Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-08-15 · 16 (15.8.1933) · p. Seite 243

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
16 (15.8.1933)
Date
1933-08-15
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2727975-2727991--09097-2742357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 Baj'erische Israelitische Gemeindezeitung 243 Und wenn wir heute bei einer Fahrt durch die Welt sephardischen Juden begegnen, so wird die Wiege ihrer Vorfahren irgendwo in Spanien gestanden haben. Denr. in dem gleichen Augenblicke — und dieses ist wieder das Wunderbare in der jüdischen Geschichte — öffneten sich •die Tore anderer Länder. Selbstverständlich mußten die Vertriebenen in den neuen Staaten, in denen man sie aufnahm, von neuem anfangen. Wer in Spanien ein reicher und angesehener Mann gewesen ist, der mußte sein Haus in Holland von den Grundfesten an neu zimmern. Aber wenn man die Jahrhunderte überschaut, wie lange dauerte es denn, und es bestanden schon wieder blühende Gemeinden in den Städten der Niederlande. Und in diesem hatte man es nicht nur zu materiellem Wohlstande gebracht, denn nirgends und niemals hat sich das Judentum damit begnügt, sein Haus allein auf der Sicherheit des Leibes hin aufzubauen, es lebte in diesen neuen Gemeinden alsbald ein jüdischer Geist und ein eigenes geistiges Leben. Wenn auch Baruch Spinoza in seinem Denken eigene Wege ging, so wäre seine unsterbliche Leistung nicht möglich gewesen, ohne daß die Gemeinschaft, aus der er hervorging, in den Niederlanden eine neue Stätte gefunden hätte. Mit den aufblühenden Niederlanden und mit ihrem gewaltigen Kolonialreich ging das Judentum über die Erde. Es ließ sich in Niederländischindien und in Guyana in Südamerika nieder, es wanderte in die großen Kolonialgebiete hinein, die sich auch unter anderer Flagge jenseits der Meere bildeten. Mögen nun bereits, unter Kolumbus die ersten Juden herübergegangen sein oder nicht, in jenen Gebieten Amerikas war Arbeit zu leisten, war Neues zu schaffen, und mit der ungebrochenen Entschlossenheit von Menschen, die unter gar keinen Umständen untergehen wollten, ging man auch an den Wiederaufbau der Existenz unter den allerschwersten Bedingungen. Es sind im Grunde überall die gleichen Mensehen, und es sind die gleichen Verfolgten, die zu einem neuen Leben bereit sind, die an einer anderen Stelle-•vertrieben wurden. Es ist dasselbe, das ewige Volk, mit jenem in der Geschichte kaum sonst beobachteten Willen zum'Leben! Als nach der Entstehung des niederländischen Kolonial- . reiches das riesige Reich der Briten allmählich das der-.- Holländer ablöste, da fanden sie in den Gebieten, die sie übernahmen, bereits Juden vor, aber man wußte auch an der Themse die zähe Energie jüdischen Aufbauwillens zu schätzen und hat sich seiner bewußt bedient. Kehren wir von der Weltweite nach Europa zurück. . Unter dem Großen Kurfürsten bildete sich im Norden Deutschlands ein noch kleines aber von zähestem Willen zur Behauptung durchdrungenes Staatswesen. Noch ahnte es nicht, daß aus ihm einmal eines der mächtigsten Reiche Europas hervorgehen sollte. Aber eins ist-sicher, der Mann, der es in diesem Augenblicke schuf, war gewillt, jegliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, die ihm im Aufbau unterstützten. Wie er den Hugenotten-Frankreichs deswegen Heimstätten gewährte, weil er in ihnen einen gewerbefleißigen Volksteil sah, der Fähigkeiten mitbrachte, die seinem eigenen Volke von größtem Nutzen se'n konnten, so rief er auch die Juden ins Land zurück, die ein anderer Hohenzoller, Joachim II., einstmals vertrieb. Weil er sie brauchte, gewährte er ihnen jede Erleichterung in ihrem Dasein. Jahrhunderte ruhiger Entwicklung kamen für das preußische und deutsche Judentum. Ein Friedrich der Große sah auch diese Probleme mit voller Schärfe. Ihm war es gewiß bewußt, welche Verschiedenheiten zwischen jüdischen und deutschen Menschen im einzelnen bestanden, aber er hat bei der Eingliederung der Juden in den Staat doch vor allem die Tatsache im Auge behalten, daß die Juden für seinen Staat nicht zu entbehren waren. Dies ist bis in die letzten Verzweigungen, vor allem an seiner Judenpolitik in Schlesien, nachweisbar. Hier sorgte er mit besonderer Sorgfalt dafür, daß die polnischen Handelsjuden jede Erleichterung erfuhren, weil der Handel Breslaus von den Verbindungen mit dem Osten abhing und weil diese nur durch die Juden aufrecht zu erhalten waren. Auch das 19. Jahrhundert mit seinem zunächst aufblühenden Kapitalismus hat den Juden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und Amerika Lebensraum gewährt. Die große neue Krise des Judentums der jüngsten Zeit ist von der Krise des Hochkapitalismus nicht zu trennen. Man muß sich daran gewöhnen, die Judenfrage nicht losgelöst von dem Zusammenhang der Geschichte zu betrachten. Als im 19. Jahrhundert die schweren Verfolgungen über die Juden Rußlands und Rumäniens ausbrachen, als diese Länder sich in einer schweren wirtschaftlichen Krise krümmten, da fanden die Vertriebenen vor allem in Amerika Zuflucht, wo der gewandte und geschickte jüdische Arbeiter in den Werkstätten New Yorks den Wohlstand des Landes gründen half. Der Mensch, der gegenwärtig in den Nöten des Alltags zusammenzubrechen droht, der wird vielleicht, wenn er dem Gesagten bis hierher gefolgt ist, nun erwarten, 6pß eine Prophezeiung für die Zukunft sich" der Betrachtung der Vergangenheit anschließt. Aber muß sie wirklich erst im' einzelnen gegeben werden? Die Geschichte ist gewiß die große Lehrmeisterin für die Gegenwart und für-die Zukunft; und die jüdische Geschichte im besonderen ist von einem großen und gewaltigen Rhythmus des Aufstiegs und des Niedergangs getragen. Aber bisher hat noch niemals ein absoluter Niedergang stattgefunden. Sicherlich sind uns unsere Vorfahren in einem überlegen gewesen, sie haben in der tiefen Verwurzelung mit ihrem Glauben und mit ihrer Art niemals einem über sie einbrechenden Verhängnis so innerlich verzweifelt gegenübergestanden, wie man das heute häufig bei Menschen trifft, die nur der Form nach noch Jude geblieben waren. Für sie aber fließt aus der jüdischen Geschichte ein starker Trost. Einmal haben wir erkannt, daß stets und immer sich Vertriebenen oder um ihre Existenz Gebrachten sich ein neues Land öffnete, daß, wenn der erste Ansturm der Verzweiflung überwunden war, sich die Möglichkeit zu einem neuen Dasein entwickelte. Man darf nicht glauben, daß unseren Vorfahren der Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister Mönchen7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.