Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 17 (1.9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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258 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 abheben wie die einfache ländliche Art des Sichgebens von den routinierten entseelten Formen des Großstadtbürgers. Aber Anweisungen, Regeln und Bewertungen dürften auf diesem Gebiet wenig Sinn haben,-da es hier um kollektive Schicksalsfragen geht und nicht um die freie Entscheidung oder Erziehung der einzelnen. Mit den beiden letzten Stücken „Die Bedeutung der Mizwoth" und „Probleme der jüdischen Jugenderziehung^ begibt sich der Verfasser wieder auf das eigentliche religiöse Gebiet. Die allegorische, die historische, die mystische und die symbolische Betrachtungsweise der Gebote finden dabei eine gewissenhafte, ziemlich vereinfachte Darstellung. Der allegorischen Deutung eines Philo, der historischen eines Maimonides — die beide kritisch behandelt werden — stellt Rabbiner Münk die mystische Deutungsmethode der Mizwoth im kabbalistischen Schrifttum in aufschlußreicher Weise gegenüber. Die letztere Art der Sinngebung unseres ganzen verästelten Gebots- und Venbotssystemes hat allein in den Herzen des großen östlichen Teiles des jüdischen Stammes gläubigen Widerhall gefunden. Die mystische Erklärung der jüdischen Pflichtenlehre hält Herr Rabbiner Münk verwandt mit der symbolischen Deutungsmethode von S. R. Hirsch, und zwar in der Auffassung des besonderen Erziehungswerts der Mizwoth, während die magische, verwandelnde Wirkung, der Gebotserfüllung von Hirsch geleugnet wird. Dieser weitaus interessanteste Teil des neuen Buches von Münk ist vielleicht trotz seiner vereinfachenden, ja beinahe apodiktischen Darstolkmgsweise am anfechtbarsten. Ohne eine sorgfältige Versenkung in die Entstehung der Hermeneutik, in ihr Werden und Wesen — wir erinnern an die letzte große Darstellung in dem dreibändigen Werk von Joachim1 Wach (Das Verstehen — Grundzüge einer Geschichte der hermeneutischen Theorie im 19. Jahrhundert) — ist die weitgehende Abhängigkeit der Symbolauffassung hei Hirsch von der außerjüdischen Theologie und Philosophie (namentlich von Schleiermacher) nicht zu verstehen. Von Palästina Von einem jungen Münchener Juden aus liberalen Kreisen, der gezwungen ist einen neuen Beruf zu erlernen, nachdem er bei Abschluß seines Studiums von der juristischen Laufbahn ausgeschlossen wurde, gehen uns die nachstehenden Ausführungen zu. Die Neuordnug in Deutschland und die Ereignisse der letzten Zeit verlangen von uns Jungen nicht nur eine berufliche und wirtschaftliche Umschichtung; noch viel mehr ist eine Wandlung aller Begriffe notwendig, eine Neugestaltung unserer politischen Stellungnahme. Es ist unmöglich geworden, in den alten Geleisen fortzufahren. Den realen Tatsachen können wir die Augen nicht verschließen. Wir müsen den Mut haben, unsere Ansichten entsprechend umzugestalten und viel aufzugeben von dem, was wir bisher für richtig hielten. Nach allem, was in diesen Monaten vorgefallen ist, müssen wir, so bitter und schmerzlich es uns ankommen mag, eingestehen: Ein deutsch-jüdisches Sein, eine Wirklichkeit als Deutscher und als Jude ist fortan uns Jungen nicht mehr möglich. Es ist gewiß nicht so, daß wir uns ablösen werden von dem, was Deutschland und Deutschtum uns geden außerjüdischen Deutungsversuchen dagegen nur die von keinem Menschen ernst genomenen psycho-analytischen Arbeiten über die jüdischen Gebote und Riten heranzuziehen, wie es Münk (S. 69 f.) tut, bedeutet eine Unterschätzung der großen geistesgeschichtlichen Zusamenhänge der jüdischen Mizwoth-Erklärung mit den ähnlichen Vorstellungen des christlichen, besonders aber des islamischen Kulturkreises. — Der letzte Vortrag ist der jüdischen Jugenderziehung vom gesetzestreuen Standpunkt aus gewidmet. Der Verfasser wendet sich in allgemein gültigen Sätzen besonders gegen die zu weitgehende Nachsicht der Pädagogen in der „liberalistischen" Epoche, gegen clie allzu große Rücksichtnahme auf eine Fülle von Bindungen in den Bezirken des Psychischen wie des Pathologischen und Sexuellen, wodurch „ein -falsches Mitleid" und „eine falsche Humanität" erzeugt worden sind. Nur streng religiöse Erziehung und tätige religiöse Übung, Rückkehr zu den jüdischen Bräuchen vermögen hier zu helfen. — Der Gesamteindruck der sechs Vorträge ist in der Folgerichtigkeit und in dem hohen kompromißlosen Idealismus der Gedankengänge ein nachhältiger. Alle Einwendungen und Zweifel dagegen sollen hier schweigen. Die unbegrenzte Gläubigkeit und der Optimismus des Verfassers erstrecken sich in beneidenswerter Weise auch auf die Wirren und die geistige Situation dieser Welt. Hier verstummt erst recht jede Polemik. — Die Vorträge solten in der preiswerten, guten Ausstattung der Veröffentlichung des Hermon-Verlages in allen jüdischen Kreisen ohne Rücksicht der religiösen und politischen Weltanschauung aufmerksam gelesen werden. Diese Publikation ist auch ein bedeutendes historisches Dokument, da hier zum erstenmal von autoritativer jüdischer Seite die geistigen Grundlagen der neuen staatlichen deutschen Mächte mit ganzer Überzeugung bejaht werden. F. und wir geben hat und gewesen ist. Die besondere Verbindung zu diesem Land, das unsere Heimat war," zu diesem Volk, dem wir uns zugehörig fühlten, wird uns kein Machtspruch nehmen; keine noch so bittere Erfahrung wird uns die Liebe zum deutschen Lande und deutschen Volke aus dem Herzen reißen können. Aber die Wege haben sich getrennt. Unsere gewaltsame Ausstoßung aus der Gemeinschaft des deutschen Volkes erlaubt uns nicht mehr ein Einssein als Deutscher und Jude. In Zukunft sind wir mit unserer Arbeit, mit unserem politischen, geistigen Werk auf uns selbst als Juden angewiesen. Dies notwendige Erkenntnis ist, so sehr man sich dagegen sträuben mag, unter der ehemals deutsch-jüdischen Jugend wohl schon weit vorgedrungen. Aber freilich ist alles noch viel zu jung, sind die Ereignisse noch zu sehr im Fluß, als daß daraus sich bereits eine neue Einstellung zu den Dingen hätte bilden können. Hier soll nur eine Frage herausgegriffen werden, die, früher nur theoretischer Streitpunkt, heute für viele unmittelbare praktische Bedeutung gewonnen hat: Palästina und wir.