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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-07-15 · 14 (15.7.1933) · p. Seite 214

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
14 (15.7.1933)
Date
1933-07-15
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
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214 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 der dritten Generation. Daß dies nur eine praktische, keineswegs eine sachlich immer das Richtige treffende Bestimmung ist, leuchtet Kittel ein. Aber das Einzelschicksal ist nichts; es geht ums Judentum als das Ganze; und das Judentum muß ausgedeutet werden. Der beste Weg dazu ist, daß das Judentum sich wieder auf seine Religion besinnt (ein Gedanke, der heute manchen Juden mit Recht sehr beschäftigt). Sobald das Judentum wieder eine Religionsgemeinschaft wird, heben sich viele .Schwierigkeiten. Denn das Judentum als Religion verwirft die Assimilation. Es lebt als Gast unter den Völkern, und solange es sich als Gast beträgt, mag es-geduldet werden. Dann spricht der deutsche Richter wieder dem deutschen Volksgenossen deutsches Recht. Die deutsche Zeitung bringt dem deutschen Leser den Artikel des deutschen Verfassers und dem deutschen Zeitungsverleger den Lohn für sein angelegtes Geld. An der deutschen Hochschule lehrt der deutsche Professor die deutsche Jugend und erzieht sie zugleich. Ist aber ein Jude Physiker oder Chemiker von Gottesgnaden, dann kann Deutschland ihm als einem Gaste ein Forschungsinstitut zur Verfügung stellen. Aber Lehrer, Erzieher der deutschen akademischen Jugend ist er besser nicht. Man kann nicht verkennen: hier spricht ein warmes Herz aus einem Volke, das Unsägliches gelitten hat und das heute wieder seines Deutschtums froh und stolz geworden ist, und diese Wärme findet hohe Töne und wogt hoch hinauf fast bis ins Reich der traumhaften Verklärung der Zukunft. Ob es so würde, wie es meint? Wir übergehen, was Kittel über die Frage sagt, was denn mit den Juden werden soll, die aus innerster Uberzeugung Christen werden? Sie sollen eine judenchristliche Kirche bilden von eigener Art, aber Kittel wird in ihnen allen den christlichen Bruder ehren. Nur bleiben sie eben Juden, Judenchristen und werden nimmer Christen. Ob sie in diesen Judenchristenkirchen auch das Wort des Paulus lesen dürfen: „Hier ist kein Jude noch Grieche, denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesus"? Es steht im Neuen Testament. Ja, die Judenfrage! Sie ist wahrlich keine leichte Frage. Es ist zutreffend, daß der fromme Jude, der bei seiner Religion geblieben und in ihr treu ist, zu den besten, gütigsten, verläßlichsten und ehrenwertesten Menschen gehört, die es gibt. Es ist auch zutreffend, daß der Jude, der seiner Religion entwachsen ist, wenn er nicht aus Überzeugung ein überzeugter Christ wurde, in Gefahr steht, ein entwurelter Mensch und deshalb zugänglich jeder Haltlosigkeit des Geschmackes, der Gesinnung, der Sittlichkeit, der Geschäftsgebarung zu werden. Es ist keine Frage, daß die ganze zerstörende, zersetzende, faulende Wirkung des Krieges auf Sinne und Gesinnung des Menschen diesen entwurzelten Juden vielleicht noch mehr getroffen hat, als den Nichtjuden (daß nicht alle Deutsche, die nicht Juden sind, Christen wären, wagt wohl kaum jemand zu behaupten). Es ist zutreffend, daß das Elend des Krieges, das noch größere, weil schleichendere Elend der Nächkriegs jähre mit all ihren Enttäuschungen, ihren Herabsetzungen, welches Deutschland betroffen hat. und welches eine Gesamtschuld der ganzen lebenden Menschheit darstellt, die deutschen Juden besonders traf, weil sie entwurzelt waren, und daß zur Seite der Zersetzung des deutschen Wesens, von der jetzt Deutschland in einer ebenso erstaunlichen, unfaßbaren, wie furchtbaren und rätselschwangeren Erhebung sich zu befreien sucht, eine wohl noch größere Zersetzung der deutschen Juden (man erlaube uns Nichtdeutschen sie auch weiterhin