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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-08-15 · 16 (15.8.1933) · p. Seite 242

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
16 (15.8.1933)
Date
1933-08-15
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 zu den Säulen des Herakles, der heutigen Straße von Gibraltar, vordrangen, sie gingen auch mit den römischen Soldaten an den Rhein, sie drangen pionierhaft vor in die unerforschten Länder des Nordens, sie mögen schon damals auf der uralten Bernsteinstraße bis ins Samland vorgestoßen sein, um neue Beziehungen anzuknüpfen und um ihre Daseinsberechtigung im harten Kampfe zu erringen. Solange die Welt leer war, und die damalige Welt war ja noch /klein, solange hat es nirgends Zusammenstöße zwischen den Juden und den sie umgebenden Völkern gegeben. Immer aber war eine Krise dann, wenn die Wirtschaftslage sich schlagartig veränderte und das Volk, unter dem die Juden lebten, selbst in Not geriet. Wir schreiben das Jahr 1096. Blühende Judengemeinden bestehen am Rhein. In Mainz, in Speyer, in Worms, in Köln sind die Juden seit nicht viel weniger als einem Jahrtausend ansäßig. Niemals waren die Beziehungen zur Umwelt gestört. Sie konnten in Frieden ihrer Beschäftigung nachgehen, und wenn sie vielleicht auch nicht alle Berufe ausübten, so hat niemand bisher daran gedacht, ihnen ihr Brot zu schmälern und sie in ihren Gewohnheiten zu beeinträchtigen. Da bricht Wirtschaftsnot in der Welt aus. Es verbindet sich mit ihr die Nachricht, daß das Heilige Land in die Hände der Ungläubigen gefallen ist. Scharen ballen sich zusammen, viele von edelsten Motiven erfüllt, andere aber auch von dem Bewußtsein getrieben, sich ihre materielle Lage zu verbessern. Die letzteren brechen in die friedlichen begüterten Gemeinden am Rheine ein, die ortsansäßigen Christen versuchen, die Juden zu beschützen, aber im Augenblick sind sie machtlos, eine Katastrophe von ungeahntem Umfange bricht über die Orte herein, die Gemeinden werden vernichtet. Und doch wenige Jahrzehnte später ist das alles vergessen. Gewiß, viele Menschen haben ihr Leben lassen müssen, - und erschütternd sind die Berichte über das, was sie erlitten. Aber*'die Welt, sah, daß sie Unrecht getan hatte, vor allem 'brauchte sie die Juden, ^und so wurde an das* Vergangene, wieder angeknüpft und Neues gegründet. Wenn man" jedoch diese erste schwere Bedrückung verhältnismäßig leicht ertrug, so deshalb, weil man tief und fest in seinem Judentum verankert war und weil einem in keiner Weise der Gedanke kam, die Treue zum Judentum aufzugeben. Im Auf und Ab der Geschichte kamen für das deutsche Judentum ruhigere Jahrhunderte, bis wiederum in der Mitte des 14. Jahrhunderts eine schwere und neue Krise über die Welt und im besonderen über Deutschland kam. Es ist die Zeit des Schwarzen Todes, es ist die Zeit, in der die Masse trotz fleißigster Arbeit ,zu keiner wirtschaftlichen Sicherung kam. Es rächte sich, daß man den Juden nur noch eine bestimmte Art des Erwerbes, im wesentlichen Geldleihe, gestattet hatte. In der Beschlagnahmung des jüdischen Leihkapitals, in der Abwertung der Schulden durch Tötung der Gläubiger sah die Masse die einzige Möglichkeit, sich von drückender Wirtschaftsnot zu befreien. Gewiß eine fürchterliche Form der Herstellung einer neuen Grundlage des Daseins. Es ist müßig danach zu fragen, wen die Schuld traf. Und