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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-08-01 · 15 (1.8.1933) · p. Seite 227

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
15 (1.8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 227 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 22? Das heißt: ich stelle in dieser Stunde und in sie die Frage nach unserem Bildungsziel. Unterrichtsnot treibt uns an, aber die Schau des Bildungsziels muß uns leiten, wollen wir uns nicht im Kreis drehen, sondern einen Weg abschreiten. Von der Situation aus müssen wir handeln, aber nicht ihr verhaftet. Freilich, wenn wir uns jetzt erst ein Ziel zurechtzumachen hätten, stünde es übel um uns. Ein wahres Ziel im Leben der Gemeinschaft wird nicht aufgesteckt wie eine Stange beim Rennen: es war Schon da und wird nun wahrgenommen. Wir haben ein Bildungsziel. Wir brauchen es nur wahrzunehmen. Bildung kommt von bilden und bilden von Bild. „Bilden" heißt ein gescheutes Bild im irdischen Stoff verwirklichen, so daß es in die Welt der Dinge tritt. Menschen bilden heißt ein geschautes Menschenbild in lebenden Personen verwirklichen. Der Erzieher ist dann ein Menschenbildner, wenn er an den ihm anvertrauten bildsamen Wesen, ihre Personhaftigkeit achtend, ja fördernd, eben dies vollbringt. Er kann es aber nur dann vollbringen, wenn das Bild, dem er dienen will, nicht seiner, individuellen Phantasie entstammt: wenn es ein allgemein gültiges ist. Ein „'allgemein", richtiger: für die Allgemeinheit eines Zeitalters gültiges Bild nenne ich eines, das einem Volk oder mehreren Völkern in diesem Zeitalter „vorschwebt" als das des rechten Menschen. Begrifflich braucht es keineswegs formuliert zu werden. Es steht gleichsam über aller Köpfen in der Luft, man schaut zu ihm auf: so ist der rechte Mensch beschaffen, so will ich, so wollen wir sein. Je wurzelechter eine Kultur, um so sichtbarer ist ihr Bild: der Pölites des klassischen Athen, der Christenmensch des abendländischen Mittelalters. Eins der letzten Bilder im modernen Europa war, in der Welt Rousseaus entstanden, aber in der Lessings und Herders zur vollkommenen Gestalt geklärt, der weltoffene Mensch, der „Weltbürger", der die Gegenstände und Werte einer ganzen Menschheit aufnimmt und in seine eigentümliche, organische, volksbedingte Form verarbeitet. Aus dem Zerfall dieses Bildes — denn auch Bilder zerfallen — ist das hervorgegangen, was wir „allgemeine Bildung" nennen; eine Bildung ohne Bild, eine Umbildung. Nicht länger organisch eingeformt, liegen hier die Gegenstände und Werte der Menschheit in einem scheinbar systematisch gegliederten, tätsächlich aber verworrenen, weil nicht mehr in lebendige Gestalt gebundnen Haufen beisammen. Das Zerfallsprodukt „allgemeine Bildung" beherrscht ein Jahrhundert ungeheurer Stofferweiterung, ungeheurer technischer Bezwingung, aber niedergehenden Geistes und niedergehenden Bildnertums. Unsere Zeit, die am Ende dieses Jahrhunderts steht, ist durch Versuche gekennzeichnet, ein neues Menschenbild zu erzeugen, vom bewußten Willen her also den Mangel des unwillkürlichen Wachstums zu füllen. Einer dieser Versuche ist der, den „völkischen Menschen" zu schaffen. Die deutschen Juden leben heute im Angesicht solch eines Versuchs, der sie, weil er auf eine blutmäßige Reinkultur des deutschen völkischen Menschen gerichtet ist, ablehnen und ausschließen muß. Das vom bewußten deutschen Volkswillen unserer Tage gesetzte Bildungsziel kann: seinem Wesen nach nicht das ihre werden. Haben sie ein eigenes? Oder sind sie ziellos, richtungslos dem Wirbel preisgegeben? Sinnlos und nichtig wäre das Unterfangen, dem völkischen Bild gegenüber uns als Hüter der „allgemeinen Bildun g", etwa einer durch etliche jüdische Inhalte verbrämten, zu behaupten, in einem Raum bewußter Bild -Erzeugung das bildlose Zerfallsprodukt als unser Monopol bewahren zu wollen. .Aber es steht uns auch nicht an, auf die Aktivität, die uns umgibt, reaktiv: mit einem jüdischen völkischen Bild zu antworten. Es steht uns nicht an, weil wir durch keinen völkischen Begriff zu umreißen sind, — einst als Glaubensgemeinschaft volkgeworden, als Glaubensvolk seither dauernd, so daß unsere „nationale" Bindung an Natur und Geschichte von unserer „religiösen" Bindung an die Manifestation, die unsere Volkswerdung und unsere Volksbürgschaft ist, nicht abgetrennt werden kann. Zu dem Bild Israels gehört unwegdenkbar die Hand, die von drüben her die Tafeln uns reicht, unwegdenkbar die sichtbare Majestas unseres unsichtbaren Königs. Jenes steht uns aber auch deshalb nicht an, weil wir zwar dem Blüte nach, wenn auch nicht „rein", so doch wesentlich selbständig, aber geistseelisch hundertfältig vermischt sind, eingemengt in das Leben, die Sprachen, die Strukturen, die Geschicke der Völker, — eine Tatsache, das nicht der flüchtigen Oberfläche, sondern der geschichtlichen Tiefe unserer Existenz, in besonderer Steigerung bei den deutschen Juden, deren Begegnung mit dem deutschen Volk eine elementar ernste, schicksalhafte, fruchtbare und tragische gewesen ist. Es wäre leichtfertige Willkür, sich über dieses großartig und unheimlich Faktische hinwegzusetzen. Auch die von hier nach Palästina gehen, um in hebräischer Gemeinschaft hebräisch zu leben, tragen in ihrer Beschaffenheit deutsches Seelengut mit hinüber. Unser Bildungsziel kann keins der völkischen sei n. Aber es wäre auch vergeblich, uns vorzunehmen, jenes allgemeingültige jüdische Menschenbild zu erneuen, d.as unseren abendländischen Ahnengeschlechtern bis zur Emanzipation vorgeleuchtet hat: das Bild des zugleich wahrhaft frommen und wahrhaft gelehrten Mannes, der, in Israel naiv beheimatet, der „Weisung" in all ihrer Kasuistik kundig ist u n d z u gleich ihrer Verwirklichung in Gottes- und Menschenliebe unbefangen-gelassen obliegt. W-oh 1 hat dieses Bild sich noch in unsere Zeit Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München7

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