Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 10 (15.5.1933)
- Date
- 1933-05-15
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 147 die Landwirtschaft und auf ein hartes und entbehrungsreiches, aber friedliches und mit der Natur verbundenes Leben umstellen können, ein Kapital von Lst. 1000 bis Lst. 1200; bei jungen, kräftigen Leuten von 16 bis 20 Jahren, die mindestens während eines Jahrzehnts als Lohnarbeiter und in der eigenen Wirtschaft weit über das durchschnittliche Maß hinaus arbeiten und sich in dieser Zeit mit dem baren Existenzminimum begnügen müssen, ein Kapital von Lst. 400.—. Die beiden letzten Kategorien sollen erst dann zur Begründung einer eigenen Wirtschaft schreiten, wenn, sie während einer Probezeit von ein bis drei Jahren ihre Eignung für die landwirtschaftliche Arbeit bewiesen haben. Außer der Landwirtschaft kann die Industrie eine Existenzquelle für diejenigen werden, die gründliche Fachkenntnisse und wenigstens einen erheblichen Teil des erforderlichen Kapitals für einen Industriezweig haben, der in Palästina günstige Produktions- und Marktbedingungen hat. Ob dies zutrifft, kann nur von Fall zu Fall festgestellt werden. Die Aussichten für Akademiker (Ärzte, Zahnärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte) sind schlecht, da diese Berufe in Palästina bereits überfüllt sind. Rechtsanwälte werden außerdem nur nach einer Prüfung, die in englischer oder hebräischer Sprache abgehalten wird und eine längere Vorbereitung erfordert, zur Praxis zugelassen. Sehr geringe Aussichten bestehen auch für die Detailkaufleute und kaufmännische Angestellten, da alle Handelszweige stark besetzt sind und Neuankömmlinge gegenüber den schon im Lande befindlichen, orts- und sprachenkundigen Handelstätigen einen schweren Stand haben. Handwerker, .die in ihrem Fache tüchtig, sind, und mindestens Lst. 250.— besitzen, finden in vielen Fällen noch ein Unterkommen. Ungelernte Arbeiter ohne Kapital werden nur im Rahmen der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit Palästinas auf Grund von Zertifikaten zur Einwanderung zugelassen. Kapitalisten, die ihr Geld in Palästina in sicheren Hypotheken langfristig anlegen wollen, können auf eine Verzinsung von 7—8 Prozent rechnen. Die Kosten des Lebensunterhalts einschließlich Wohnung, Kleidung, Steuern usw. betragen in einer Stadt im Durchschnitt für Familien von drei bis vier Seelen bei Arbeitern Lst. 10.— monatlich, bei Familien von Handwerkern, kleinen Kaufleuten, Büroangestellten Lst. 15.— bis 20.—, bei leitenden Angestellten, Ärzten, Rechtsanwälten Lst. 25.— bis 50.—. In den landwirtschaftlichen Siedlungen sind die Kosten etwa 25 Prozent niedriger." Zu diesen praktischen Ausführungen von Arthur Ruppin bringen wir ergänzend aus dem neuesten „Palästina- Wirtschafts-Bulletin" April 1933 einen Bericht über die allgemeine, namentlich die industrielle Entwicklung des Landes: In ihrer Vorliebe für Schlagwörter haben die Palästinenser Jerusalem zur Stadt der Vergangenheit gestempelt, während sie in Tel-Awiw die Stadt der Gegenwart erblicken und ihnen Haifa als Stadt der Zukunft gilt. Wann aber diese Zukunft zur Gegenwart werden soll, darüber konnte man oft skeptische Bemerkungen hören. Doch verschwindet diese Skepsis immer mehr, besonders in Palästina, wo man aus der Nähe die Kräfte beobachten kann, die Haifa in den Vordergrund des wirtschaftlichen Lebens treten lassen. Wenn wir heute wieder, wie in einer unserer früheren Nummern, auf Haifa zu sprechen kommen, so ist das besonders für diejenigen gedacht, die anscheinend noch nicht verstehen, was hier vorsieh geht. Man muß nicht so viel Voraussicht zeigen, wie Herzl in seinem „Altneuland", um die zwangsläufige Entwicklung Haifas in der nächsten Zukunft würdigen zu können; der Hafen ist fast vollendet, die Arbeiten an der oil pipe line der Iraq Petroleum Co. sind im Fortschritt begriffen, eine Bahn nach Bagdad ist geplant. Dennoch hat der Strom der Einwanderung, bis auf einen kleinen Teil, Haifa kaum berührt und strebt nach Tel-Awiw. Man kann die Vorliebe des jüdischen Volkes für diese Stadt sehr wohl verstehen, die es mit Recht als eine Schöpfung seines Aufbauwillens betrachtet, wo es eine vertraute Atmosphäre, ein National Home im Kleinen findet. Nichtsdestoweniger birgt diese übermäßige Konzentration der Immigration auf einen Punkt gewisse wirtschaftliche Gefahren in sich, von denen Spekulation in Bauplätzen und Häusern, sowohl Mietenteuerung nicht die letzten sind. Es ist daher im Interesse aller Beteiligten, eine gesündere Verteilung der Einwanderung herbeizuführen, nicht nur nach landwirtschaftlichen Siedlungspunkten, sondern auch nach anderen Städten und besonders nach Haifa. Es ist klar, daß der Charakter Haifas nie so eindeutig sein wird, wie der Tel-Awiws. Seine internationale Stellung verhindert dies; doch ist es gerade diese internationale Stellung, die, wie keine andere Stadt Palästinas, wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet, die uns anspornen sollten, die jüdische Position in Haifa so stark als möglich zu gestalten. Männer mit wirtschaftlicher Voraussicht, besonders Industrielle und erfahrene Großkaufleute, werden wohl fahren, wenn sie durch Ansiedlung daselbst mitwirken werden an der Entwicklung der Kräfte, denen Haifa seine Stellung im Östlichen Mittelmeer verdankt. Nach der wirtschaftlichen Übersicht für 1932, also nach einer rohen Schätzung der jüdischen Investierungen in Palästina im letzten Jahre, zeigte sich, daß von 3,5 Millionen Pfund etwa 1,5 Millionen in Landwirtschaft, 1,5 in Bauten und nur 0,5 Millionen, d. h. weniger als ein Sechstel, in Industrie und Transport investiert wurden. So sehr der Strom von Kapital in Landwirtschaft und Bauten zu begrüßen ist, so können wir den Anteil der Industrie an jener Summe kaum als entsprechend betrachten, und glauben, daß er einer tiefgehenden Korrektur bedarf, zumal da der Anteil für Landwirtschaft zum größten Teil der Zitruskultur zugute kam. Abgesehen von den bisher nicht voll ausgenutzten Möglichkeiten der Milchwirtschaft, Gemüsezucht, usw., ist es die Industrie, die einen viel größeren und bedeu- Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München7