Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 10 (15.5.1933)
- Date
- 1933-05-15
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2727975-2727985--08997-2742251- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 149 Disraeli in Palästina Von Dr. Hanns Reißner (Berlin) Im Mai 1830 trat Disraeli als Fünfundzwanzigjähriger seine große Mittelmeerreise an. Sie dauerte etwas länger als ein Jahr und führte ihn über Südspanien, Malta, Griechenland und Konstantinopel nach Ägypten und Palästina. Von unterwegs hat er ausführliche Berichte an Vater und Geschwister gesandt, die 1885 von seinem Bruder Ralph unter dem Titel „Home Letters" herausgegeben worden sind. Sie vermitteln ein anschauliches Bild von Disraelis Eindrücken und Erlebnissen und von der Bedeutung, die diese Südlandsreise für seine innere Entwicklung gehabt hat. Disraeli hat zunächst seine angegriffenen Nerven durch Aufenthalt in warmem, trockenem Klima, unter fremden Menschen entspannen sollen. So gibt er sich mit Wonne den Überraschungen und Sorglosigkeiten des Reisens hin. Er genießt spielerisch Volksleben und Kunst, läßt sich als Sohn seines schriftstellerisch vielgenannten Vaters den Hof machen, kleidet sich extravagant-phantastisch und kauft Wasserpfeifen, Spezereien und orientalische Gewebe für „Bradenham" ein. Bradenham, dem Landsitz seiner Familie in Buckinghamshire, gelten zunächst überhaupt die eigentlichen Gefühle des Reisenden. Wenn er dem Vater aus Südspanien von den' blühenden Aloehecken berichtet, so fügt er hinzu: „Stell Dir den Gegensatz zu unserem geliebten Buchenland Bucks vor." Und seiner Schwester berichtet er wenig später: „Jeden Augenblick fühle ich deutlicher, daß ich zurückkehren will." Disraeli hat den Anwandlungen von Heimweh nicht nachgegeben. In Athen meint er, im tiefsten Grunde freilich noch immer ohne inneres Verhältnis zu der Fremde: „Unabhängig von allem, was man weiß, habe ich nie etwas so wirklich Schönes gesehen." Erst in seinen Berichten aus Palästina begegnet ein neuer, ganz und gar in Beziehung auf sich empfundener Ton. „Ich war wie vom Donner gerührt," heißt es angesichts der Heiligen Stadt. Disraeli's Schilderung gibt eine Vorstellung davon, wie man vor hundert Jahren in Palästina reiste: zu Pferd und bewaffnet Hotels gab es nicht; man suchte in Klöstern Unterkunft. Der Felsendom, das mohammedanische Heiligtum, war damals für „Ungläubige" der Besichtigung noch nicht zugängig; der Europäer mußte sich auf einen Blick vom Ölberge gegenüber beschränken. Disraeli hat seine Reise gut vorbereitet. Er spricht von den beiden Hauptwerken, Comte de Volney's „Voyage en Syrie et en Egypte" und Edward D. Clarke's „Travels in various countries". Entscheidend aber waren für ihn nicht die Bücher, sondern das Land und die Stadt selbst und ihr Reflex in seiner Seele. Davon zeugt sein Brief vom 20. März 1831 an die Schwester (Home Letters, p. 115—p. 120), der hier in der Ubersetzung folgt: Auf Cypern bekamen wir einen Lotsen, der mit uns nach Jaffa fuhr. Eines Morgens bei klarem, blauen Himmel und warmer Sonne kamen wir in Sicht der syrischen Küste, sie ist sehr hoch und gebirgig, die höchsten Ketten mit Schnee bedeckt. Wir fuhren vorbei anBeyruth, Sur — dem alten Tyrus — und Akko und warfen endlich auf der Reede von Jaffa Anker. Hier machten wir eine merkwürdige Bekanntschaft in Damiani: er ist Abkömmling einer alten venetianischen Familie, aber selbst vollkommener Orientale. Wir hatten über seinen Großvater etwas im Volney gelesen, und da er keinen Begriff von Büchern hatte, war er so erschreckt von unserer Gelehrsamkeit, daß er uns, wären wir nicht Engländer gewesen, für Zauberer gehalten hätte. Er lebt inmitten der herrlichsten Orangen-, Zitronen- und Granatapfelgärten, die Bäume so hoch und die Früchte so groß wie in unseren englischen Apfelplantagen; er gibt sich als höchst elegante Person in wallenden Gewänder aus karmesinroter Seide usw. Ich bin gezwungen, mehranzudeuten als auszuführen, und muß mir alle Einzelheiten vorbehalten, bis wir uns wiedersehen. Er wollte, wir sollten einen Monat lang bei ihm bleiben, und gab uns ein fabelhaftes orientalisches Essen, das meinen Vater in Entzücken