Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 11 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 165 Schrifttum und Stammesverbundenheit kann hier helfen. Die viel gescholtenen verantwortlichen heutigen Führer der deutschen Juden haben die Zeichen der Zeit durchaus nicht verkannt und führen ihr denkbar schweres Amt mutig und aufopfernd. Ihre nächste Aufgabe war und ist die unmittelbaren Gefahren für die Existenz in den ihnen anvertrauten Umkreis abzuwenden; für sie gilt es, das deutsche Judentum möglichst unbeschädigt in seinen Institutionen über diese Zeit in eine bessere hinüberzuretten. Für prinzipielle Auseinandersetzungen und für die Debattierung von Weltanschauungsfragen war wahrlich in diesen Wochen des höchsten Notstandes keine Zeit und keine Möglichkeit; ja es ist zu fürchten, daß die lautlose Besorgung des Nächsten und die Tagesarbeit im Stillen noch für lange Zeit die Kraft der Führer beansprucht. Das hohe Ziel der Erhaltung und Mehrung des Judentums wird dabei nicht aus dem Auge verloren, Aber alle willigen Kräfte des Judentums, auch diejenigen, die bisher abseits standen, geht es jetzt an, sich nach Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen für die innere und äußere Aufbauarbeit, um die sich die Gemeinden in ihren „Ausschüssen für Hilfe und Aufbau" bemühen. Weltanschauungs- und Richtungsfragen dürfen dabei keine Rolle spielen. Leo Baeck, 60 Jahre Am 23. Mai feierte der Vorsitzende des Rabbinerverbandes in Deutschland Leo Baeck seinen 60. Geburtstag. 1912 wurde er als Rabbiner nach Berlin und gleichzeitig als Dozent für Homiletik und Midrasch-Forschung an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums berufen. Rabbiner Dr. Baeck, einer der geistigen Führer der religiös-liberalen Richtung im deutschen Judentum, hat seine religions-philisophischen Anschauungen in seinen beiden Hauptwerken „Das Wesen des Judentums" und „Romantische Religion" niedergelegt. Er erblickt im Judentum eine an die jüdische Gemeinschaft gebundene, auf universalistisch-sittlicher Weltanschauung fußende Religion der Tat. Ein intensive und weitreichende Tätigkeit entwickelt Rabbiner Dr. Baeck auf dem Gebiet der Sozialarbeit. Als Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden hat er Außerordentliches in der Organisierung moderner jüdischer Sozialfürsorge geleistet. Alle Lager und Gruppen des deutschen Judentums schätzen seine Fähigkeit, aufbauende Kräfte zusammenzufassen und scheinbare Gegensätze zu überbrücken, besonders hoch ein. Diesen Fähigkeiten sind seine großen Erfolge bei der Schaffung und Festigung der Landesverbände der deutschen Juden zu verdanken. Dr. Baeck ist im Rat des Preußischen Landesverbandes mit wichtigen Aufgaben betraut und nimmt eine leitende Stellung in der neugebildeten Reichsvertretung der deutschen Juden ein. Besondere Bedeutung kommt der Wirksamkeit Dr. Baecks im Rahmen allgemein jüdischer Bestrebungen zu. Er ist Mitglied des leitenden Rates des Weltverbandes für liberales Judentum, auf dessen Berliner Konferenz im Jahre 1928 er das Hauptreferat hielt. An der Arbeit für den jüdischen Palästina-Aufbau nimmt er in hervorragender Weise Anteil. Er hat an der Erweiterung der Jewish Agency und an der Bildung ihrer deutschen Sektion entscheidend mitgewirkt. Nach Ausbruch des Weltkrieges ging Dr. Baeck als einer der ersten als Feldräbbiner an die Front und spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau und der Organisation der jüdischen Militärseelsorge. Anläßlich seines 60. Geburtstags erscheint im S c h o kken-Verlag zu Berlin ein neues Sammelwerk seiner Reden und Aufsätze unter dem Titel „Wege im Judentum". Es enthält zahlreiche Beiträge Dr. Baecks zu den wichtigsten das moderne Judentum bewegenden Fragen. Wir werden auf diesen Sammelband noch ausführlicher zurückkommen. Unterbringung und Ausbildung der heranwachsenden Jugend in Palästina Wir haben in den vorigen Nummern der B. I. G. Z. die wichtigsten neuesten Angaben über palästinensische Landeskunde (Bevölkerung und Sprachen) und über die gegenwärtigen wirtschaftlichen Aussichten im Heiligen Land gebracht. In der Nummer vom 23. Mai der „Jüdischen Rundschau", die wir den Angehörigen aller Richtungen des deutschen Judentums wiederholt aufs angelegentlichste empfehlen möchten, äußert sich das Mitglied der P a 1 ä s t i n a - E x e k u t i v e der Jewish Agency, Dr. Ch. Arlosoroff, zu einigen wichtigen Fragen, die sich auf die direkte praktische Hilfe Palästinas in der Krisis der deutschen Judenheit beziehen. Ober die darin erörterten Möglichkeiten auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Siedelung und der industriellen Betätigung haben wir bereits sachverständige ausführliche Mitteilungen gebracht und verweisen für diese Gebiete auf den ergänzenden Artikel von Arlosoroff selbst. Darin werden übrigens auch die Fragen der Liquidation deutsch-jüdischer Vermögenswerte im Einvernehmen mit der deutschen Regierung behandelt. Wir veröffentlichen hier — auszugsweise — die Beantwortung der Frage: Was kann Palästina planmäßig für die Erziehung jüdischer Kinder aus Deutscland und für die Umschichtung der Jugendlichen von 17 — 2 2 Jahren leisten? Arlosoroff erklärt dazu: Von den Einzelfällen abgesehen, wo Eltern ihre Kinder in eine der städtischen Schulen in Palästina schicken werden, während sie in einer befreundeten oder verwandten Familie unterkommen, sehe ich drei Formen, in denen jüdische Kinder aus