Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 10 (15.5.1933)
- Date
- 1933-05-15
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 tenderen Teil des vorhandenen Kapitals absorbieren sollte. Die rapide Entwicklung des Landes bietet einen wachsenden Markt für Industriegüter, die gegenwärtig einen Import von mehreren Millionen Pfund ergeben. Hunderttausende von Pfunden an Textil- und Bekleidungswesen, Nahrungsmitteln und anderen Konsumgütern, heute aus dem Auslande gebracht, könnten mit Gewinn hier erzeugt werden und viele Fabriken würden einen zusätzlichen Markt in Nachbarländern finden, deren Konsumkraft sich zusehends entwickelt. Es wäre kurzsichtig, nur Zitrusplantagen oder Häuser als sichere Anlagemöglichkeit zu betrachten. Der Aufbau von Industrien, ob kleinerer oder größerer, ist nicht nur äußerst wichtig vom nationalen Standpunkt, — besonders durch ihre Aufnahmefähigkeit für wachsende Einwanderermassen, — sondern bietet auch ein attraktives Tätigkeitsfeld für den erfahrenen und unternehniungsbereiten Fabrikanten. Die Voraussetzungen für Erfolg sind Fachkenntnis, entsprechende Vorbereitung und gründliches Studium lokaler Bedingungen. Das Wirtschaftsdepartement der Jewish Agency, ebenso wie des Departement für Handel und Industrie, als auch die verschiedenen Informations- Büros in Tel-Awiw sind bereit, alle Bestrebungen in dieser Richtung zu unterstützen und zu fördern. Es liegt nun an den Wirtschaftskommittees und Ämtern in der Diaspora, das Ihre beizutragen, um die Bedeutung der Industrie für Palästina und ihre Möglichkeiten weithin bekannt zu machen. Die Zahl der Juden an den deutschen Mittel- und Hochschulen Anläßlich der Verkündung des Gesetzes gegen die Überfüllung und Überfremdung der höheren Schulen wird amtliches statistisches Material veröffentlicht, aus dem die Zahl der jüdischen Schüler an den deutschen Lehranstalten ersichtlich ist. Die bisherigen Statistiken erfassen die jüdischen Schüler und Hochschüler nur unter dem Gesichtspunkt der konfessionellen Zugehörigkeit, die Zahl der Schüler und Hochschüler nichtarischer Abstammung ist bisher nicht statistisch festgestellt worden. Entsprechend der Zahl der Bekenner der jüdischen Religion wurde daher der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung mit 0,9 Prozent angenommen. Im Schuljahr 1931/32 zählte man in den öffentlichen und privaten Anstalten des Reiches 43 214 Abiturienten und Abiturientinnen, von denen 1474 jüdischer Konfession waren. Die jüdischen Abiturienten machten somit nicht ganz 4 Prozent der allgemeinen Abiturientenzahl aus. Unter den Abiturienten waren die Juden mit 2,9, unter den Abiturientinnen die jüdischen Schülerinnen mit 5 Prozent vertreten. Mehr als 10 Prozent Schüler jüdischer Konfession gab es in Berlin in 25, in Breslau in 3, in Frankfurt a. M. in 3 Anstalten, in Fulda in einer Anstalt. Mädchenanstalten mit mehr als 10 Prozent jüdischen Schülerinnen gab es in Berlin 20, in Breslau 2, in Frankfurt a. M. 2, in Köln 1. In dieser Aufstellung sind die rein jüdischen Stiftsanstalten nicht mit eingerechnet. Mehr als 20 Prozent jüdische Schüler wiesen auf in Berlin 8 Knabenanstalten mit folgenden Prozentsätzen: 31, 27, 46, 28, 26, 23, 54, 30; 8 Mädchenanstalten mit folgenden Prozentsätzen: 24, 43, 41, 32, 22, 28, 21; in Breslau 1 Knabenanstalt mit 50 Prozent, 1 Mädchenanstalt mit 34 Prozent; in Frankfurt a. M. 1 Knabenanstalt mit 37 Prozent, 2 Mädchenanstalten mit 23 und 30 Prozent. Mehr als 20 Prozent Abiturienten jüdischer Konfession hatten in Berlin 10 Knabenanstalten mit folgenden Prozentsätzen: 21, 44, 23, 28, 34, 32, 26, 56, 35, 26; 10 Mädchenanstalten mit 28, 30, 23, 60, 26, 43, 43, 37, 28 und 29 Prozent; in Breslau 1 Knabenanstalt mit 50, 1 Mädchenanstalt mit 34 Prozent; in Frankfurt a. M. 2 Knabenanstalten mit 42 und 28 Prozent, 3 Mädchenanstalten mit 28, 47 und 42 Prozent; in Mann heim 1 Mädchenanstalt mit 22 Prozent. An den Universitäten betrug die Zahl der Angehörigen der jüdischen Religion durchschnittlich 4,71 Prozent. Unter 19 889 männlichen Studenten der allgemeinen Medizin befinden sich 1302 Angehörige der jüdischen Konfession, von 4919 weiblichen Studierenden der allgemeinen Medizin sind 591 der jüdischen Religion angehörig. In der Rechts- und Staatswissenschaft sind die entsprechenden Zahlen 17 227 zu 892, 1137.zu 181. An den preußischen Universitäten beträgt der Prozentsatz der Angehörigen der jüdischen Konfession 5,76, an den badischen Hochschulen 8,17 Prozent. Von 1294 männlichen Studenten der Rechts- und Staatswissenschaften in Baden gehören 131 der jüdischen Konfession an, von 127 weiblichen 31. Von 1867 männlichen Studenten der allgemeinen Medizin sind 175, von 689 weiblichen 114 jüdisch. Die besondere Schwierigkeit für die Juden ergibt sich daraus, daß sie an einigen Orten konzentriert wohnen. Der Durchschnitt für ganz Deutschland oder für einzelne Länder wie Preußen, Bayern ergibt einen viel niederen Prozentsatz als etwa für die verschiedenen Großstädte. Nach den jetzt durch das Schulgesetz geschaffenen Bestimmungen gelten die bekannten Prozentsätze (1,5 Prozent für Neuaufnahmen und 5 Prozent für bisherige Schulangehörige) für die einzelne Schulanstalt. Die bekannte Erscheinung der Urbanisierung und Metropolisierung der deutschen Juden bringt es mit sich, daß in den meisten Schulanstalten der Provinz nicht einmal der allgemeine Prozentsatz der Juden zur gesamten deutschen Bevölkerung — 0,9 Prozent — erreicht wird. Es ist unmöglich ist, daß jüdische Eltern ihre Kinder in entfernte Gegenden schicken, wo es noch judenreine oder fast judenreine Schulen gibt, umgekehrt muß der Zug der Juden in die Großstadt unter den heutigen Verhältnissen noch weiter fortschreiten. So muß sich alles weitere nach den künftigen lokalen Bestimmungen richten. Die Möglichkeiten und die Einrichtung jüdischer Schulen müssen inzwischen aufs sorgfältigste geprüft werden.