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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-08-01 · 15 (1.8.1933) · p. Seite 228

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
15 (1.8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 228 (sequence 4)
Language
German
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328 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 hin in manchen nachgeborenen kindlich mächtigen Personen dargestellt; aber ein Bildungsziel läßt sich daraus nicht mehr holen: an jener unangefochtenen Naivität hing alles, und sie ist nicht wiederherzustellen. Dennoch sage ich, daß wir ein Bildungsziel haben und es nur wahrzunehmen, es nur zu entdecken brauchen. Diese Entdeckung kann nicht romantisch, sondern nur realistisch vollzogen werden, also vom heutigen Menschen und seiner Lage aus. Wir nehmen unser Bildungsziel wahr, wenn wir die gegenwärtige Weltsitua'tion und uns in ihr wahrnehmen. Die Situation kann etwa dahin ausgesprochen werden, daß die Geschichte der Erdbevölkerung wieder „labil" geworden ist, und anscheinend labiler als je. Die „festen Verhältnisse", die vor zwei Jahrzehnten noch den einigermaßen gleichbleibenden Hintergrund all der wechselnden Ereignisse, Entwicklungen, Konflikte und Krisen abgaben, sind allsamt mit ins Gleiten geraten. Die „Siherheit der Voraussetzungen", das Werk der von der französischen Revolution emporgetragenen bürgerlichen Gesellschaft, ist entschwunden. Der Mensch ist exponiert. Die exponierteste Menschensippe aber sind die Juden. Die bürgerliche Gesellschaft hatte ihnen um den Preis einer Selbstentäußerung, die zu Triumphen des individuellen Geistes, aber auch zu schweren typologischen Entartungen geführt hat, eine Sekurität verliehen, die sich nun als eitel erweist. Am: Juden entladen sich die Spannungen der Gegenwart, die äußeren und inneren, am stärksten, sie drohen ihn zu zersprengen. Die Labilität geht ihm an den Kern des Wesens. Hier wird der Kampf des Menschen exemplarisch ausgefoch'ten. Was wird daraus werden? Hier, wenn irgendwo, entdecken wir unser Bildungszie), das Bild, das wir verwirklichen sollen. Es ist der der Situation an dem exponiertesten Punkt gewachsene Mensch. Es ist der überwindende Jude. Überwinden aber können wir nur von einem Unüberwindlichen her, das der Labilität nicht Untertan ist, das von ihr nicht erfaßt werden kann, das ihr unbedingt überlegen bleibt. Einzig von den Urkräften seines jüdischen Daseins, von der Urverbundenheit „Israels" her, untereinander und mit dem "Ursprung, untereinander, weil mit dem Ursprung, wird der Jude auf bebendem Boden standhalten und sein bebendes Herz zur Ruhe bringen. Daß der jetzt heranwachsende Jude sich auf den Urbestand seines geschichtlichen Wesens besinne und sich aus ihm neu aufbaue zu dem- Menschen, der die Problematik der Gegenwart am exponiertesten Punkte bewältige, das ist das Ziel unseres Bildens, ihr jüdischen Erzieher auf deutscher Erde! Wir wollen ungespaltene, unbefangene, unabhängige Geschlechter erziehen. Wodurch sonst sollten sie es werden als durch die Wiedererweckung der Urkräfte in ihnen, durch die Wiederknüpfung der Urverbundenheit? Als dadurch, daß die Urkräf'tie ihnen normativ wurden und ihrem Leben eine selbständige Ordnung spenden, daß die Urverbundenheit ihnen fundamental wird und ihrem Leben einen unerschütterlichen Halt schenkt, eine Gewißheit die nicht zerstört werden kann? Wir wollen ein neues Israel erzielen, das „mit Gottheit und mit Menschheit streitet und überwindet". Man frage nicht, für welches Land wir erziehen wollen. Für Palästina, wem es das Land sein darf. Für irgendeine Fremde, wem sie das Land sein muß. Für Deutschland, wem es das Land sein kann. Es ist ein Bild, ein Ziel, eine Erziehung. Probleme des Unterrichtes in Palästina Von Dr. Ernst Simon, Haifa Hier legt uns einer der erfahrensten Schulmänner des neuen Palästina einen ungewöhnlich wichtigen Beitrag vor, der weit mehr ist als ein Aufsatz über palästinensische Schulfragen. Ernst Simon, aus dem preußischen Mittelschuldienst hervorgegangen, hat durch seine große Arbeit über „Hegel und Ranke" (München, Oldenbourg 1928), vor allem durch sein letztes (in Leipzig bei Teubner 1931) erschienenes Buch „Das Werturteil in der Geschichte" sich auch als wissenschaftlicher Pädagoge und als Geschichtsphilosoph weit über jüdische Kreise hinaus einen bedeutenden Namen gemacht. Wer den-folgenden Beitrag mit Parteiaugen oder mit einer vorgefaßten Meinung liest, wird nicht auf seine Rechnung kommen. Die Zukunft des Hebräischen, die echt historische Kontinuität der Sprachentwicklung, die drohende Verflachung der heutigen Sprache zu einem hebräischen Esperanto ist selten mit so tiefer Sorge und gleichzeitig so großer Sachkunde erörtert worden wie hier. I. Sprache und Literatur Für den oberflächlichen Betrachter scheint das Problem der Sprache in Palästina mit der fraglosen Durchsetzung des Hebräischen in der Schule gelöst zu sein. In Wahrheit aher .beginnt es gerade hier. Es stellt siehnämlich die Frage nach -dem Umfang und nach der Tragfähigkeit, dergesprochenen und gelernten Sprache. Jeder Beobachter dieser Entwicklung stellt, bei sehr verschiedener Bewertung des gleichen Sachverhalts, immer wieder fest: die Sprache vereinfacht sich, sie profanisiert sich und sie europäisiert sich in gewissem Maße. Manche heißen diese Entwicklung willkommen und sehen in ihr das Zeichen endlich erlangter voller Lebendigkeit und Natürlichkeit. Andere aber, und unter ihnen der Verfasser, erblicken-hier eine Gefahr, die ebenso weittragend für sich selbst wie typisch für die gesamte kulturelle Situation des neuen Palästina ist. Von diesem zweiten Gesichtspunkt aus soll der Stand der Dinge hier etwas näher erläutert werden. Der Umfang einer Sprache hängt bekanntlich nicht von der Anzahl der Wörter oder Wortstämme ab, die im Lexikon stehen, sondern von der Anzahl der aktualisierten, tatsächlich gebrauchten Begriffe und Formen. Obwohl eine zuverlässige Statistik dieser Art, wie sie etwa für den Wortschatz des englischen Bauern gemacht wurde, für das gesprochene Hebräisch fehlt, so darf man doch vermuten, daß eine gewisse Verringerung der insgesamt umlaufenden Sprachmünzen stattgefunden hat, nicht etwa nur, was zweifellos der Fall ist, im Vergleich zum latenten Schatz der hebräischen Traditionsliteratur, sondern wohl auch im Vergleich zu' den Sprachen der Elterngeneration aus der Diaspora. Auch die zahlreichen Neubildungen werden dies Ergebnis kaum wesentlich beeinflussen. Seine Folgen äußern sich nicht etwa darin, daß der Hebräer gewisse Dinge als un-

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