Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 11 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 163 sie geworden sind, wenn wir uns also bewußt und mit Willen in den Zusammenhang der jüdischen Geschichte und des jüdischen Lebens einstellen." Diese Haltung kann darauf hinweisen, daß wir illusionslos mit der gegenwärtigen Situation in Deutschland für die nächste Zukunft auf heute noch nicht absehbare Dauer zu rechnen haben und daß wir unsere Lebenshoffnung nicht mit der Wiederkehr des liberalen-demokratischen Staates verbinden dürfen. Sie kann ferner hinweisen auf die autoritativen Äußerungen' der Besonnensten und geistig Höchstfstehenden unter den in Deustchland gegenwärtig herrschenden, Ton angebenden nichtjüdischen Köpfen. Eine solche typische Äußerung, die wir aus tausend ähnlichen als charakteristisch und heute unter den Gebildeten gültig mit Bedacht auswählen, lautet: „Über das Judentum in Deutschland ist wieder einmal, wie so oft in der Weltgeschichte, der rächende und strafende Gott gekommen und hat ihm mit einem Schlage einen Teil seiner Existenzgrundlage genommen. Die Lage mancher Familien ist verzweifelt. Für viele Juden bricht heute zum erstenmal der tragische Gegensatz: Deutscher und Jude auf. Viele empfinden sich plötzlich ausgestoßen in ein Nichts und heimatlos geworden. Und mancher junge Mensch geht heute durch seine große, lebensgefährliche Krise durch. Eine barbarische Ungerechtigkeit scheint manchem aufzudämmern. Und trotzdem ist die Reaktion des Volksinstinktes heute nicht ungerecht, sondern sie hat die höhere Gerechtigkeit hinter sich. Wer intelligent ist, muß dienen; wer arrogant ist, muß leiden; wer überlegen ist, muß diese Überlegenheit schmerzlich bezahlen. Die Intelligenz des Juden ist durchschnittlich derartig, daß sie nur in Ausnahmefällen an jene Grenze führt, wo sie mit sich selber fertig wird und weise und bescheiden wird. Sie bleibt zumeist vor dieser Grenze stehen und erfreut sich ihrer leichten Fähigkeit und ihrer Begabung; die seelischen Kräfte aber bleiben abgekapselt in der Rasse, in der Familie, in der Religion. Von 1918 ab bis heute hat das Judentum die Begabung seines Intellekts ungehemmt verwerten und spielen lassen können. Es entwarf die Weimarer Verfassung. Es besetzte ungehindert die hohen Stellungen im Staat und Wirtschaft, auf den Hochschulen und in der Presse, es eroberte die Schlüssestellungen des öffentlichen Lebens, ohne Widerstand zu finden. Diese Entwicklung hatte etwas Beängstigendes an sich. Sie führte zu einer Überfremdung. In einer Zeit, wo die Schlüsselstellungen des öffentlichen Lebens nur von harten oder sturen Persönlichkeiten besetzt werden durften, weil es sich um ein besiegtes Volk handelte, das niemals den Gedanken des Kampfes um die eigene Freiheit fallen lassen durfte, bekam die konziliante Weltverbundenheit der Juden eine Macht, wie sie bisher in Deutschland nicht existiert hatte. Die Höhezeit des Liberalismus brachte auch den Höhepunkt des jüdischen Einflusses. Heute ist der Gegenschlag da. Er kommt hart und brutal, aber er ist nicht ungerechtfertigt. Wer heute anklagt, soll sich an eines erinnern: es gab zu wenig Juden, die in der Zeit der Blüte, die wir eben hinter uns haben, ihre Stimme erhoben und vor dem Hochmut warnten, zu dem Begabung und Intelligenz verführten. Alle, die eine Schlüsselstellung erobert hatten, ließen sich gehen, ohne die Bescheidenheit walten zu lassen. Ob es ein hohes Staatsamt oder eine hohe Stelle in der Wirtschaft war, ob es sich um einen führenden Posten in der Presse oder auch nur um das Amt eines Ansagers im Kabarett handelte. Der deutsche Michel hat in dieser Zeit vieles einstecken müssen: wenn er heute darauf antwortet, so soll man sich plötzlich nicht auf die Humanität einer Vernunft berufen, die schweigen muß, wenn die Raison des Staates handeln muß. In der Sphäre liegen die Dinge klar und einfach, und wem sie .mittelalterlich' erscheinen, der ist noch in einen liberalen Fortschrittsglauben befangen, der heute und in Zukunft wenig Geltung besitzen wird" („Die Tat", Maiheft). Es ist schwer, wenn man diese Sätze (denen man inhaltlich leicht in allen tatsächlichen Punkten schwere Irrtümer nachweisen könnte) als typische Äußerungen der heute und in der nächsten Zukunft herrschenden Meinung nimmt, die zwölf Sätze aus dem Organ des Frontbundes gutzuheißen. Sie fordern einen neuen Emanzipationskampf und gleichzeitig sorgsame Pflege aller Beziehungen zur nicht-jüdischen Umwelt. Als ob das Deutschtum in den letzten 120 Jahren nicht bis zur völligen Unkenntüchmachung und Selbstaufgabe unserer jüdischen Komponente von uns gehegt und gepflegt worden wäre! Nur ein belächelnswertes Nicht-sehen-wollen kann sich der Illusion hingeben, daß die herrschende sich in Europa ausbreitende Staatsauffassung, die eindeutig gegen Demokratie, Liberalismus und Gleichberechtigung gerichtet ist, durch einen neuen „Emanzipationskampf" auch um einen Schritt in Wanken gebracht werden könnte. Ist dem Verfasser der Leitsätze des Frontbundes noch nicht zu Ohren gekommen, daß die Welt zusehends von einem Bild des autoritären Staates hingerissen wird, mit dem die Gesamtheit des demokratischen Systems schlechthin unvereinbar ist, daß nach diesem Weltbild der Eigenwert 'des Nationalen und des reinen Volkstums bejaht wird, und zwar mit einer Überzeugungskraft und alle Kreise des sozialen Lebens umformenden naturhaiten Wucht, die nur noch ein Beispiel in der suggestiven Wirkung der kirchlich-religiösen Idee des Mittelalters findet. Demgegenüber bleibt unser Einzelgängertum absolut machtlos und die Leitsätze in den Blättern des Frontbundes wirken wie eine leere Deklamation. Wem jede Verlautbarung aus dem „Tat"-Kreis noch nicht genügt, für den seien einige genau so wichtige und erdrückende Sätze aus dem Kultur-Programm des jetzigen Rektors der Frankfurter Universität, des bekannten Pädagogen Prof. Ernst Krieck hierher gesetzt: „Es ergibt sich für uns die Notwendigkeit, die Hochschulen zu nationalpolitischen Erziehungsanstalten auszubauen: der Wissenschafts- und Lehrbetrieb der Hochschule wird ein hauptsächlicher Träger nationalpolitischer Erziehung sein. Damit wird auch an der Hochschule das Zeitalter des Liberalismus endgültig überwunden. Dazu können wir den jüdischen Professor unmöglich brauchen. Die Juden sollen als nationale Minderheit ihre .Kulturautonomie' aufbauen und mit eigenen Schulen auch eigene Wissenschaft und Hochschule betreiben." -i -K^^C Das mag genügen! # Hier kann es im gegenwärtigen Augenblick ausschließlich darum gehen, die verschiedenen Haltungen im deutschen Judentum zu der noch nie dagewesenen Situation, mit der wir uns nicht abfinden können und die für uns Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München 7 1