Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 14 (15.7.1933)
- Date
- 1933-07-15
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 215 in dieser Notzeit nach jüdischer Kulturautonomie in Deutschland zui rufen, als mitten in einem durch und durch säkularisierten Zeitalter einer von ihrem religiösen Urgrund weg längst ins wegelos Materielle und Moralische verschlagenen Judenheit langsam und geduldig wieder jüdische Eigenart bewußt zu machen. Dies leistet in vorbildlicher Weise der „Morgen". Die beiden ersten Hefte des neuen Jahrgangs bieten die beste Auswahl von Themen, von denen aus ein Zugang in den innersten Werdegang des Judentums gewonnen werden kann. Freilich, nur wer gewohnt ist jenseits von Entspannungswünschen und Zerstreuungsabsichten. Anregung zu suchen und sich in jüdische Probleme in objektiver Weise zu vertiefen, wird auf seine Rechnung kommen. Es handelt sich, nicht um einen Ersatz für die Berliner oder Münchener „Illustrierte", auch nicht für den „Querschnitt" oder den „Uhu". Durch beide Hefte geht die lichtvolle Inhaltsanalyse und Kritik des neuen Werkes von Henri Bergson: Les deux sources de la morale et de la religion. Ernst Cassirer ist ihr Verfasser; er frägt Bergson neukantianisch ab. Um so spannender und ergebnisreicher das Examen! Cassirer stellt mit Befriedigung fest, daß Bergsohns Ethik, auf dem Boden desNaturalismus, auf dem Boden der reinen Lebenslehre, dieselbe Forderung zur Geltung gebracht hat, die Kant seinerseits vom Standpunkt des transzendentalen und des ethischen Idealismus verfocht. — In eine andere Wissensphäre führt die Abhandlung von Prof. Brutzkus: „Über die Abstammung der Juden." — Selma Stern versucht in einer kulturgeschichtlichen Skizze der „seelischen Struktur" des mittelalterlichen Ghettojuden neue Seiten abzugewinnen. — Ernst Holzer und Franz Oppenheimer diskutieren über Fragen der deutsch-jüdischen Bauernsiedlung. — Besonders anziehend ist der Beitrag von Raphael Straus (München) über Dessaus Geschichte der römischen Kaiserzeit; hier wird viel mehr als eine Besprechung des Werkes von Hermann Dessau" geboten. Aus einer intimen Kenntnis des Gegenstands und des geschichtswissensehaftlichen Forschungs: Standes zeigt Straus den dreifachen Standort, von dem aus eine Annäherung an die 300 Jahre römisch-jüdischer Geschichte: 150 vor Chr. bis 150 nach Chr. möglich ist. Das Neue, das Epochemachende an der Geschichtsschreibung eines Theodor Mommsen, eines Wellhausen, eines Eduard Meyer, aber auch ihre Grenzen werden sichtbar. Dessau vermeidet in seiner viel anspruchsloseren Darstellung des gleichen Zeitraumes, die Einseitigkeiten dieser drei Großen. Innerjüdische Geschichte, die christliche Frühgeschichte, die Geschichte Roms und 'das Schicksal der Prokuratur Judaea im römischen Weltreich, die drei gewaltigen Themen schneiden sich bei der Betrachtung der drei schicksalträchtigen Jahrhunderte. Die Weite der morgen- und abendländischen Religions- und Staatengeschichte muß man ebenso ausmessen wie die Tiefe der Kulte und geistigen Strömungen auf dem Boden Roms, Jerusalems, Alerandrias, wenn man eine Ahnung bekommen will von der Zeit-vor und nach der Entstehung des Christentums und von dem, was eigentlich hier vorging. II. Der Herausgeber wagt sich im Juni-Heft an ein heikles, aber sehr dringendes Problem: Die Stellung des Rabbiners in der Gemeinde. Die drei Beiträge darüber von Rabbiner Max Dienemann, Oberrabbirier Joseph Carlebach und Rabbiner Max Wiener schildern das Amt, seine Herkunft, seine Aufgaben und Sorgen in einer edlen und idealen Weise. Als zentrale Funktion des Rabbiners wird gleichmäßig festgestellt, „die Abgeklärtheit der biblischen und talmudischen Welt in die Gemeinde zu tragen'*; „indem er selbst in sich die Verkörperung des Ewigen darstellt, bringt er in die Unrast der Stunde den Frieden des Überzeitlichen. Er wird selbst den Seinen das Bild des Friedens." „Solange in Israel noch ein Funke der Ehrfurcht vor der ewigen, menschenerziehenden und menschenformenden Kraft des jüdischen Ideals glüht, solange der Träger der räbbinischen Würde durch schlichte Menschlichkeit und wahre Geistigkeit noch seiner Gemeinde voranleuchtet, ist der Einfluß seiner Stellung groß." Neben diesen Tönen steht mit beiden Füßen auf der Erde die Kritik an unseren jüdischen Gemeinden und Gemeindestuben. Was Rabbiner Max Wiener darüber wohlabgewogen sagt, ist ohne Einschränkung zu unterschreiben: das tragikomische Zerrbild von Parlamentarismus und die absolute Abneigung unserer Jugend als Publikum oder als Akteure das groteske Schauspiel einer so' nahen Vergangenheit fortzusetzen. „Der mächtige, für unsere Verhältnisse wohl auch schon unter normalen Bedingungen übersteigerte Apparat hat bestenfalls Aussicht, auf sehr bescheidenen Umfang zurückgeführt, weiter zu bestehen." Diese Kritik ist ebenso berechtigt wie die Forderung, daß das zu vermittelnde geistige Gut (über gelehrtes, noch so tief dringendes Wissen hinaus) für Gefühl und Willen zum jüdischen Leben fruchtbar gemacht wird, daß also in dem rationalen Begreifen und in dem Wissen um Vergangenheit und Gegenwart liebendes Einfühlen und warmherziges Verstehen mitschwingen müssen. Die drei vorzüglichen Beiträge über das deutsche Rabbinertum sind dringend ergänzungsbedürftig durch Äußerungen aus dem Kreis der jungen Rabbinergeneration und aus dem Kreis der jüdisch tätigen, wissenden und fühlenden Gemeindeglieder. Als Widerpart zu den idealisierenden und wohl auch aus der Welt des Idealismus kommenden drei gleichgestimmten Monologe vermißt man eine moderne Stimme, die statt des seiner selbst sicheren echt idealistischen Innewerdens der idealen Rabbiner-Mission ein Wort sagt von unserer aller Ratlosigkeit, von dem wahren Charakter auch des jüdischen Glaubens als des Wagens über einem Abgrund. Denn statt des Gefühls der Sicherheit und Gewißheit, an Stelle des Wunschbildes irgendeiner Gestalt in sich ruhender edler Geistigkeit ist das Gefühl des Ausgesetztseins und der Fragwürdigkeit unserer bürgerlichen Sicherungen getreten. An der Unruhe des heutigen, wirklich religiösen jungen Menschen prallt die Gelassenheit scheinbar gefestigter Idealismen aus einer verdämmernden Zeit meist wirkungslos ab oder wirkt unlebendig und nichtssagend. F.