Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 14 (15.7.1933)
- Date
- 1933-07-15
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf/14"- - -Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 21 i kommenen Einheit verschmelzen und zu einer einzigen Urkunde werden, etwa" dem Bibeltext mit dem umrahmenden Tar-gum oder Raschikommentar vergleichbar. Wir haben hier nichts Geringeres vor uns als die christlichen unverbrüchlichen Glaubenszeugnisse, die unser eigenes Noch - heutiges - Existieren nach katholischer Lehre begründen. Sie werden von uns mit einem anderen Gefühl gelesen als sonstige noch so einschneidende reHgionsgeschichtliche Urkunden. Das wahre Israel sind nicht rnehr die von Gott wegen ihrer Ungläubigkeit verworfenen Juden, sondern die an Christus glaubenden Heiden. Der übernatürliche Glaube, nicht die fleischliche Abkommenschaft von Abraham, führt zur Gotteskindschaft. Daß die Juden noch nicht untergegangen sind, .daß die Synagoge noch heute besteht, das ist nach christlicher Lehre ein Zeichen der eschatologischen Langmut Gottes. Noch trägt nach diesem Glauben Gottes Langmut „die Gefäße des Zornes". „Noch steht die klagende Synagoge neben der Ekklesia. Noch betet die heilige Kirche für die Bekehrung der perfidi Judaei am Karfreitag" (S. 40). Der Schriftvers Rom. X, 12 von der Gleichheit der Menschen bedeutet nicht die Einheit der menschlichen Natur und hat mit der liberalen, der natürlichen Leugnung des Unterschiedes zwischen den Menschen nicht das geringste zu tun. „Keine Macht der Welt wird das Judentum ausrotten können", sagt Peterson zu Rom. IX, 22 u. 23. „Ja nicht einmal die Juden selber werden sich ausrotten können", bis zum Jüngsten Tag, bis zu ihrer Bekehrung. Bis dahin führen nach christlicher Glaubenslehre die Juden „ein Leben der Unfreiheit und Enge im äußeren und im inneren Sinn" (S. 31). „Darum wird Israel auch immer wieder in die Knechtschaft geführt." Das ist der Sinn davon, daß der Synagoge in der mittelalterlichen Kunst die Binde um die Augen gelegt ist. Für. den gläubigen Katholiken ist diese Unfreiheit und Blindheit etwas durch und durch Gegenwärtiges: „Die Schicksale der Juden in der politischen Welt sind letzthin nicht aus der politischen, sondern aus der theologischen Sphäre zu begreifen" (S. 71). Zu Römer XI, 7: „Die'ungläubigen Juden aber sind versteinert, verhärtet, verstockt. Sie halten sich die Ohren zu wie damals, als der Iii. Stephanus vor ihnen Zeugnis ablegte. Obwohl alle Juden von Christus wissen, stellen sie sich doch dumm." Und zu Rom, XI, 8 in' dem erschütternden Stil des großen in sich geschlossenen mittelalterlichen Glaubenslehrers: „Das versteinerte Israel ist von den Propheten geweissagt. Auch daß sie in die Schlinge traten, daß sie in die Falle geraten, ist geweissagt.... Mit diesem Hinweis auf die Falle ist aber zugleich auch die Grenze der vielgerühmten jüdischen Klugheit bezeichnet.....Den Heiden sind sie zweifellos überlegen, doch jeder katholische Christ ist einem noch so gescheiten Juden aus den Voraussetzungen seines Glaubens heraus überlegen" (S. 56). Das ist natürlich alles „theologisch" gemeint; das Theologische hat jedoch für den Verfasser den größten Wirklichkeitsgrad, nicht etwa das Psychologische oder Politische oder gar das „Soziologische". Wenn Peterson daher zu der Stelle Rom. XI, 11.'fragt: „Ist es zu verwundern, daß seit dem eine gewisse Hysterie zum metaphysischen Charakter des jüdischen Volkes gehört", so meint er es t h e o 1 o g i s c h , aber gerade deshalb im höchsten Sinne aktuell. Denn Erik Peterson ist nicht nur ein gelehrter Exeget und Kirchenhistoriker, sondern vielleicht der letzte ganz große, selbst bekehrte Kirchen - mann im alten echten Sinn. Er hat in zwei Schriften „Was ist Theologie?" (2. Aufl. 1926) und „Die Kirche" (1929) erklärt, warum „Teologie" kein Reden von Gott sei, sondern das Wort Gottes selbst, die Fortsetzung des Redens Christi von Gott, also nicht etwa ein Teil „der zweifelhaftesten aller Wissenschaften, der sog. Geisteswissenschaften". So verteht man vielleicht, daß es Peterson mit seiner Exegese nicht um die antiquarische, philologisch-historische Erklärung eines antiken Textes zu tun ist, sondern daß er eben eine theologische, das ist dogmatisch bestimmte Auslegung gibt. Wir selbst können diese Texte von Paulus nur als historische Urkunden lesen; der Kommentar des Theologen Petersen gehört untrennbar dazu und bleibt bei aller philologischen Zuverlässigkeit seinerseits für uns Dokument eines fremden, verehrungswürdigen Glaubens. Indem der Verfasser den Wortlaut des Paulusbiefes durch seine Übersetzung und Erklärung erneuert, erschüttert er uns mit jeder Zeile. Jesus und Paulus kommen von den Juden; unerschöpflich sind die Worte des Neuen Testaments, um dies immer wieder öffentlich zu bezeugen. Peterson weist darauf hin (S. 13): Die ganze Zärtlichkeit der Verbundenheit des Apostel Paulus mit den Juden wird in der sprachlichen Ausdrucksfülle seines Briefes sichtbar. „Ich bin ja euer Bruder, ihr seid Fleich von meinem Fleische, ihr seid Israel und habt damit den Namen, den Gott Jakob gegeben hatte, den Namen, an dem der Segen haftet. Man spürt, wie der Apostel in seiner ganzen moralischen, physischen und religiösen Existenz sich mit seinem Volke verbunden weiß." — „Die ganze Fülle des in dem Worte Israel enthaltenen Reichtums wird entfaltet (in den Versen IX, 4 u. 5), wird noch einmal sozusagen unter den Äugen der Juden ausgebreitet, bevor er in den Besitz der Heidenkirche übergeht." Die Juden werden in die Wüste geschickt. Der Kommentator wird nicht müde, diese Verwerfung der Juden zu aktualisieren und doch jede „historische" zeitbedingte Betrachtungsweise weit von sich zu weisen. Er frägt: „Sagt man zu viel, wenn man behauptet, daß dieses als Schicksal des jüdischen Volkes in Erfüllung gegangen ist? Sind nicht die Juden in die Wüste geschickt worden? Erfüllen sie nicht die ganze Welt mit der Unruhe ihres Wüstenaufenthaltes?" Die Antwort für den, der nur das „historische" Nacheinander von Judentum und Christentum kennt, findet der Verfasser im Briefe selbst (XI, 19—21): „Du hast nichts als den Glauben." Jede Polemik gegen das dogmatische Bild vom Juden im göttlichen Plan, von seiner Auserwähltheit, seiner Verwerfung und Bewahrung bis zur Endzeit wäre wie ein Kampf mit Worten gegen einen mittelalterlichen Küchenmeister wtimssio für Salate und zum Einmachen. Magister Mönchen 7