Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 8 (15.4.1933)
- Date
- 1933-04-15
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 119 wir es wie dem. Staat so auch uns selbst schuldig sind. An das 'Gute und seinen endlichen Sieg glauben kann und darf man nur, wenn man sich selbst um seine Verwirklichung bemüht. , Der Redner ermahnte die ins Leben hinaustretende Jugend, ihr Leben nach den Grundsätzen der Religion, die sie auf dem vorgezeichneten Weg führen will, einzurichten und empfahl ihnen nach dem Goethe-Wort den Allmächtigen um „große Gedanken und ein reines Herz" zu bitten. Der weitere Verlauf der Feier erhielt seine weit über den Tag hinausreichende Bedeutung durch die Ansprache des Vorsitzenden der Kultusgemeinde und Präsidenten des Verbandes Dr. Neumeyer: Sehr verehrte Anwesende! Wir haben soeben von einem Mädchen, als dem Vertreter der schulentlassenen Jugend, ein tapferes Wort gehört, daß es heute in besonderem Maße gilt, den Spannungen des Lebens gerecht zu werden. Da ist es vielleicht gestattet, in dieser Stunde des Abschiedes davon zu sprechen, in welcher Weise die großen Denker und Dichter in der Weltliteratur zu den Spannungen des Lebens . und seinen Gefahren Stellung genommen haben. Die bekannteste Dichtung der Weltliteratur, die hier einschlägt, und die einige von Ihnen sicherlich in der Ursprache gelesen haben, scheint mir die 6. Römerode des Horaz zu sein. Es ist Ihnen aus der Geschichte wohl bekannt, daß Männer mit diesen Worten in den Tod gegangen sind. Justum ac tenacem propositi virum Non civium ardor prava iubentium Non voltus instantis tyranni Mente quatit solida — neque Auster, Dux inquieti tufbidus Adriae, Nec fulminantis magna manus Jovis, Si fractus illabatur orbis, Impavidum ferient r.uinae. „Den gerechten und vorsatztreuen Mann erschüttert nicht in seinem Gleichgewicht die politische Leidenschaft der Mitbürger, mit ihren verkehrten Forderungen, nicht die finstere Miene des Tyrannen, nicht der Südsturm, der Herrscher der unruhigen Adria, nicht die gewaltige Hand des blitzeschleudernden Gottes; wenn krachend der Erdball zusammenstürzt, werden ihn furchtlos die Trümmer erschlagen." Wie der römisch-griechische Tempel in geschlossener Form für sich steht, so wirft sich der antike Held einer ganzen Welt entgegen und findet hier seinen Untergang. In großartiger Weise, in Anlehnung an die Worte des Horaz, nimmt diesen Gedanken der deutsche Denker Fichte auf: „Ich hebe mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge und zu dem tobenden Wassersturz und zu den krachenden, in einem Feuermeer schwimmenden Wolken und sage: Ich bin ewig und ich trotze eurer Macht. Brecht alle herab auf mich und du Erde und du Himmel, vermischt euch im wilden Tumult und ihr Elemente alle — schäumet und tobet und zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchens des Körpers, den ich mein nenne; mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben. Denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist dauernder als ihr." Gleich den deutschen gotischen Domen mit ihren himmelstürmenden, ins unendliche strebenden und das feste Gefüge verlierenden Formen stellt sich hier der ethisch begründete Wille des Menschen allen Gewalten entgegen. Wiederum in Anlehnung an die Worte des Horaz und doch sein Ethos völlig überwindend sagt Goethe: „Die Tätigkeit ist, was den Menschen glücklich macht; Die erst das Gute schaffend, bald ein Übel selbst durch göttlich wirkende Gewalt in Gutes kehrt. Drum auf bei Zeiten Morgens! ja, und fändet ihr, was