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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-05-01 · 9 (1.5.1933) · p. Seite 133

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
9 (1.5.1933)
Date
1933-05-01
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 133 kaufen öder gar töten, wie es ihnen beliebte. Wohl schätzte man die Juden als Geldverleiher, doch mißachtete man sie, weil sie für ihre Bemühungen von dem ihnen verliehenen Recht — im Gegensatz zu den Christen — Zinsen zu nehmen, Gebrauch machten. Erst im achtzehnten Jahrhundert behandelte man sie besser und erteilte ihnen auch zahlreiche Vorrechte, besonders den aus Spanien und Portugal zugewanderten Juden, während die im Elsaß wohnenden und die aus dem Osten gekommenen nahezu rechtlos waren. In manchen Gegenden erteilte man ihnen nur gegen Zahlung beträchtlicher Gelder die Aufenthaltserlaubnis. Den ersten Schritt zur Judenbefreiung hatten die Vereinigten Staaten von Amerika getan. Der durch die Schriften des großen Mendelssohn angeregte Graf Mirabeau und der mit dem jüdischen Dichter Moses Ensheim befreundete Abbe Gregoire setzten das große Werk fort und traten in der französischen Nationalversammlung für die bisher unterdrückte Rasse ein. Mit den Worten: „Als Geistlicher einer Religion, die alle Menschen als Brüder ansieht . . ." begann Gregoire seine Verteidigungsrede. Und im September 1789 verlangte eine Abordnung der Juden von der Nationalversammlung die Verleihung des Bürgerrechts, die Erlaubnis, sich in allen Städten Frankreichs aufhalten zu dürfen, ferner die Befreiung von allerlei Sonderabgaben — wie im Elsaß :— endlich das Recht, ihre Religion ausüben zu dürfen. Während einige Abgeordnete der Nationalversammlung sich gegen die Judenbefreiung aussprachen, übernahmen andere ihre Verteidigung. „Als Nation," rief Graf Clermont-Tonnere, „sollte man ihnen alles verweigern; die Hauptsache ist, daß sie gute Bürger werden." Auch Maximilian Robespierre trat für die unterdrückte Rasse ein und sagte mit Recht: „Ihre Laster entspringen nur aus Erniedrigung, in die sie versetzt wurden, sie werden gute Menschen werden, wenn sie die Vorteile, es zu sein, erkannt haben." Die Nationalversammlung schien sich nicht von den Beweisgründen der Verteidiger der Juden überzeugen zu lassen, um die seit Jahrhunderten bestehende Ausnahmestellung der Juden zu beseitigen. Endlich, am 28. Januar 1791, bewilligte die Versammlung den Israeliten von Avignon — damals noch eine päpstliche Exklave — und von Bordeaux die politischen Rechte, die sie schon früher den Protestanten . arieTkanrif/^tten. Am 27. September desselben Jahres wurde'auch Juden im Elsaß und in Lothringen diese .WoMi^t'zu.'ieil. Hatten die Israeliten auch die Rechte französischer Bürger erworben, so waren sie dennoch Juden als ö > )*-'; Nation geblieben und nur unvollkommen mit den Franzosen verschmolzen worden. Die Klagen, vor allem aus dem Elsaß, daß die Juden weiterhin hohe Prozente, auch unter der Regierung Napoleons, verlangten, wollten nicht verstummen. Dort hatten die Juden zahlreiche Nationalgüter erworben, sie aufgeteilt und an die Bauern weiterverkauft, wodurch sie nicht nur beträchtliche Gewinne einheimsten, sondern sich auch die Landleute zu dauernden Schuldnern machten. Um diesen haltlosen Zuständen ein Ende zu bereiten, befahl der Kaiser nach der bereits erwähnten Rückkehr nach Paris, Anfang 1806, den Vorsitzenden der Sektion des Innern im Staatsrat, Regnaud de Saint- Jean d'Angely, sich mit der jüdischen Frage zu beschäftigen. Der Staatsrat seinerseits beauftragte einen jungen, vielversprechenden Auditeur, namens Mole, einen Bericht zu erstatten. Der Kaiser, der Mole sehr wohlwollte, war mit dessen Ausführungen sehr einverstanden und erlaubte dem jungen Mann, dies selbst im Staatsrat vorzutragen. Obgleich Moles Urgroßmutter selbst eine Jüdin gewesen sein soll, sprach sich Mole sehr gegen die Juden aus, und bedauerlicherweise ließ sich Napoleon dadurch beeinflussen. Unfaßbar ist, mit welcher Lässigkeit Mole seine Aufgabe betrieb. Er selbst gesteht ein — und das ist so gut wie nicht bekannt —, daß er nur einen Tag und einen Teil der Nacht darauf verwandte, um sich aus einer Anzahl von Druckschriften eine Meinung über eine so schwierige Frage zu bilden! Als der Auditeur seinem Vorgesetzten sagte, daß die Israeliten seiner Auffassung nach mit Recht ihr Verbrechen büßten, antwortete Regnauld de Saint-Jean d'Angely sehr treffend: „Ich kann Ihren Ausgangspunkt nicht verstehen. Die Juden sind durch die lange Unterdrückung, in der sie wegen der christlichen Vorurteile schmachteten, nur herabgewürdigt worden. Stellen Sie sie unter dieselben Gesetze, bewilligen Sie ihnen dieselben Bedingungen wie anderen Menschen, macht keine Ausnahme wegen ihres Kultus, noch wTegen ihres Glaubens, diesem großen Grundsatz der Freiheit des Gewissens, der wertvollsten Errungenschaft von 1789, und Sie werden sie sehr bald sich aus ihrer entwürdigenden Lage erheben und ihre falschen Grundsätze aufgeben sehen, mit deren Hilfe sie den Wucher betreiben, und die für sie nur ein Mittel der Verteidigung, eine Wiedervergeltung oder — wenn Sie wollen — eine Rache gegen die Unterdrücker gewesen ist." Durch Mole beeinflußt, erließ Napoleon am 30. Mai 1806 einen Erlaß, der für ihn der Ausgangspunkt für die Lösung der Judenfrage bildete, der auch für die meisten änderen europäischen Staaten bahnbrechend wirkte. Es heißt in der Verordnung: „Die (erwähnten) Zustände ini Elsaß haben uns gleichzeitig zu erkennen gegeben^ wie dringend es nötig ist, bei denen, die sich in den uns untergeordneten Ländern zum jüdischen Glauben bekennen, die bürgerlichen guten Sitten wieder auferstehen zu lassen, die bedauerlicherweise bei vielen unter ihnen durch den erniedrigenden Zustand, in dem 'sie länge geschmachtet haben, geschwunden sind." Ursprünglich hatte Napoleon die Absicht, die wucherischen Hypothekenschulden überhaupt gänzlich zu unterdrücken. Erst später entschied er sich zu einer weniger drakonischen Maßnahme und befahl in demselben Erlaß, die Zwangsverkäufe in den am Rhein liegenden acht Departements auf ein Jahr auszusetzen, falls Israeliten die Gläubiger seien. Endlich sollte am 15. Juli in Paris eine Versammlung von Leuten stattfinden, „die sich zum jüdischen Glauben bekannten und französisches Gebiet bewohnten". - Ein am 22. Juli 1806 befohlener Ausschuß, an dessen Spitze der mittlerweile zum Berichterstatter im Staatsrat ernannte Mole stand, und dem die beiden judenfreundlichen Berichterstatter Portalis der jüngere und Pasquier angehörten, sollte sich im besonderen mit der

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