschlössen, stehe Palästina ihnen offen. Es sei das einzige Land in der Welt, in dem keine Arbeitslosigkeit, sondern im Gegenteil erheblicher Mangel an Arbeitern herrsche. Was die ökonomische Lage der Juden in Deutschland angehe, so sei durch die deutsche Gesetzgebung der Stand der Beamten und freien Berufe unter den Juden katastrophal betroffen. Von ihren Angehörigen werde nur ein kleiner Teil seinen Lebensunterhalt in Deutschland weiter verdienen können. Die indirekte Folge der neuen Gesetzgebung seien für die Juden wirtschaftlich zum Teil noch verheerender als die direkten Folgen. Zur Zeit lebe noch ein Teil der Juden von der Vermögenssubstanz, doch würden bei vielen diese Reserven bald aufgezehrt sein. Durch Geburtenrückgang und bereits erfolgte Auswanderung habe sich die Zahl der Juden in Deutschland bereits auf weniger als eine halbe Million verringert und werde wahrscheinlich in den nächsten Jahren auf natürlichem Wege auf 450 000 sinken. Davon würden voraussichtlich etwa 200 000 keine Möglichkeit einer Existenz in anderen Berufen finden. Besonders verzweifelt sei die Lage der jüdischen Jugend, die in dieser Zeit an die Berufswahl gehe. Es gebe kaum einen anderen Ausweg als eine organisierte Auswanderung, die im Laufe von 5—10 Jahren die rund 200 000 Juden, die in Deutschland heute keine Lebensmöglichkeit mehr hätten, in andere Länder bringe. Sie würde wahrscheinlich auch der deutschen Regierung erwünscht sein, der nichts daran liegen könne, eine pauperisierte Bevölkerung im Lande zu haben. Man könne hoffen, daß einer derartigen organisierten Auswanderung unter teilweiser Mitnahme des Vermögens keine Hindernisse in den Weg gelegt würden. Ruppin machte dabei die Mitteilung von dem mit der deutschen Regierung vorbereiteten Abkommen, durch das 3 Millionen Reichsmark in Form von Maschinen aus Deutschland nach Palästina transferiert werden dürfen. Eine fluchtartige Auswanderung müsse jedenfalls nach Möglichkeit vermieden werden. Als Ziel der Auswanderung komme in erster Linie Palästina in Frage. Es könne heute mehr als doppelt soviele Einwanderer aufnehmen als im verflossenen Jahrzehnt. Eine Kommission zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina sei bei ihren Untersuchungen zu folgenden Schlüssen gelangt: In den bestehenden landwirtschaftlichen Siedlungen sei für etwa 1000 Familien Platz. Für 600 Neusiedler sei sofort Ansiedlungsmöglichkeit vorhanden. Darüber hinaus könne eine landwirtschaftliche Ansiedlung erst erfolgen, wenn neuer Boden gekauft worden sei. Die Ansiedlung neuer Menschen in der Landwirt- Herren-und Knaben-Kleidung jetzt nur von RR ROSdlf BldOF Dai Fachgeschäft mit der eigenen Groß-Schnelderel BAYERSTRASSE 5 nächst dem Stachus