versetzt hätte — Reis, süße Früchte, Pistaziennüsse, parfümierte Braten und glasiertes Zuckerbackwerk. Von Jaffa brachen wir zu sechst, wohl beritten und bewaffnet nach Jerusalem auf. Jaffa ist eine hübsche Stadt, von Gärten umgeben und in eine fruchtbare Ebene gebettet. Nachdem wir sie auf unseren Pferden durchquert hatten, kamen wir über eine leichte Hügelkette in die Ebene von Ramie, die sich weit und reich erstreckt. Ramie, das alte Arimathea, ist für unseren Begriff das Musterbeispiel eines schönen syrischen Dorfes, jedes Haus liegt für sich, und alle sind von Palmen umstanden, das freie Land um das Dorf herum ist mit Ölbäumen bedeckt und von dichten Opuntienkaktushecken eingegrenzt. Hier nahmen wir die Gastfreundschaft des Lateinischen Klosters in Anspruch; es ist eine sehr große Anlage, wohl instand gehalten, dabei von nur einem Mönch. Ich würde mich gerne in die vielfältigsten Einzelheiten ergehen, kann es aber nicht. Am nächsten Tage machten wir uns auf den Weg über die herrliche Ebene, in der Ferne begrenzt durch das strenge, raue Judäische Gebirge. In den wilden steinigen Schluchten dieser zerklüfteten Felsen zogen wir den ganzen Tag vorwärts; endlich, jenseits eines großen Berges sahen wir die Heilige Stadt. Ich will sie dir vom Ölberg her beschreiben. Er ist ein sehr hoher Rücken, noch teilweise mit dem Baum bestanden, der ihm den Namen gibt. Jerusalem liegt gegenüber auf einer Höhe, die in eine steile Schlucht abfällt und zusammen mit dem Ölberg das enge Josaphattal bildet. Jerusalem ist ganz von einer mittelalterlichen Mauer umgeben, mit Türmen und Toren aus der Zeit der Kreuzfahrer und vollkommen erhalten. Da die Stadt auf einem Berge liegt, kann man von der Anhöhe gegenüber das Dach von beinahe jedem Haus erkennen. Am Rande liegt die prächtige Moschee, die auf der Stelle des Tempels erbaut ist, mit ihren schönen Gärten und phantastischen Toren; eine Vielfalt von Kuppeln und Türmen erhebt sich in allen Richtungen. Die Häuser sind aus hellem Stein. Ich war wie vom Donner gerührt. Man kann sich nichts Wilderes, nichts Schrecklicheres und Verlasseneres vorstellen als die Gegend ringsum, düster, steinig und streng. Aber der Erdboden ist in so merkwürdigen Wellenformen aufgetürmt, daß für das Gemüt, mit seiner Bereitschaft mehr für das Erhabene als das Schöne, reiche, wogende Wälder und mannigfache Kunstanlagen wenig am Platze wären. Die Stadt erstreckt sich auf der anderen Seite bis auf die Hochebene, da die Schlucht sich nicht vollständig herumzieht. Es ist, als läge sie in einem Gebirgskessel. Ich habe mir einzelne Punkte für spätere Beschreibung notiert; jetzt habe ich keine Zeit dazu. Ich überlasse es deiner lebhaften Vorstellungskraft, den Rest auszufüllen. Außer Athen habe ich nie etwas in sich stärker Geschlossenes gesehen; keine Stadt außer dieser, deren Bild so überaus eindrucksvoll wirkte. Ich will es nicht unter die Stadt der Minerva stellen. Athen und Jerusalem in ihrem Glanz müssen die lautersten Verkörperungen des Schönen und Erhabenen gewesen sein. Jerusalem, wie es jetzt ist, würde einen wunderbaren Vorwurf für Martin1 abgeben, und nur ein Bild von ihm könnte dir eine Vorstellung davon vermitteln. — Wir nahmen die Gastfreundschaft des berühmten Terra Santa-Klosters in Anspruch, worüber Näheres siehe bei Clarke. Es waren, wurde uns * gesagt, sechstausend Pilger in Jerusalem: viertausend im Armenischen Kloster, zweitausend im Griechischen. Die Lateiner haben das Pilgern aufgegeben. Ich hätte noch sagen müssen, daß der Weg voll von diesen Gentlemen war. Eins der besten Häuser in Jerusalem, das dem Kloster gehört, und Personal wurden uns zur Verfügung gestellt. Man schickte uns täglich Essen. Ich könnte ein halb Dutzend Bogen vollschreiben über diese Woche, die herrlichste von unserer ganzen Reise. Wir aßen jeden Tag auf dem Dach unseres Hauses bei Mondschein zu Abend; besichtigten natürlich das Heilige Grab, mieden jedoch den anderen Schwindel3; die Geschichte des Hauses von Lo- 1 Zeitgenössischer englischer Maler, dessen Bilder vielfach biblische Stoffe behandelten. 2 Disraeli umschreibt in seinem Brief dieses Wort mit einem Fremdwort, dem italienischen „coglionerie".