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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-07-15 · 14 (15.7.1933) · p. Seite 213

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
14 (15.7.1933)
Date
1933-07-15
Page
Seite 213 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 213 „Die Judenfrage/' beanfworfef von Professor Gerhard Kittel Von Professor Ludwig Köhler Professor Gerhard Kittel hat sich als Kenner des alten Judentums einen bedeutenden Namen gemacht. Er gehört zu den wenigen christlichen Theologen, die zu dem talmudischen und rabbinischen Schrifttum aus ersten Quellen Zugang haben. Sein Buch über d i e Probleme des palästinischen Spätjudent u m s (Stuttgart, Kohlhammer 1926), dann seine Vorlesungen an der Universität Upsala aus dem Jahre 1931 über diejüdischeReligioninderurchristliehen Zeit (unter dem Titel „Die Religionsgeschichte und das Urchristentum" bei Bertelsmann in Gütersloh im Jahre 1932 erschienen), vor allem sein im Entstehen begriffenes großartiges Wörterbuch des Neuen Testaments zeugen von einem großen Gelehrten und intimen Kenner der jüdischen Religion. Das hat ihn leider veranlaßt, ein Zeitbuch zu schreiben. Sein bedeutender Züricher Kollege, der evangelische Professor für Altes Testament Ludwig Köhler gibt in der Neuen Züricher Zeitung vom 1. Juli 1933 die nachstehende Analyse und Kritik der neuen Schrift von Kittel. F. Gerhard Kittel, ein deutscher Christ, Doktor der Theologie und Professor der neutestamentlichen Wissenschaften an der Universität Tübingen, der einzigen deutschen Universität, „an der es weder in der Dozenten-, noch in der Studentenschaft eine Judenfrage gibt", veröffentlicht soeben eine kleine Schrift „Die Judenfrage" (Verlag von W. Kohlhammer, Stuttgart 1933. 78 S.), die zu besprechen niemand leicht suchen wird, die aber, nachdem einmal die Einladung dazu ergangen, hier zu beleuchten Pflicht ist. Nehmen wir das Günstigste gleich vorweg. Die Behauptung jüdischer Ritualmorde wird als mittelalterliches Märchen erklärt. Ablehnung erfährt auch „das ganze Arsenal echter und falscher und aus dem Zusammenhang gerissener Talmudzitate..., zu welchen vor allem zu sagen ist, daß schwerlich ein einziger von denen, die diese Zitate weitergeben, je den Talmud wirklich gelesen hat". Ein Merkmal für den schreienden Antisemitismus, aus Kittels Munde besonders bedeutsam, denn er hat sich reichlich darüber ausgewiesen, daß er das rabbinische Schrifttum kennt und versteht. Aber folgen wir seinem Gedankengang! Die Frage, worin die Judenfrage wurzle, ist ernst, denn nur bei ihrer Beantwortung kann man wissen, ob die deutsche Gesetzgebung gegen das Judentum, „die.doch mit Notwendigkeit zahlreiche rechtschaffene Menschen hart treffen muß," sich ethisch und christlich rechtfertigen lasse. Da die NSDAP, bewußt auf dem Boden des positiven Christentums steht, muß es möglich sein, „dem Kampf gegen das Judentum eine christliche Sinndeutung zu geben". Mit Schlagworten und Sentimentalitäten ist nichts getan. Es geht um Tatsachen. Welches sind sie? Die Deutschen stehen dem Juden — es ist immer Gerhard Kittel, dessen Gedanken wir hier geben — in einer Lage gegenüber, die durch zwei geschichtliche Ereignisse geschaffen ist. Das eine ist die Zerstreuung des Judentums unter alle Völker, wodurch es ein Fremdling unter den Völkern wurde. Die Juden leben seit bald zweitausend Jahren als eine fremde Religion und als eine fremde Rasse unter anderen Völkern. Sie sind keine Minorität völkischer Art, denn sie haben nirgendswo ein geschlossnes Volkstum hinter sich. Sie sind eine Diaspora. Das andere geschichtliche Ereignis ist die Judenemanzipation der letzten zwei Jahrhunderte. Durch sie entstand der Vorgang der Assimilation: der Jude in Deutschland wähnt Deutscher zu sein oder zu werden, er träumt vom jüdischen deutschen Staatsbürger, wie der in Frankreich Franzose sein oder werden will. Dabei sind die Juden, trotzdem sie Diaspora sind, doch ein Volksganzes. Es geht nicht um die Juden als einzelne, sondern um die Juden als Volk. Schalten wir hier nur schnell die Anmerkung ein, daß in Frankreich, in England und anderwärts die Juden wirklich Franzosen, Engländer usw. geworden sind. Und daß die Juden