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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-05-15 · 10 (15.5.1933) · p. Seite 151

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
10 (15.5.1933)
Date
1933-05-15
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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Nn 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 151 ebenfalls nicht „ernst" gemeint: ein Raubüberfall in Genf; ein Duell; 'der Kampf mit einem Tiger im Zirkus; der Eintritt in die Politik und ein erfolgreiches diplomatisches Intermezzo in London; die romantische Entführung seiner Geliebten Aude von Maussane knapp vor ihrer Hochzeit. Und so weiter. Märchenhafte Glücksfälle wechseln ab mit Szenen massivster Realistik und Erotik. Die Bindungen an das alte jüdische Blut lassen Solal immer wieder von der höchsten sozialen Stufe herabsinken. Die Verwandtschaft besucht ihn zweimal in Paris, kompromittiert ihn und zieht ihn in ihren Bann. Nicht so, als ob er aus freien Stücken auf Liebe, Stellung und Einfluß verzichtete; äber die Traditionen des Ghettojudentums, die in seinem Innern fortleben, besiegen zuletzt den gesellschaftlichen Ehrgeiz und die erotische Glut. Er sträubt sich gegen die uralten Kräfte und kann ihrer Macht doch nicht widerstehen. „Ich bin ganz wie sie/' sagt er zu Aude von den Glaubensgenossen aus Kephalonia. „Du hast sie nicht richtig gesehen, nicht die Richtigen gesehen, die vom Geist, die vermischt waren mit den anderen gestern abend. .. Und dann sind sie alle, die wahren und die andern, Äußerste, Glühende. Begreif doch. Ein Dichtervolk. Ein äußerstes Volk. Bei uns ist das Groteske übertrieben grotesk... Wir sind das Volk des Übermaßes. Das alte Volk des Geistes, schmerzgekrönt, von königlichem Wissen und tief enttäuscht. Das alte irre Volk, das allein wandert durch den'Sturm und trägt seine klingende Harfe durch die dröhnende -Nacht der Jahrhunderte und seinen unsterblichen Größenwahn und Verfolgungswahn." Die schwierige Legierung, aus der sich der Held zusammensetzt, ist ausgezeichnet getroffen. Sein Feuer erträgt es nicht, eingehegt zu werden, seine maßlose Eitelkeit kämpft mit dem Unglauben ans Heil der Karriere, seine Rastlosigkeit zerstört die Dauer der Liebe, sein Pathos wird durch einen Zynismus unterminiert, der aus utopischer Frömmigkeit kommt, die sich nicht bewahrheiten kann. Am Ende erkennt Solal, daß er sich zwischen Aude und dem Geist der Vorfahren entscheiden muß, bricht mit beiden, wird katholisch, irrt verarmt durch die Straßen von Paris und erdolcht sich, sein Kind auf dem Arm. Die Nebenfiguren sind vielleicht noch gelungener als die beiden Hauptspieler, Solal und Onkel Saltiel. Etwa der jüdische Winkeladvokat der Insel, der später auch nach Palästina geht, „der Bey der Lügner und Vater des Schmutzes", der lange hagere Pinchas Solal, genannt Eisenbeißer. „Er hatte unzählige Berufe. Er genoß einen glänzenden Ruf als Arzt und hatte die Heilwirkungen der meisten Gemüse und Früchte in Verse gebracht... Von Pflanzenarten, über deren Eigentümlichkeiten er keine besonderen Aufschlüsse hatte, pflegte er ohne Unterschied zu sagen: „stillt Blähungen und treibt den Harn". Zudem war er Augenarzt, Schuhflicker, Führer, Lastträger, Zuckerbäcker, Grundstückagent, Lehrer des Provenzalischen und der Tanzkunst, Gitarrenspieler, Dolmetscher, Sachverständiger, Ausstopfer, Schneider, Glaser, GedlWechsler, Augenzeuge von Unglücksfällen, Altkleiderhändler, Hauslehrer, Spezialarzt, Maler, Veterinär, Kelterer aller Traubensorten, Hundearzt, Improvisator, Setzer von furchtbaren Schröpfkröpfen, Kantor in der Synagoge, Beschneider, Mazzes-Locher, Kartenleger, Lotse, Verbindungsoffizier nach Geschäftsschluß, Taschenspieler, würdevoller Bettler, Zahnreißer, Veranstalter von Serenaden und Liebesentführungen, Querpfeifer, Totengräber, Zigarrenstummelsammler, Steuereinnehmer, der falsche Militärabgaben von kaum noch lebendigen, höchst überraschten Mummelgreisen eintrieb, Privatdetektiv, Pamphletverfasser, Talmudeinpauker, Schafscherer, Latrinnenräumer, Unterstützungsempfänger bei etlichen wohltätigen Vereinen, Maikäfervertilger, Leichenbitter, Gläubiger bankrotter Kaufleute, Heiratsvermittler und Roßtäuscher, Makler mit echten Talmi-Edelsteinen, Kammerjäger und besoldeter Schwänkeerzähler." Auch dieser Vielseitige geht später nach Palästina, aber er verläßt Kfar-Saltiel wieder: „Liebe Kinder", sagt er abschließend, „ich fühle, daß ich, wenn ich hier bleibe, Antisemit werde. Ich werde einen Progrom machen, auf Ehrenwort! Es gibt hier zuviel von den Söhnen Israels. Kurz, ich habe Heimweh und möchte furchtbar gerne wieder Christen sehen." F. Napoleon und die Juden Von Friedrich M. Kircheisen Die letzten beiden Absätze dieser Abhandlung aus der vorigen Nummer sind durch Zeilenverwerfung leider in Unordnung geraten. Wir setzen deshalb den Schluß noch einmal in der richtigen Fassung hierher: Napoleon setzte zwar die Gehälter für die jüdischen Geistlichen fest, doch überließ er ihre Bezahlung den Juden selbst, ebenso wie die Sorge für ihre Gotteshäuser. Erst nach der Julirevolution (1831) übernahm der Staat diese Aufgabe. Im Laufe des ersten Kaiserreichs sind viele Juden zu hervorragenden Stellungen gelangt. Zum Schluß sei noch eine sehr wichtige Äußerung Napoleons über die Nichtexistenz Jesu Christi wiedergegeben, die von einem seiner Gefährten im Exil auf Sankt Helena, dem General Gourgaud, unter dem 28. August 1818 aufgezeichnet wurde. „Was mich anlangt," sagte der Kaiser, „so steht meine Ansicht fest. Ich glaube nicht, daß Jesus jemals gelebt hat. Ich würde an die christliche Religion glauben, wenn sie von Anfang an bestanden hätte. Denn sonst würde Sokrates, Plato, die Mohammedaner und Engländer verdammt sein. Das wäre doch zu albern. Jesus wird gehangen worden sein wie viele Fanatiker, die den Propheten, den Messias spielten wollten. Jedes Jahr gab es solche Leute. In Mailand fand ich eine Originalhandschrift der Juden von Josephus, auf der man sehen konnte, daß man zwischen den Zeilen vier oder fünf Worte hinzugefügt hatte, um

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