Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 17 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 259 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 259 Unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse haben manche, die noch vor idem 5. März erklärte Gegner der Palästina-Idee waren, den einzigen Weg zur Rettung in Palästina sehen zu können geglaubt. Ja, es haben sich einige schon auf den Weg dorthin begeben, die früher auch nur den Gedanken daran schroff von sich gewiesen hätten. Wir sind etwas skeptisch gegenüber solch rascher Bekehrung und soviel Übereilung. Es. ist nichts damit gedient, unter einer Massenpsychose alles bisherige über den Haufen zu werfen und das zu tun, was einem der Augenblick gerade eingibt, nur um dem Drucke eines unerträglichen Zustandes möglichst rasch zu entkommen. Gerade die Schwere der Ereignisse für uns Juden in Deutschland, die sich in ihrer katastrophalen Wirkung erst allmählich ausweisen wird, macht es dringend erforderlich, nicht nach Augenblickslösungen zu suchen, sondern in kühler Überlegung und klarer Abwägung aller Möglichkeiten planvoll und zielsicher diese Not zu überwinden. Es steht außer Zweifel, daß heute Palästina uns deutschen Juden von größter praktischer Bedeutung geworden ist. Zwar haben wohl die meisten von uns deutschjüdischen Jungen schon vor dem 5. März im Aufbau Palästinas etwas gesehen, das man nicht ablehnen darf, sondern es als ein großes Werk zur Begründung neuer jüdischer Möglichkeiten durchaus begrüßt. Aber nicht nur, daß heute Palästina für viele von uns das Ziel geworden ist und werden muß, verändert unsere Einstellung. Wenn Deutschland bisher ein wichtiger Mittelpunkt jüdischen Lebens gewesen ist, so wird dies künftig nicht mehr der Fall sein. Es gibt kein anderes Land, in das sich dieses Schwergewicht jüdischen Geistes verschieben könnte, als eben Palästina. Und darum hat Palästina gerade durch die deutschen Ereignisse an Bedeutung für die gesamte Judenheit mehr und mehr gewonnen. Die Augen aller Juden werden sich dorthin richten. Die meisten von uns Jungen werden gezwungen sein, außerhalb Deutschlands nach neuer Möglichkeit zu suchen. Daß dafür Palästina in erster Linie in Betracht kommt, ist selbstverständlich. Wer dorthin geht, hat den Vorzug, nicht wieder eine fragwürdige Stellung zu irgendeinem fremden Volk suchen zu müssen. Er wird dort ganz und voll als Jude leben können. Er wird weiter nicht in die Gefahr kommen, als einzelner sich verloren zu sehen in gleichgültiger Arbeit, sondern er wird eingespannt in die Gemeinschaft eines großen Schaffens an gewaltigem Werk. Dieses Teilhaben an einem sichtbaren Vorwärts wird eine ganz andere Befriedigung gewähren können. Es wird nicht ausbleiben, daß gerade von den Besten besonders viele dorthin gehen werden, wo selbstlose und entschlossene Hingabe an eine gemeinsame Aufgabe durch Einsatz aller Kräfte jedes einzelnen etwas Neues und Großes entstehen läßt. So verlockend dieses Ziel ist, so werden wir auch heute nicht vergessen: Palästina wird nie alle, oder auch nur einen großen Teil der Juden aufnehmen können. Palästina wird nie die Lösung der Judenfrage sein. Wir wollen auch nicht übersehen, daß ein jüdisches Volk in Palästina, eingekeilt zwischen eine erdrückende Mehrheit eines anderen Volkes,' eine unbedingte Sicherheit haben wird. Es wird jüdisches Schicksal darum nicht allein von Palästina abhängig sein können. Außerhalb Palästinas wird auch weiterhin jüdisches Dasein die Spannungen durchzumachen haben, wie dies in 2000 Jahren jüdischer Geschichte bisher der Fall gewesen ist. Es wird hier der Menschen bedürfen, die dieses Judentum in allen Ländern der Welt vor Erstarren und Erschlaffen bewahren. Es wäre verkehrt, wenn man glauben machen wollte, als ob nur durch den Aufbau Palästinas jüdische Arbeit getan werden könnte, als ob nur der wahrer Jude sei, der an diesem Werk teil hat. Uber dem Werk an Palästina verliert die Tätigkeit für die Juden der übrigen Welt nicht an Bedeutung. Es darf nicht so sein, daß durch die anziehende Wirkung Palästinas gerade auf die besten, positiv jüdischen Menschen das Judentum der anderen Länder führerlos, sich selbst überlassen wird, einer geistigen Verödung und der Erlahmung alles jüdischen Lebens anheimfällt. Es gilt dabei viel zu tun, das ebenso schwer ist, wie die Arbeit in Palästina, aber vielleicht undankbarer, da keine sichtbaren äußeren Erfolge dabei zu erwarten sind. Opferwillige Hingabe wird auch hier verlangt. Vielleicht ist die Erfüllung dieser Aufgabe wichtiger für späteres jüdisches Schicksal, als man jetzt zu ermessen vermag. Darum glauben wir auch heute nicht, wenn wir unserer neuen Einstellung gemäß uns fragen, was unsere jüdische Verpflichtung künftighin sein soll, daß Palästina die einzig mögliche Antwort sein muß, ja nicht einmal sein darf. Denn auch hier, sei es in Deutschland, sei es in irgendeinem anderen Lande, wartet auf uns jüdische Arbeit, die wir zu ergreifen haben. Und noch eines gilt für uns. Wir können nicht annehmen, daß die Jahrtausende jüdischer Geschichte außerhalb Palästinas nur ein Irrweg gewesen seien. Wir denken nicht, daß alle Leiden dieser Zeit und alles jüdische Schicksal in den Ländern der Welt umsonst war, sondern wir glauben an die jüdische Sendung für die Welt und in der Welt. Sie wird sich nicht damit begnügen lassen wieder einen eigenen Staat zu bilden, ein Volk zu sein wie alle anderen Völker. Der Aufbau Palästinas ist uns nie Selbstzweck. Auch die Bewahrung jüdischen Stammes ist uns nicht wertvoll um eines selbstgefälligen Nationalismus' willen. Palästina soll jüdische Art stärken und erhalten. Aber dies ist nicht Ziel, sondern nur Mittel zur Erfüllung dessen, was uns als Verpflichtung mitgegeben wurde: das Volk Gottes zu sein. Und darin wollen wir ehemals deutsch-jüdische Jugend uns nicht wandeln. Das wollen wir nicht aufgeben: Jude sein ist uns nicht nur blutmäßige Gegebenheit, nicht nur schicksalsmäßige Verbundenheit und auch heute nicht rein volkliche Zugehörigkeit: Jude sein heißt uns einer höheren Bestimmung zu dienen, eine geistige Einheit zu verkünden und der Verwirklichung eines besseren Reiches auf Erden zu leben. Dies sei auch weiterhin uns Richtung und Ziel, sei es in Palästina oder sei es in sonst irgendeinem Land der Welt. K.N. KßChenmeiStef Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München7