Deutschlands zum Teil durch Jahrhunderte hindurch das Schicksal der Deutschen im Guten und Bösen geteilt haben. Sie haben mit den Deutschen in den letzten zwanzig Jahren gekämpft, geblutet, gehungert, gelitten und das Blutopfer für ihr vermeintliches Vaterland gezollt. Und daß (schalten wir auch dies noch ein) es uns kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt zu sein scheint, wenn man den Glauben der Massenhaftung und des Massensehicksals, mit dem wir erst 1914 anfingen wieder vertraut zu werden, wenn man diesen Bausch- und Bogenbegriff gelten läßt und nicht mehr nach den einzelnen fragt. Ich weiß es wohl, daß die Masse heute Trumpf werden will, aber nur mein Kopf vernimmt es, mein Herz wird sich immer dagegen auflehnen. Doch zurück zu Kittel. Mit dem Judentum muß etwas geschehen. Aber was? Es gibt — Professoren sind dazu da, logisch einzuteilen — vier Möglichkeiten. Sie heißen Pogrom: „Man kann die Juden auszurotten suchen," Zionismus, Assimilation und Fremdlingsschaft. Kittel lehnt das Pogrom ab. „Alle Juden totschlagen, heißt nicht die Lage meistern." Nein, wirklich nicht. Man braucht keinen Professor der Theologie, um das festzustellen. Aber ist es möglich, daß ein Deutscher diesen Satz schreibt, ohne zu sagen, daß die Juden totschlagen ja wohl ein wenig unmenschlich wäre. Wer eine Tat erwägt, der bedenkt ja doch wohl nicht nur, ob sie zum Ziele führt, sondern auch und vielleicht zu allererst, ob die Tat seiner würdig wäre. Es gibt Dinge, die man um seiner selber willen nicht tut. Und ich meine, ein Deutscher, Glied des Volkes, dem wir alles Edle, Feine, Innige, Gütige, Große, Menschliche zuschreiben, sollte unfähig sein, so zu schreiben. Daß Kittel hierzu fähig ist, ist ihm keine Ehre. Auch den. Zionismus lehnt er ab. Palästina könnte die Juden gar nicht alle aufnehmen. Was fraglos richtig ist. Bleibt die Assimilation oder die Fremdlingsherrschaft. Die Assimilation ist eine Geburt des 18. Jahrhunderts, jenes Säkulums der Aufklärung, von dem es Mode (aber keine gute, weil keine wahre) geworden ist, ihm alles Böse nachzureden und zuzuschreiben. Als Menschentum, Menschenrecht und Toleranz aufkamen, damals verließen die Juden ihre Rolle als Gäste und glichen sich an. Sie wurden teilweise zum Schein Christen, sie wurden in Deutschland den Deutschen an Rechten gleich, Staatsbürger, die Mischehen kamen auf, denen besonders der Adel huldigte, um Geld zu bekommen, und dann jene Leute, die das Fremde anzog. Also sollte man den Adel zur Verantwortung ziehen? Nein, die Juden! Das Schlimme an der Assimilation war, daß damit der Jude seinem Volkstum entfremdet wurde. Er wird Semideutscher. Er verfällt und wird zersetzt. Er wirkt auch zersetzend. Gegen das Volkstum erhebt sich der Internationalismus. Während das orthodoxe Judentum die Assimilation als Abfall bekämpft, wird sie ein Dogma des Liberalismus. Und seit der Revolution nimmt vollends das Judentum, das assimilierte, dekadente, zersetzende, internationale Judentum „das Recht auf politische, wirtschaftliche und geistige Führung des deutschen Volkes in Anspruch". Presse, Recht, Theater. Literatur. Heilkunde, Universität fallen ihm immer mehr in die Hand. Das Volk leidet darunter. Es lehnt sich dagegen auf. Es weiß, daß es „ein sittliches Recht gäbe, ... nötigenfalls Scheiterhaufen zu errichten und Stinkbomben zu werfen". Auch andere Völker machen das durch. Auch sie werden über kurz oder lang in den deutschen Fußstapfen laufen müssen. Aber das deutsche Volk leidet besonders darunter, weil die Ostgrenze dem ostjüdischen Zufluß leicht das Tor öffnet. Kurz, die Assimilation geht nicht. Bleibt die vierte Möglichkeit: die Fremdlingsschaft. Es soll kein „Deutsches Reich jüdischer Nation" entstehen. Der Begriff Staatsbürger ist ein Unding. Der Jude ist Jude. Wer ihn heiratet, wird Jude. Wer seine Tochter heiratet, wird Jude. Ihre Kinder sind Juden und Judenkinder. Freilich die Behandlung der Abkömminge solcher Mischehen ist „das praktisch unlösbarste Problem". Sohn und Enkel einer Mischehe mögen manchmal schon stark eingedeutscht sein. Man muß also irgendwie einen Schnitt machen, und die heutige Ordnung macht ihn bei

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