gestern ihr gebaut, schon wieder eingestürzt, Ameisen gleich nur frisch die Trümmer aufgeräumt! Und neuen Plan ersonnen, Mittel neu erdacht! So werdet ihr, und wenn aus ihren Fugen selbst die Welt geschoben in sich selbst zertrümmerte, sie wieder bauen, einer Ewigkeit zur Lust." Der Dichter der großen, tief menschlichen Resignation und schöpferischen Kraft weist den Helden mit seiner Arbeit in die Zukunft. Wenn dein Werk einstürzt, dann räume immer wieder die Trümmer auf und baue in die Zukunft, einer E\*tfgkeit zur Lust. Es ist das faustische Streben, das hier seinen genialen Ausdruck findet. Wenn wir endlich den jüdischen Dichter sprechen lassen, so finden wir eine gänzlich neue, von allem anderen verschiedene Welt. Aus.unserer ganzen religiösen Literatur klingt es hier wie ein großer Psalm, eine Melodie in unendlichen Väriationen. Als kleinen Ausschnitt möchte ich Ihnen die Eingangsworte des 91 Psalm sagen, den wir letzten Freitag Abend in den Gottesdienst eingeschaltet haben: Joschew beseser eljon bezel schadai jislonon omar laadonoi machsi umzudosi elohai eftach bo. Wer in dem Schutz des Höchsten wohnt, im Schatten des Allmächtigen ruht, der spricht: Gott meine Burg und Zuflucht, auf ihn vertraue ich. Aus unserer religiösen Literatur tönt es auf allen Seiten und in allen Zungen: Tue Recht, wandle in den Wegen des Herren und du bist geborgen gegen alle Mächte der Welt. Adonoi liwelo iro, Der Herr ist bei mir und ich fürchte nichts. So spricht zu Ihnen, meine jungen Freunde, an diesem bedeutsamen Tage, da Sie aus der Schule ins Leben treten: Der römische Dichter: Seid standhaft und wenn eine Welt auf Euch einstürmt! Der deutsche Dichter: Bauet auf, auch wenn Eure Arbeit immer wieder zertrümmert wird! Der jüdische Dichter: Lebt in Gott und Ihr werdet die Welt überwinden! Als Vertreter der Gemeinde München wünsche ich Ihnen von Herzen ein gutes Schicksal auf Ihrem Lebenswege. Und wenn einst glücklichere Zeiten Ihnen wieder beschieden sind, dann mögen Sie zurückschauend freundlich gedenken Ihrer Schule und Ihrer Lehrer, dieses Tages und der Gemeinde Ihrer Väter. Leben Sie wohl! Abraham Berliners 100.Geburtstag Vor 100 Jahren erblickte in Obersitzko (Provinz Posen) ein jüdischer Gelehrter das Licht der Welt, wie deren nicht viele im letzten Jahrhundert zu verzeichnen waren. Ja, Abraham Berliner war ein jüdischer Gelehrter, aber wie Lasalle in seinem „Bastiat-Schulze", hätte er, wenn dies überhaupt in seinem überaus bescheidenen Wesen gelegen hätte, sich rühmen können, daß er die ganze Wissenschaft seiner Zeit umfasse. Er, Abraham Berliner, wie er sich stets' nannte, trotzdem in sein Geburtsregister der Vorname Adolf eingetragen war, da die Preußische Regierung damals den Juden in der Provinz Posen keine alttestamentarische Vornamen erlaubte, beherrschte wie kein zweiter alle möglichen Wissenszweige, jüdische und nicht-jüdische. Aber er war Jude im vollsten Sinne des Wortes und darum fähig zu unserem Herzen zu sprechen, so oft er von jüdischer Wissenschaft spricht. Aus seinem Herzen quillt die Begeisterung für den Stoff, den er formt, den er klar macht, dem er höchste Vollendung gibt. Aus seinem Herzen holt er die Glut seiner Überzeugung, das Feuer seiner Liebe, mit der er in die morschen toten Gebeine Geist des Lebens hauchte, so daß sie Gestalt gewannen und ihre Geschichte uns erzählten. Er begann sehr jung als Kritiker mit seinem Raschi-Kommentar und einer Schrift zu Targum-Unkelos, zwei Werken, die ihm von der Universität Leipzig den Ehrendoktortitel einbrachten.