so blieb den Juden, die der körperlichen Vernichtung entgingen, nur der Weg, eine andere Stätte zu suchen, an der für sie die Möglichkeit des Lebens gegeben war. Es öffneten sich weit die Tore Polens, das damals im Aufbau begriffen war und sehr gut den jüdischen Kaufmann, die jüdische Intelligenz 'brauchen konnte. Wenn heute noch im Osten in der jiddischen Sprache die deutschen Laute ertönen, so erinnern sie an jene große Krise und die daran anschließende Wanderung im ausgehenden Mittelalter. Wenn in Breslau in der Mitte des 16. Jahrhunderts im Anschluß an eine neue Krise die Juden5 „auf ewige Zeiten" aus der Stadt gewiesen wurden, und sie später doch wieder eine große und stattliche Gemeinde bildeten, so zeigt dies mit aller Deutlichkeit tröstend, daß es auch in den Zeiten härtester Judennot ein „Niemals" nicht gibt. Es ist bemerkenswert, daß der Aufstieg des Judentums in Polen nur solange erfolgte, wie man die Berufe, die man den Juden zugewiesen hatte, nicht selbst ausübte. In dem Augenblick aber, in dem das polnische Volk größer wurde und selbst in Berufe eindrang, die es vorher verschmäht hatte, setzte die Gegenbewegung ein, und es kam zu Verfolgungen derer, die man einstmals ins Land gerufen hatte. Es entscheiden nun einmal in der Geschichte keine Gefühle, sondern lediglich die harten Notwendigkeiten, und dem heißt es, sich beugen. Das erschütterndste und gleichzeitig trostreichste Beispiel jüdischer Geschichte seit der Zerstörung des zweiten Tempels bietet zweifellos das Schicksal der spanischen Juden. Wer um das Jahr 1000 einen auf der Pyrenäenhalbinsel gefragt hätte, ob jemals eine Zeit kommen könnte, in der in diesem Lande kein Jude mehr weilen dürfte, er hätte sicherlich anstelle einer Antwort nur ein mitleidiges Lächeln erfahren, und man hätte ihn mit dem Gedanken verlassen, es mit einem armen Geisteskranken zu tun zu haben. Denn in diesen Ländern waren die Juden zu denkbar größter Stellung gekommen. Sie hatten nicht mehr das Gefühl, in der Fremde zu sein. Sie hatten auch keine einzelnen von den anderen verschmähten Berufe als Erwerbsquelle erhalten, man hatte ihnen jede Möglichkeit gegeben, .und sie hätten sich überall bewährt. Keinerlei entehrende Abzeichen auf ihrer Gewandung brauchten sie zu tragen, sie lebten frei unter Freien. Und sicherlich glaubten sie, hier für die Ewigkeit ihr Haus gegründet zu haben. Aber es kam das Jahr 1492, und es war kein Jude mehr auf der Pyrenäenhalbinsel, der sich zum Judentum bekannte. Wer zum Christentum übergetreten war, durfte als Maranne ein stets beobachtetes und mit Mißtrauen verfolgtes Dasein führen. Aber alle anderen mußten das Land verlassen. Der Ursachen für diese Entwicklung sind mannigfache gewesen. Neben dem Gegensatz im Glauben werden es auch hier Wirtschaftsnöte gewesen sein, die mit dem allmählichen Übergang zu einer neuen Ordnung zusammenhängen. Wir wissen, unter welchen furchtbaren Krämpfen sich diese Ausgliederung der Juden aus dem Leben der Pyrenäenhalbinsel vollzog. Es ist behauptet' worden, daß das Wirtschaftsleben dieses Landes seitdem zu einem Stillstand gekommen ist. Wir wollen dieser Behauptung an dieser Stelle nicht nachgehen. Aber um so mehr muß uns das Schicksal der vertriebenen Juden beschäftigen. Wir sind gewöhnt, jene Juden als die sephardischen im Gegensatz zu den aschkenasischen zu bezeichnen.

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