Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-05-01 · 9 (1.5.1933) · p. Seite 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
9 (1.5.1933)
Date
1933-05-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2727975-2727984--08977-2742230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

130 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 folgt keiner Doktrin, sondern handelt aus dem konkreten Zustand, dem Jetzt und Hier. In ihm sind die Instinkte noch nicht beirrt; so besitzt es Richtung und Unterscheidungssinn. 'Die Kräfte des Schauens sind noch nicht zerstört; in seinem Leben steht das Symbol; die Vision kann noch zum Volke kommen und ihm den Sinn der Welt enthüllen. Es ist weise und seherisch, von den stillen, schaffendenerMächten belehrt. So lebt das Volk und in ihm der einzelne die ungebrochene Wirklichkeit des Daseins. Damit ist es diesem aber auch ausgeliefert. Es hat die Last des Daseins zu tragen. Die Frage, ob diese Last gerechtfertigt sei, stellt es nicht. Das Leben ist da mit seiner Schwere; die Techniken aber, sich ihr zu entziehen, kennt der Mensch noch nicht. So trägt er sie einfach hin, und darin wird er groß. Das Volk ist preisgegeben, mühselig und beladen. Es mag schlau sein; aber das ist doch nur eine Schlauheit innerhalb jenes Eingefangenseins. Auch viel böses lebt im Volke. Neben kindlichem Frohsinn und zartester Güte eine oft blitzartig losbrechende Leidenschaft, die sich zu sinnlosem Rasen steigern kann. Tücke und unvorhersehbare Zerstörung, tierische Wut, erbarmungslose Grausamkeit, wüste Trunksucht, Dumpfheit, Verfallenheit, alle schlimmen Mächte wirken in ihm — und dennoch, ja in alledem ist das Volk „kindlich gut". ^.GERECHTIGKEIT" Von Jakob Wassermann Wir müßten zuerst übereinkommen, was wir unter Gerechtigkeit zu verstehen haben; offenbar ist sie eine Gleichgewichtslage der Seele, wenn wir auf die eine Waagschale die Schuld und auf die andere die Sühne legen, oder das Verbrechen auf die eine, die Strafe auf die andere; oder das Leiden auf die eine und die Aufhebung des Leidens auf die andere. Und dann: ob ich selbst das Leiden, die Schuld trage oder der Nebenmensch, ob ich also mittelbaren oder unmittelbaren Anteil an der Wiedergutmachung habe; danach richten sich Befund, Urteil und der Schmerz über den fehlenden Ausgleich, der vollkommen ünverwindbar ist. In allen Fällen ist es eine Frage von Maß und 'Gewicht, eine, mit der die innere Substanz des Menschen zu tun hat, sein Weltgefühl, sein Gottgefühl, sein Selbstgefühl, sein Vertrauen in die immanente Ordnung der Dinge. Es ist, möchte ich sagen, eine Lichtfrage; je nach der Überzeugung, die wir empirisch, persönlich oder außerpersönlich, von jener Verwaltung des Seelenguts gewinnen, die wir Gerechtigkeit heißen, ist unser Leben mit Helligkeit gesegnet oder zur Finsternis verdammt. Davon kann sich keine menschliche Natur freimachen. Das Maß von Gerechtigkeit, nach welchem in irgendeiner Gemeinschaft verfahren wird, sei es der Staat, sei es die Familie, sei es die Menschheit als Ganzes, ist das Regulativ für die Gesamtsumme von Freude, Auf1 schwung, Willigkeit, Dienst, Behagen, überhaupt von allem Glück, die sie zu produzieren vermag. Darin sind wir doch; einer Meinung? Also. Daß die Gerechtigkeit, nicht bloß als Idee, als Inkarnation des göttlichen Wesens, sondern als sittliche Forderung von höchster ungestümster Dringlichkeit das moralische und legislative, politische und religiöse Fundament des Judentums bildet, kann nicht bestritten werden. Sollten sechzig Generationen imstande sein, dieses tiefeingebrannte Geist- und Seelenzeichen zu verwischen? Ich glaube nicht. Und was liegt näher zu denken, als daß eine solche Forderung, in grauer Vorzeit erhoben, eine solche Idee, in den Frühzeiten der Geschichte wirksam, schon damals ein langes Leidensgedächtnis, einen schweren Leidensweg voraussetzte? Sie war nicht bloß ein Ergebnis vergangener Leiden, sie war auch ein ahnungsvoll errichteter geistiger Schutz gegen die künftigen, an deren Ende, als Erlöser von allem Unrecht, der große Ausgleicher und Entschädiger, der Messias, stand. Nun folge mir einen Augenblick durch die letzten zwei Jahrtausende jüdischen Schicksals. Aber wozu brauch ich zwei, eines genügt, bleiben wir beim letzten. Es ist eine Straße des Kummers und der Tränen, wie es keine gab, seit menschliche Taten und Leiden aufgeschrieben werden. Man vergißt es, man löscht es in sich aus, es bleibt einem nichts anderes übrig, wie sollte man sonst weiterleben, der einzelne will nicht teilhaben an den Missetaten der Zeitgenossen, der später Geborene nicht an denen der Vorfahren; ob hundert oder tausend oder dreimal/hunderttausend auf dem Scheiterhaufen und unter Mörderhänden krepiert sind statt an Altersschwäche in ihren Betten, spielt vielleicht nach fünfhundert Jahren keine Rolle mehr, schon nach zwanzig nicht, manche beruhigen sich dann damit, daß der Menschheit überhaupt nicht zu helfen und Hopfen und Malz an ihr verloren ist. Dennoch wird alles Geschehen im Gruppen- und Stammesgedächtnis aufbewahrt und bildet den historischen und mythologischen Erlebniskern. Dieser steten Konfrontation mit dem Gewesenen waren die Juden mehr als jedes andere Volk ausgesetzt, da sich ihre ganze geistige Existenz immer zwischen Gesetz und Legende bewegt hat. Vergegenwärtige dir diese jaihrhundertlange Dauer und Ansammlung von verbrecherischer Wut, mitleidloser Abschlachtung, seelischer und leiblicher Schändung, tückischer Verleumdung, systematischer Bluthetze ohne jegliche Gewissensregung, fanatischer Menschenjagd bis zur völligen Erschöpfung der Opfer, Orgien der Habgier und Grausamkeit . . . mit dem Hintersinn der Beseitigung geschäftlicher Konkurrenz.... Von Sühne und Ausgleich ist aber nichts zu merken und nie etwas zu merken gewesen; das armselige Almosen, gewährt in einer kurzen Periode der Humanisierung, kommt doch gar nicht in Betracht; der unergründliche Haß hat nie aufgehört zu glimmen, wenn er ihn nicht gerade versengte, atmete der Jude schon auf; die Mittel der Verfolgung sind raffinierter geworden; die Anklage lautet nicht mehr auf Brunnenvergiftung und Kreuzigung des Heilands, sie geht viel weiter, sie unterhöhlt die Existenz als solche, die Menschenrechte und Bürgerrechte als solche, sie dehnt, wo sie ganz konsequent ist, den Bannstrahl auf die Person des Heilands selbst aus; sie bedient sich einer liebedienerischen Wissenschaft, um die ohnehin unausrottbare Lüge zu verewigen; sie wird erhoben bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.