Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 11 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Baj'erische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 1 1 heute genau so unfaßbar ist wie am •ersten Tag, klar abzugrenzen und mit ihren besten Argumenten auf beiden Seiten zu Wort kommen zu lassen. Nur auf diese Weise kann eine innerjüdische Verständigung, die unbedingt gefunden werden muß, vorbereitet werden. Zu dieser Vorbereitung trägt wesentlich die „Jüdische Rundschau'' bei, die seit den Märztagen über ihre parteij politischen Aufgaben häufig hinausgewachsen und zum führenden Organ des deutschen Judentums geworden : ist. Hier ist eine innerjüdische Tribüne geschaffen, von der aus sich jüngst der jüdisch-liberalen Richtung angehörende Verwaltungs-Direktor der Berliner jüdischen Gemeinde, Dr. Breslauer, ausführlich über die jüdischen Richtungen im neuen Deutschland äußert. Daraus geben wir einige Hauptsätze wieder, die der Vorbereitung zur Bereinigung und Abmilderung der hier deutlich gemachten Gegensätze dienen mögen: „So mancher von den deutschen Juden wird heute seine persönliche Zukunft im Ausland, eine weit größere Zahl als bisher die ihre in Palästina suchen. Die Mehrzahl der deutschen Juden aber wird ihr Geschick auch weiter in Deutschland erfüllt sehen. Sie wird sich dessen wohl bewußt sein, daß es nicht in ihrer Macht steht, auf eine Änderung der geltenden Staatsauffassung Einfluß zu nehmen, die vom Rassenstandpunkt ausgehend die Juden als Fremdstämmige von der Volksgemeinschaft ausschließt. Es wird ihr insbesondere auch fern liegen, sich die Wiederherstellung ihrer Gleichberechtigung erbitten oder erschmeicheln zu wollen. Sollte aber das deutsche Volk von sich aus in irgendeiner nicht zu übersehenden Zukunft dazu gelangen, als entscheidendes Element für Gegr. IktBKCT 1869 Bayerische Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns r. d. Rh. Sorgfältige und entgegenkommende Erledigung von Bankgeschäften aller Art Sparverkehr Verkauf von Gold-Pfandbriefen die Bindung an eine Volksgemeinschaft Kultur und Willen statt der Blutszügehörigkeit anzusehen, so werden unsere alten Ideale neue Lebenskraft gewinnen. Von zionistischer Seite wurde die Befürchtung ausgesprochen, die deutschen Juden könnten, wenn einmal vorübergehe, was wir jetzt erleben, vergessen, was ihnen geschehen se;. Wir fürchten nicht, sondern wir hoffen, daß eine Zukunft uns mit der Gnade dieses Vergessens segnen könne. Und wir unterscheiden uns darin auch jetzt noch von der zionistischen Lehre. Aber wir sind Realisten genug, um zu erkennen, daß solche Hoffnungen auf eine ungewisse Zukunft nicht unser gegenwärtiges Handeln bestimmen können. Denn die Gegenwart steht klar und deutlich vor uns. Sie trifft einen jeden von uns empfindlich in seiner moralischen, zerstört vielen zugleich die materielle Existenz. Im Reichsgesetzblatt und in der Verwaltungspraxis, im Rundfunk und in der Presse wird uns gesagt, daß wir nach der Meinung, die jetzt in Deutschland gilt, nicht zum deutschen Volke gehören. Wir müssen bereit sein, die logische Konsequenz daraus zu ziehen. Sie wird für niemanden bestehen in der Loslösung von den Gütern deutscher Kultur, in der wir aufgewachsen sind, in deren Lauten wir sprechen, mit deren Gedankengängen wir verwachsen sind. Sie wird für niemanden bestehen in der Versuchung zum Ungehorsam gegen die staatliche Ordnung. Zionistische und deutsch-jüdische Kreise sind hierin völlig einig. Ja, oft genug.haben wir von Freunden, auch solchen zionistischer Gesinnung, die jetzt eine neue Heimat suchen, vernommen, wie schwer es ihnen wird, von der alten zu scheiden und wie sie das deutsche Kulturgut als eigensten Besitz mitnehmen, sei es nach Palästina, sei es anderwärts hin. Aber die gegebene Folge der herrschenden Auffassung vom Volke und Staat wird, wieder für uns alle, gleichgültig aus welchem Lager wir kommen, die sein, daß wir — über das Maß der religiösen Bindungen, über die Anhänglichkeit zum Judentum hinaus, unser gemeinsames Judesein empfinden und betonen. Dieses intensivierte Gemeinschaftsgefühl muß sich auswirken in absoluter Verbundenheit in allem jüdischen Wirken auf dem Gebiete der Religion und der Wohlfahrt, aber auch auf dem Gebiet der Einstellung zur Umwelt und auf dem der Erziehung unserer Jugend." Diese Ausführungen eines liberalen Juden zeigen einen Verbindungsweg zwischen den Anhängern des eigenständigen jüdischen Volkstums und der noch überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden. 'Denn da, wo vielfach durch Generationen keine jüdischen Erlebnisinhalte mehr bestanden, kann man sie nicht über Nacht wieder hervorzaubern. Man mutet dieser Mehrheit der deutschen Juden sonst eine Unehrlichkeit oder eine Unmöglichkeit zu; man mutet ihnen zu, von dem Duft einer leeren Flasche zu leben. Gegen ihren früheren Inhalt, von dem sie keine Ahnung mehr haben können, ist d'e Mehrzahl noch dazu bis vor kurzem von einem unbesiegbaren Vorurteil erfüllt gewesen. Nur dauernde planmäßige Kleinarbeit und eine doppelt sorgfältige Jugenderziehung in der Schule in einem nicht schabionisierten lebendigen Unterricht über jüdische'Religion, Sprache, Geschichte.