Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 11 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 Wiedererringung unserer vollen Gleichberechtigung in Deutschland. Hochziel des Freiheitskampfes ist: Anerkennung, Behandlung und Würdigung als vollwertige deutsche Volksgenossen. Der Kampf um diese Ziele darf auch nicht einen Augenblick ruhen, der, Kampfwille darf um unserer Zukunft willen nicht eine Minute erlahmen. 3. Um den Emanzipationskampf nach außen so schlagkräftig wie möglich führen zu können, muß eine innere Front der deutschen Juden geschaffen werden, die die willensstarken Träger des Freiheitsgeistes sein wollen. Hier liegen Hauptaufgaben jener deutsch-jüdischen Organisationen, welche die staatsrechtlich-politischen Belange des deutschen Judentums verfechten. 4. Es gilt, die deutsche Gesinnung unter den deutschen Juden trotz der starken seelischen und materiellen Belastung, der wir ausgesetzt sind, wachzuhalten und darüber hinaus so zu festigen, daß sie eine schwere Zukunft erträgt, ohne daran irre zu werden, daß wir nach Geburt, Wille, Kultur und Schicksal Deutsche sind. Wir haben uns an dem Glauben zu stählen, daß wir — wenn man es uns auch immer wieder abspricht — Deutsche sind und daß unsere Seele deutsch bleibt, weil sie es ist. Und wenn man uns tausendmal sagt: „Ihr seid als deutsche Volksgenossen ausgelöscht, weil ihr fremdrassig seid", so setzen wir dem ebenso oft unsere unerschütterliche Antwort entgegen: „und dennoch sind und bleiben wir Deutsche". 5. Der innere Emanzipationskampf hat, von dieser grundlegenden Haltung aus und von ihr dauernd angefeuert, eine Reihe positiver Aufgaben anzupacken. Es gilt unsere Jugend, die unter den schwersten Bedingungen heranwächst, zu betreuen. Wir haben ihren Stolz, ihr Selbstbewußtsein und ihr Menschentum vor Schaden zu bewahren. Wir haben, wie bisher, ihre Gesinnung im Geiste deutscher Kultur durch dauernde Aufklärung, Erziehung und Ermutigung zu bilden. Wir haben sie ferner mit eben denselben Mitteln und eben derselben Intensität zu ertüchtigen, mit denen man ihre nichtiüdischen Altersgenossen ertüchtigt: durch Sport, Wehrhaftigkeit, Disziplin und Dienst am Ganzen. 6. Weitere Aufgabe des Freiheitskampfes nach innen ist es, die Berufsumschichtung der Juden in Deutschland mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln vorwärts zu treiben. Wir wissen, daß wir eine solche, auf lange Sicht zu bewerkstelligende Umschichtung ohne Hilfe und Entgegenkommen des Staates und der verschiedenen Berufsstände nie und nimmer durchführen können. Man muß uns eine gewisse Karenzzeit zubilligen, damit wir das große Werk mit Erfolg organisch durchführen können. Es liegt bei der Staatsführung, ob sie dieser von uns zu fordernden Karenz zustimmt. Wir haben von aus positivste Mitwirkung zuzusagen und die innere Vorbereitung unserer Menschen weiterhin mit Kraft zu betreiben. 7. Eine elementare Forderung des inneren Freiheitskampfes ist das entschiedene und schärfste Abrücken von Schädlingen in den eigenen Reihen. Wir müssen unsere Front säubern von allen Elementen, die unseren Kampf durch ihr Tun oder Lassen, durch ihr Schreiben oder Reden erschweren, ferner von allen denen, die uns durch ihr undeutsches Benehmen und Auftreten oder ihre Redensarten vor der deutschen Öffentlichkeit bloßstellen. Wir haben allgemein auf eine schlichte, einfache Lebensführung zu halten, und wir haben alle die unter uns, die in dieser schicksalsschweren Zeit gegen die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Gradheit, Einfachheit, Ehrlichkeit, Sauberkeit und des Taktes verstoßen, mit aller Schärfe zu brandmarken und des Umganges für unwürdig zu erklären. 8. Der Emanzipationskampf verlangt — um nichts an Stoßkraft und Bestimmtheit einzubüßen — eine einheitliche Führung der deutschgesinnten Juden. Es ist daher mit größter Beschleunigung eine zielklare, mit Vollmachten versehene Führung zu erstreben, die unter Ausschaltung der lähmenden Umwege eines langen Diskutierens mit seinem Wenn und Aber die Zentrale des deutsch-jüdischen Freiheitskampfes sein soll. Streng von den staatsrechtlich-politischen Fragen müssen die religiösen Fragen des deutschen Judentums geschieden werden, die Angelegenheit der Gemeindeverbände sind und von diesen mit derselben Ausschließlichkeit zu vertreten sind, wie die staatsrechtlichen Fragen von der politischen Führung. 