so zu nennen, denn sie sind es) lief. All das ist wahr. Die Judenfrage ist nicht leicht zu beantworten. Aber dann bleibt auch wahr, und das sieht Kittel leider nicht, daß wir von Deutschland um Deutschlands, seiner geistigen Größe und seiner leuchtenden Vergangenheit willen eine Lösung seiner Judenfrage erwarten, die dessen würdig ist, was groß, furchtlos, edel und was menschlich ist. Erwiderung von Professor Kittel Auf den oben wiedergegebenen Aufsatz von Prof. Köhler, eines in der Tat berufenen Kritikers, erwidert Prof. Kittel in der „Neuen Zür. Zeitung" vom 9. Juli:. Die Besprechung meiner Schrift „Die Judenfrage" - gibt zwar im ganzen sehr ausführlich meine Gedanken wieder, verkürzt diese aber an zwei entscheidenden Punkten, so daß der Leser unmöglich meine wirkliche Gesinnung erkennen kann. Diese ist gewiß um meiner selbst willen nicht von Bedeutung, wohl aber darum, weil Nichtdeutsche aus ihr Schlüsse auf die Gesinnung meines Volkes ziehen werden. 1. Ich habe nicht nur den von meinem Kritiker zitierten Satz geschrieben: „Alle Juden totschlagen, heißt nicht die Lage meistern", sondern daneben steht, daß eine solche gewaltsame Ausrottung, wie sie die Systeme der spanischen Inquisition und die russischen Pogrome versucht haben, „für eine ernsthafte Betrachtung nicht in Frage komme". Ich fuhr fort: „Der Gedanke entbehrt auch des inneren Sinnes. Ein geschichtlicher Tatbestand, wie er mit diesem Volk gegeben ist, wird höchstens in demagogischen Schlagworten, niemals aber in der Geschichte selbst durch Ausrottung des Volkes gelöst. Der Sinn einer geschichtlichen Lage ist immer, daß sie uns eine Aufgabe stellt, die wir meistern sollen." (S. 14.) Ich darf verlangen, und zwar um der von meinem Kritiker mir gerade an diesem Punkte bestrittenen Ehre willen, daß man mir zuerkennt: damit ist nichts anderes gesagt, als eben jenes: daß „es Dinge gibt, die man um seiner selber willen nicht tut". — Im übrigen habe ich in meinem Büchlein von 78 Seiten genau 12 Zeilen von diesem „Totschlagen" geredet, weil ich glaubte, diese Möglichkeit sei so absurd, daß man selbst dem wildesten Antisemiten gegenüber und auch als Professor der Theologie sich dabei jiicht aufzuhalten brauche. 2. Was die judenchristliche Kirche und meine Forderung einer solchen anlangt, so bitte ich wiederum einige Sätze meiner Schrift zitieren zu dürfen (S. 72f.): „. .. ist ebenso klar, daß solche Feststellungen nicht das Geringste von der in Christus gegebenen christlichen Gemeinschaft abziehen. Der christliche Jude ist selbstverständlich, wie jeder Gläubige auf der ganzen Erde, in vollem Maße mein christlicher Bruder; darüber kann ein Zweifel oder eine Diskussion unter Christen überhaupt nicht entstehen." „Und darüber hinaus muß klar und unangetastet bleiben: auch wenn wir einmal eine selbständige judenchristliche Kirche hätten, in der der Judenchrist seine eigene geistliche'Heimat hätte: so wäre diese judenchristliche Kirche unsere Bruderkirche, denn sie wäre ein Glied am Leibe Christi und sie wäre ein Stück dessen, was wir mit dem dritten Artikel bekennen und immer bekennen werden: Eine heilige allgemeine christliche Kirche." „Der Morgen", die Zeitschrift des deutschen Juden von heute Die beiden ersten Hefte des neuen Jahrgangs — Die Stellung des Rabbiners-4n der Gemeinde — Henri Bergsons neues Werk I. Im April trat die von Julius Goldstein gegründete Zeitschrift „Der Morgen" in das neunte Jahr. Es ist am Platz, hier eindringlich unserer jüdischen Umwelt diese ausgezeichneten Blätter in Erinnerung zu bringen. (Man bezieht die Zeitschrift, die alle zwei Monate erscheint, durch jede Buchhandlung oder direkt vom Philo-Verlag, Berlin W 15, Emserstraße 42, zum Preis von 12 RM. für den Jahrgang mit 6 Heften.) Es ist wahr: Wenn das deutsche Judentum nicht eine Zeitschrift vom Range, des „Morgen" hätte, so wäre jetzt der Zeitpunkt, sie ins Leben zu rufen. Denn es istleichter

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