Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 15 (1.8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 229 ausdrückbar empfindet: dann gerade würde eine erfolgreiche Anstrengung zur Ausweitung der Sprache gemacht werden, sondern umgekehrt darin, daß Assoziations- und Denkmöglichkeiten, die von einer reichen Sprache mitgeschwemmt und dem Redenden oder Schreibenden gleichsam angeboten werden, hier ausfallen. Um es zugespitzt zu sagen: man spricht nicht immer, was man denkt; sondern man denkt nur noch, was man sprechen kann. Das hat, neben dem auf der Hand liegenden Nachteil der geistigen Verengerung, auch eine gute Seite: das rein assoziative Denken, das den jüdischen Feuilletonismus geboren hat, der sich allerdings besonders leicht in der verhältnismäßigen Unverantwortlichkeit fremder oder neuer Sprachen austoben konnte, dieses Denken fällt im Neuhebräischen weitgehend fort und macht einem gesünderen und saubereren Platz. Es ist wie bei Gretchen: eine kleine, dürftige Kammer — aber: „Nicht jedes Mädchen hält so rein." Schwerer wiegt die Abnahme der Tragfähigkeit und Dichtigkeit der Sprache. Verbände sich mit der Veränderung des Umfanges eine Erhöhung des spezifischen Gewichtes, so könnte die Entwicklung als ein bescheiden-anständiger Anfang rückhaltlos begrüßt werden. So aber muß man befürchten, daß die neue Schuljugend eine Sprache redet, die von ihren eigenen Quellen sehr weitgehend abgeschnürt ist und dadurch, wie man mit vielleicht ungerechtem Vergleich gesagt hat, sozusagen ein „Jiddisch" oder ein hebräisches Esperanto wird. Das macht sich z. B. in der Svntax geltend, die heute schon sehr häufig europäisch gefügte Sätze aus hebräischen Vokabeln baut. Diese Vokabeln selbst aber verlieren immer mehr ihre Assoziationsfähigkeit nach rückwärts, d. h. ihre in der guten modernen Literatur, etwa bei Bialik, Agnon und Hasas. noch bewahrte und zum Teil gar gesteigerte Fähigkeit, ihre eigene Geschichte von den Ursprüngen aus den. Ouellen her jeweils im aktuellen Gebrauch mit auszusagen und daher diesen selbst gleich in seiner Geburtsstunde wieder zum Traditionsträger für künftige, kontinuierliche Entwicklungen zu machen. Genau dies war ja die Eigenart des hebräischen Wortes; freilich eine Eigenart, wie man wird einräumen müssen, die wesentliches Merkmal einer Schriftsprache ist und bei der Umwandlung iener in das gesprochene Alltagswort zweifellos Einbußen erleiden muß. Aber darf sie ganz verloren gehen? Darf es dahin kommen, daß gute hebräische Prosa, z. B. manche Essays von Bialik, heute schon selbst Oberklassen der Mittelschulen nur mit Kommentar verständlich sind, und zwar nicht etwa nur aus sachlichen, sondern auch aus sprachlichen Gründen? Die Antwort auf diese Frage führt uns zum Problem des hebräischen Literaturunterrichtes. Dieser Unterricht hat an den nichtmisrachistischen Schulen, die reichlich zwei Drittel des gesamten Schulwerkes ausmachen, im allgemeinen drei Mittelpunkte: Bibel, Achad Haam und moderne hebräische Dichtung, vor allem Bialik und Tschernichowski. Was sonst noch etwa gelesen wird, steht durchaus in zweiter Linie und wirkt meist nur kenntnismäßig, nicht aber snrachbauend ein: ein wenig Mischnah. noch wenieer. (und sehr oft gar kein) Talmud, hebräische Dichtung des Mittelalters. Religionsohilosoohie. Es ist klar, daß diese Gewichtsverteihmg des Stoffes einer bestimmten zionistischen Ideologie entsoricht: sie sniegelt den Snrung wider, den ein Teil der Bewegung von der Bibel in die Gegenwart tun möchte, dabei das Mittelalter, also Ghetto und Galuthdeichsam als nichtgeschehen und auch in seinen literarischen Manifestationen als nebensächlich