Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 10 (15.5.1933)
- Date
- 1933-05-15
- Page
- Seite 145 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mai 1933 Nummer 10 Inhalt: Der jüdische Glaube und das öffentliche Leben — Rabbiner Dr. Freudenthal (Nürnberg) zu der Not der Zeit — Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Aussichten in Palästina — Die Zahl der Juden an den deutschen Mittel- und Hochschulen — Disraeli in Palästina — Die Odyssee eines exotischen Juden — Napoleon und die Juden — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde München — Vereine — Bücherschau — Personalia. Der jüdische Glaube und das öffentliche Leben Martin Bubers Vortrag in Zürich Martin Bu'ber benützte seinen Aufenthalt als Vertreter der Jerusalemer Universität bei der Jahrhundertfeier der Zürcher Universität im Mai dieses Jahres zu einem Vortrag in der „Vereinigung für soziale und kulturelle Arbeit im Judentum". Der Saal war weit überfüllt, viele mußten vor der geschlossenen Türe umkehren. Man bemerkte unter den Zuhörern fast sämtliche Professoren der theologischen Fakultät, zahlreiche Pfarrer waren da und viele Studenten waren erschienen. Martin Buber erklärte zu Beginn, daß. er über die politische Situation nicht reden werde, sondern nur über das, was der jüdische Glaube hinsichtlich des öffentlichen Lebens dem Menschen zu sagen hat. Der jüdische Glaube ist ohne das Volk, das ihn lebt, nicht denkbar. Volkstum und Glauben stehen in engster Verbindung, ja das Volk ist durch den Glauben konstituiert. Das ganze Leben wird durch den jüdischen Glauben beansprucht, sonst verliert das jüdische Leben seinen Daseinsanspruch. Die Konzeption des Gotteskönigstums ist dem Juden ernst, sie muß in der Politik verwirklicht werden und sie ist in seiner Verfassung vorgesehen. Dies ist richtig, obwohl das jüdische Volk hier ungeheuerlich versagt hat. Nicht versagt hat jedoch der unbeugsame Wille zu dieser Berufung. Soziologisch gesprochen, heißt das Gotteskönigtum, eine Gemeinschaft der Menschen aus reiner Freiwilligkeit, ohne irdische Obrigkeit. Dies gilt ohne Albzug für die ganze Welt, nicht nur für die Juden. Anders gesprochen. Gott will sein Reich nicht ohne Mitwirkung des Menschen erfüllen. Jeder Partikularismus oder ein Privileg der Auserwähltheit ist den Juden fremd. Aus den Worten des Propheten Arnos geht ausdrücklich hervor, daß alle Völker in der Erlösung inbegriffen sind. Es gibt keine Heiligsprechung des nationalen sacro egoismo. Hält man die Grundanschauung des heutigen Zustandes dagegen, so sieht man sofort die Differenzen. Deutlich kommt dies in dem Roman „Der vom Teufel Besessene" von Dostojewsky zum Ausdruck, wo jedes Volk seinen Gott hat und sich diese Götter gegenseitig bekämpfen. Über den Grad der Souveränität, die jedem Volke gebühre, erklärt Buber: Auf keinen Fall dürfe ein Volk sich selbst vergotten. Israel ist nur insofern erwählt, als es an dieser Lehre festhält. Real gesprochen heißt dies nach dem Worte der Bibei: „Einerlei Recht für die Einwohner und die Gäste." Was für den Einzelnen gilt, gilt auch im Verhältnis zu den Völkern. Besonders drastisch kommt dies in einem Ausspruch eines chassidischen Führers zum Ausdruck, der in seinem Gebet einmal gesagt hat: „Herr, wenn Du nicht uns erlösen willst, erlöse doch die Gojim!" Kein Mensch ist ausgenommen aus dieser Forderung Gottes nach gleicher Behandlung, auch die Staatspolitiker nicht. Es ergibt sich daraus, daß es keine Unterscheidung zwischen personeller und Gruppenverantwortung geben kann. Es gibt kein verschiedenes Recht zwischen Mensch und Mensch und Gruppe und Gruppe. Die Grupen haben keine Sondergesetze, keine Gruppe kann an der eigenen persönlichen Verantwortung einen Abstrich tun. Vielleicht, so erklärt der Redner, wird sich einmal eine Front der Wahrheitssucher quer durch alle Gruppen bilden. Der jüdische Messianismus ist diesseitig. Das Wort „jenseits" ist im Hebräischen sogar unbekannt, sondern muß durch Olam haba übersetzt werden. Es gibt keine messianische Politik, ohne eine sinnvolle und bestimmte Teilnahme an den Dingen des politischen Tages. Es gibt keine religiöse Gleichgültigkeit der politischen Zwecksetzung gegenüber. Es gibt kein soziales Programm, das religiös sanktioniert wäre, aber es gibt bestimmte Richtlinien und Hinweise, was recht und was unrecht ist. Vor allem sieht man das in der Wahl der Mittel, die zur Verwirklichung des politischen Zieles gewählt werden. Die unheiligen Mittel entheiligen den Zweck, ruft Buber aus, und der anhaltende Beifall gibt die Meinung der Zuhörer deutlich wieder. Wenn jemand einen unreinen Weg hat, kommt er nicht ans Ziel! Die Ausführungen schloß der Referent mit dem Bekenntnis, daß die Juden mit ihrem Glauben leben, aber auch dafür zu sterben wissen werden.