9. Wo die Führung sein soll, ist auf -der anderen Seite Gehorsam, Disziplin und Unterordnung unter die Führung zu fordern. Der verhängnisvollen Eigenbrötelei, dem übertriebenen Individualismus und der gefährlichen Sucht, in alles und jedes reinreden zu wollen, ist zu steuern. Jede aufbauende Aktion ist unmöglich, wenn sie jeder Xbeliebige durch Kritik, Nörgelei und Besserwissen hemmt und — vor allem — wenn sie in fruchtlosen Debatten zerredet wird. Daher hat der Freiheitskampf unbedingte Disziplin aller Mitkämpfer zur Voraussetzung. 10. Zu verlangen ist auch, daß zwecks Härtung des Kampfwillens und Kampfgeistes eine positive Haltung — soweit nur irgend möglich — in Hinblick auf die Zukunft eingenommen wird. Wir wollen illusionslos und nüchtern sein, aber wir wollen uns nicht einem entnervenden Pessimismus auf der ganzen Linie ausliefern, weil er uns von innen aushöhlen und uns jeden Widerstandswillen vollends rauben würde. Daher galt es, der Flaumacherei zu begegnen und der Verneinung um jeden Preis entgegenzutreten, ebenso aber auch dem Defaitismus, der sich mit der heutigen Situation abfinden will. 11. Wir haben die Arbeit stets so zu führen, daß wir uns nicht noch mehr isolieren, als wir ohndies schon sind. Daher sind — soweit eben möglich — alle Beziehungen zur nicht jüdischen Umwelt in Deutschland unter selbstverständlicher Wahrung des Stolzes und des Taktes nach wie vor zu pflegen. Es dürfen keine Mauern auch noch von uns errichtet werden, vielmehr ist alles zu tun, um die Gemeinschaft mit der nichtiüdischen Bevölkerung nicht noch weiter zu verlieren. Daß wir unsere bedrängten, boykottierten, brotlos gemachten Glaubensgenossen vorab zu berücksichtigen haben, versteht sich von selbst, darf aber keineswegs zu einer Art Gegenboykott führen. 12. Jeder muß an seiner Stelle jetzt alle Kräfte zur Mitarbeit einsetzen. Es geht für uns um alles: um Heimat, Freiheit, Existenz. Jeder hat seinen Willen anzuspannen, alle guten Kräfte in sich wachzurufen und sich einzusetzen für den Aufbau eines neuen deutsch-jüdischen Lebens und für unsere Freiheit. Ein sehr großer Teil der deutschen Juden, nicht nur Anhänger des gesetzestreuen überlieferten Judentums und Zionisten, lehnt diese Sätze und die sich darin offenbarende Gesamthaltung, die die jüdischen Eigenwerte zu wenig betont oder zu gering einschätzt, aufs schroffste ab, mit folgenden Gegengründen: Die Juden werden in Deutschland, ob sie wollen oder nicht, nicht nur systematisch ausgeschaltet, sie werden darüber hinaus zu Staats- und Volksfeinden gestempelt; das Maß des Antisemitismus ist zum Gradmesser der nationalen Zuverlässigkeit geworden. Die Folgerung für jede aufrechte ungebrochene jüdische Persönlichkeit, die bisher mit Stolz sich ihrer Herkunft bewußt war, muß sein: Abbruch und möglichst baldige Aufgabe aller noch vorhandenen Positionen im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und beruflichen Leben in Deutschland, absolute Konzen- , tration auf ein jüdisches Eigenleben, das, wo es schon im . Keim oder ausgebildet vorhanden ist, mit doppelter Liebe und Hingabe gepflegt und unter den Willigen, aber bisher abseits Stehenden ausgebreitet und befestigt werden muß, mit dem Ziel einer Kultur-Autonomie, einer eigenständigen Elite nach Abwanderung der Möglichstvielen. Dementsprechend intensive Vorbereitung jüdischer Schulen, namentlich aller Ausbildungsmöglichkeiten für praktische Berufe, die zur Auswanderung befähigen. Die sich so ( verhalten sagen: Die Vergangenheit war ein großer Irrtum. „Wir haben aus den Trümmern wieder eine verantwortliche Gemeinschaft aufzubauen; behaupten werden wir uns in der Flut der gegen uns hereinbrechenden Feindschaft nur dann, wenn .wir unsere jüdische Eigenart und unser jüdisches Schicksal so zu erleben lernen wie