überhünfend. Die enee Verknünfung. in der hier Snrache und Stoff erscheinen, ergibt sich auch aus der Schwierigkeit, den hebräischen Schülern Literaturwerke wie die von Mendele Mncher, S'farim oder von Agnon nahezubringen: die dort geschilderte Welt des iüdischen „Städteis" ist auch inhaltlich so fremdartig, daß ihre Darstellung oft kaum reziDiert wird. Die entscheidende Frage, die sich aus dem Vorangegangenen ergibt, ist also die nach dem Unterrichtswert der jüdisch mittelalterlichen Literatur einschließlich des Talmuds. Ohne ihre Einbeziehung wird sich eine echt historische Kontinuität der Sprachentwicklung ebensowenig sichern lassen wie eine Wiederaufwertung des gesunkenen Sprachstandards. Diese Einbeziehung aber kann wirksam nur durch eine tiefe geistige Wandlung der zionistischen Beweeuner selbst geschehen, die einen neuen Blick auf das jüdische Mittelalter gewinnen, ihren eigenen Standpunkt zu ihm revidieren und ihre revolutionäre Selbstaurfassung nicht säkularisierend interpretieren müßte. So stehen denn die Fragen von Sprache und Stoff letzten Endes im Zusammenhang mit denen der Weltanschauung und Judentumsauffassung, wie sie noch unmittelbarer bei anderen Unterrichtsgegenständen auftreten, von denen nun die Rede sei. II. Geschichte und jüdische Geschichte Die methodischen Bemühungen der hebräischen Lehrerschaft, einen Ausgeich zwischen den Anforderungen allgemein historischer Bildung und der zentralen Stellung der jüdischen Geschichte zu finden, haben bisher noch zu keiner endgültigen. Lösung geführt. Der manchmal propagierten, doch wohl kaum irgendwo durchgeführten, wenn auch in einem neueren Volksschullehrbuch zum Ausdruck kommenden vollkommenen Zusammenlegung jüdischer und allgemeiner Geschichte begegnen schwersten Bedenken. Führte man sie durch, so würde zweifellos. Anordnung und Periodisierung des Stoffes unter den herrschenden Gesichtspunkten der jüdischen Geschichte erfolgen, denn andernfalls wieder wäre die Zusammenlegung selbst überflüssig und sinnlos. Eine solche Konsequenz aber müßte zu einer gefährlichen Verstärkung jüdisch-chauvinistischer Motive und zu ihrer Übersetzung in das Geschichtsbild führen. Man kann eben Napoleon nicht von der Belagerung Akkos aus, sondern nur von der französischen Revolution her verstehen. Die Verschiebung aller Perspektiven, die Verleugnung aller Größenordnungen, wie sie bei fast allen unseren jüdischen Historiker, Grätz und Dubnow nicht ausgenommen, die Regel ist, würde dann verewigt werden. Eine psychologische Eigenschaft der Galuthsituation. die sich aus dem faktischen Überall-Peripherie- Sein durch ein künstliches Salto mortale in den Mittelpunkt des Weltalls versetzt, würde dann in Palästina verstärkt und beibehalten, statt hier gerade in einem neuen und selbstverständlicheren Sicherheitsgefühl überwunden zu werden. Dieser Weg also geht nicht an. Auf der anderen Seite sind die Gefahren des bisherigen Lehrbetriebes kaum minder augenscheinlich. Das wichtigste Lehrbuch für die gesamte mittelalterliche Geschichte von der Völkerwanderung an bis zum Ausbruch der französischen Revolution ist wörtlich aus dem Amerikanischen des Professors Robin- 1869 Bayerische Vereinsbank , Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plötzen Bayerns rechts des Rheins Verwahren Sie wghrend Ihrer Urlaubsreise wichtige Urkunden, Wertpapiere oder sonstige Wertgegenstände zu Hause? Sie sichern sich vor Verlusten durch Feuer und Diebstahl wenn Sie sich ein Schrankfach (Safe) in unseren Stahlkammern mieten. Besichtigen Sie unsere Anlage! Die GebOhr für das kleinste Schrankfach (7 cm hoch, 30 cm breit. 50 cm tief) beträgt pro Monat RM. 1.—.