Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-05-15 · 10 (15.5.1933) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
10 (15.5.1933)
Date
1933-05-15
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2727975-2727985--08994-2742248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

146 Bayerische Israelitische Gemeindezeitüng Nr. 10 Rabbiner Dr. Freudenthal (Nürnberg) zu der Nof der Zeit Anknüpfend an das große Ereignis der Befreiung Israels aus Ägypten hielt Herr Rabbiner Freudenthal an den vergangenen Pesachtagen zwei Predigten, deren Wortlaut in der Mai-Nummer des Nürnberg-Fürther Israel. Gemeindeblattes abgedruckt ist. Wir entnehmen daraus einige Sätze zur Zeitlage: Wir Juden verstehen sehr gut das mächtige Brausen einer nationalen Erhebung, verstehen sehr gut, wenn vaterländische Kreise es längst satt haben, sich von Siegerstaaten weiter in Fesseln halten zu lassen. Nur begreifen wir nicht, daß wer sich der Fesseln entledigen will, gleich solche bereithält, um andere darein zu legen; das feegreifen wir nicht und begreift auch die ganze übrige Welt nicht. Es war darum schon schmerzlich genug für uns, daß diejenigen unter uns, die draußen Schulter an Schulter mit allen anderen gegen jene Feinde gekämpft hatten, von vornherein aus diesen nationalen Kreisen ausgeschlossen wurden. Alber es ist tief bedrükkend und tief beschämend und für unsere Ehre tief verletzend, daß man in uns sogar die offenen Feinde des Vaterlandes und die geheimen Zerstörer solch nationaler Empfindungen erblickt. Freiheit ist noch keinem Volke in den Schoß gefallen, sondern mußte immer erkämpft werden. Es müssen freilich nicht immer blutige Waffen sein, mit denen ein solcher Kampf zu führen ist. Wir Juden besitzen solche Waffen nicht und wollen sie auch nicht besitzen; wir haben sie nur geführt, als wir zur Verteidigung des Vaterlandes aufgerufen wurden, und haben sie ebenso tapfer geführt wie alle anderen, mit denen wir gegen die Feinde zusammenstanden. Aber der Boden, auf dem wir unseren Kampf als Juden gegen unsere Feinde zu führen haben, kann wie bisher so auch weiterhin immer nur der Boden des Rechtes, der Kultur, des Geistes, der Vernunft, der Einsicht, der Wahrheit, der Versöhnlichkeit, der Liebe, des Friedens sein und kann nur mit Waffen geführt werden, die diesem Arsenal zu entnehmen sind. Wie das möglich ist, zeigt vorbildlich die Heilige Schrift selber mit dem herrlichen Wort, das sie von den Ägyptern spricht, von denen unsere Väter einst so gequält waren: „Verabscheue den Ägypter nicht, denn du warst Gast in seinem Lande!" Dies Wort ist ein Fanal, das heller durch die Weltgeschichte leuchtet als der gelbe Fleck von 1499, der hier 1933 seine entehrende Auferstehung gefunden hat, als ob gar keine Menschheits¬ und Kulturentwicklung zwischen diesen Epochen stattgefunden hätte. Man müßte wahrhaftig nicht bloß an der Menschheit, sondern selbst an der Gottheit verzweifeln, wenn nicht endlich einmal jenes biblische Fanal zum Siege führen würde, wenn nicht das Prophetenwort seine Wahrheit erweisen würde, daß es im Völkerleiben nicht auf Macht und Gewalt, sondern auf den rechten Gottesgeist ankommt. ... Das Wort Gottes gebietet zu schweigen, schweigend seinen Weg zu gehen: „Gott wird für euch streiten, ihr sollt schweigen". Dies Wort, das Moses sprach, gebietet also nicht etwa das Nichtstun, es gebietet vielmehr schweigend seine Pflicht zu tun. Leider haben noch so manche unter uns, besonders unter den Frauen, dieses Wort „schweigen" nicht begriffen. Sie zeigen Angst, aber keine Würde. Wer Würde hat, braucht keine Angst zu haben. Wer aber immer noch durch Vergnügungs-, Putz- und Spielsucht öffentlich die Aufmerksamkeit erregt, braucht nicht verwundert zu sein, wenn er sich selbst und uns alle dadurch gefährdet. Wir haben doch Sorgen und Pflichten gerade groß und verantwortungsvoll genug, um endlich einmal alle diese Äußerlichkeiten in den Hintergrund treten zu lassen. Aus den vielen schweren Fragen, die uns beschäftigen, sei nur die eine herausgegriffen: Was soll aus unserer Jugend werden, wie können wir ihr das nötige Rüstzeug an Bildung, Gesittung und Charakter geben, damit sie sich irgendwo in der Welt eine Zukunft schaffen kann, wenn unser deutsches Heimatland ihr nicht den Platz gewähren will, den sie zum Leben braucht? Solchen Problemen gegenüber heißt es wahrlich nicht viel Worte machen, sondern schweigend alles daransetzen sie zu lösen. Und das bedeutet wiederum schweigend alle Opfer aufbringen, welche ihre Lösung wie überhaupt jede Sicherung unserer persönlichen Existenz und der unserer jüdischen Gemeinschaft von uns verlangt. Aber aus solcher Würde und aus solchem Opfersinn heraus wird sich auch ein Weg durch das Meer finden, das vor uns liegt. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Aussichten in Palästina Einer der zuverlässigsten Kenner der derzeitigen wirtschaftlichen Möglichkeiten im Heiligen Lande, Dr. Arthur Ruppin in Jerusalem, veröffentlicht in der „Jüdischen Rundschau" einen längeren Aufsatz über landwirtschaftlicheSiedlungsverhältnisse und schickt diesem Aufsatz einige Vorbemerkungen über die wirtschaftlichen Aussichten der verschiedenen Berufe im allgemeinen voraus. Da diese Frage zurzeit die Juden aller Richtungen bei uns beschäftigt, ist es angebracht, die Bemerkungen Ruppins auch unserem Leserkreise zugänglich zu machen: „Palästina kann denjenigen Juden in Deutschland, \ deren Existenzaussichten durch die neue politische Wendung zerschlagen sind, zur Zuflucht werden, falls sie bereit sind, zur Landwirtschaft überzugehen und die dafür erforderlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Zu diesen Voraussetzungen gehört bei Leuten, die infolge ihres Alters oder mangelnder physischer Kraft zu schwerer Arbeit nicht geneigt sind, sondern dafür Lohnarbeiter beschäftigen müssen, hei bescheidener Lebenshaltung ein Kapital von mindestens Lst. 3000.—; bei jungen, kräftigen Leuten im Alter bis zu 30 Jahren, die sich noch auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.