Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 8 (15.4.1933)
- Date
- 1933-04-15
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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118 f^T" i=:Z Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Denn er ist sich bewußt: das Um-uns "gehört .mit zur Realität unseres Schicksals, aber unser jüdisches Geschick, unsere jüdische Wirklichkeit, vollzieht sich in anderen Dimensionen und entscheidet sich auf einer anderen Ebene als auf des Messers Schneide, die der Punkt des Heute darstellt. Jüdische Wirklichkeit ist die Realität der Tradition und des Messianismus. Je intensiver diese Mächte in uns wirken, je tiefer wir hineinsteigen in den jüdischen Strom, desto wirklicher wird unsere Wirklichkeit, desto peripherer werden die Dinge, die sich an unserer Oberfläche abspielen. Sie kennen die Sage von jenem König des Altertums, der einmal in seiner Wut das Meer zur Strafe peitschen ließ. Nun, je stärker unsere jüdischen Dimensionen wachsen, je ozeanischer unsere Tiefenverhältnisse sich gestalten, desto belangloser wird es für unsere jüdische Wirklichkeit, was sich an ihrer Oberfläche abspielt, und mag sie auch vielleicht unter Peitschenhieben seufzen. Es scheint mir daher, daß die Einsicht in den jüdischen Wirklichkeitscharakter von der höchsten kulturellen Bedeutung für uns ist. Wie unsere Ahnen in früheren Notzeiten, die oftmals noch härter waren als die unsrige, können auch wir der Situation nur dadurch wirksam und wahrhaft geschichtlich begegnen, wenn wir uns von der peripheren Randwirklichkeit in einer sinnvollen Sezession zurückziehen in unsere eigene, von jüdischer Lebendigkeit getragene Wirklichkeitsschichte. Vor allem aber ist es unsere Aufgabe, neben der Erhaltung und Gestaltung unseres innerjüdischen Lebens in den Landen der Zerstreuung mit ganzer Macht unsere Kräfte einzusetzen für den Aufbau der umfassenden jüdischen Wirklichkeit, die auf dem Boden Erez Jisroels zu wachsen beginnt. Vielleicht ist alles Leid durch Gottes Vorsehung nur darum über uns hereingebrochen, damit wir alle unsere Kräfte auf dieses große Ziel der Verwirklichung hinspannen, das, wenn es aus den Tiefen der Tradition heraus gespeist wird, dieRealität des Messianismus herbeiführen wird. Seien wir auch in diesem großen geschichtlichen Sinne Träger der jüdischen Verwirklichung, dann wird, wie die Propheten es verheißen haben, Zion unser Trost und unsere Wirklichkeit sein. Feier der schulentlassenen Jugend am 2. April 1933 im Sitzungssaal der lsraelifischen*Kulfusgemeinde München Die Feier für die israelitischen Schüler und Schülerinnen, die in diesem Jahre aus den Schulen entlassen wurden, gestaltete sich unter dem Schatten der besonderen Ereignisse der März-Wochen besonders eindrucksvoll und ernst. Herr Rabbiner Dr. Baerwald begrüßte die erschienenen Jugendlichen zum letzten Male als Schüler und Schülerinnen, um ihnen für den Weg ins Leben die Grüße und Wünsche ihrer Lehrer mitzugeben. Sie ständen vor der heute doppelt schwierigen Frage der Berufswahl. Der Beruf sei aber die feste Grundlage des Lebens und die Bildung einer starken geschlossenen Persönlichkeit könne nur durch treue Erfüllung der Berufspflicht erfolgen. Feste religiöse Grundsätze werden auch diese Festigung des persönlichen Lebens und des Berufes herbeiführen. Der Beruf bringe den Menschen aber auch in Verbindung mit der im Staate organisierten menschlichen Gemeinschaft. Wir bejahen den Staat nicht nur als Realität, sondern fordern ihn als den Ausdruck einer Idee, die immer mehr verwirklicht werden muß. An dieser Verwirklichung mitzuarbeiten ist der Jude von Religions wegen verpflichtet. Als wir den eigenen Staat hatten, war sein konstitutiver Gedanke das Gottesgesetz, in dessen Befolgung nicht nur die Aufgabe des einzelnen Menschen, sondern eben auch des jüdischen Staates bestand. Als der Staat untergegangen war, war d ie Richtschnur des Verhaltens zum Staat das bekannte Wort des Propheten Jeremia (Kap. 29, 7): „Fördert das Wohl des Landes, wohin ich euch führe, und betet für es zum Herrn." Man darf nicht außer Acht lassen, weil es das Gewicht dieser Worte erhöht, daß es sich hierbei um den Staat handelt, der noch der Feind Judas war, und der soeben eine Anzahl Juden in die Gefangenschaft geführt hatte. An dieser Grundeinstellung haben unsere Vorfahren stets festgehalten. Ungezählte jüdische Bürger haben, wie in anderen Ländern, so besonders in Deutschland auf allen Gebieten der Kultur zur Förderung des Staates beigetragen und viele Tausende haben ihm ihr Herzblut geopfert. Auch für uns kann es nicht anders sein. Es galt und gilt uns als religiöse Pflicht, dem Staat mit Hingebung zu dienen. Unser Staat, seit 1914 immer wieder schwer erschüttert und aufgewühlt, ist in eine neue Phase seines Lebens und seiner Gestaltung getreten. Wenn wir von der neuesten Entwicklung vielfach schwer betroffen sind, so wissen wir, daß nicht der Staat Schuld daran trägt, sondern der Umstand, daß alles noch gärt und wogt und in Umbildung begriffen ist. Der Staat muß ein Hüter des Rechts und der Wohlfahrt aller seiner Bürger sein. Und so gewiß das Jeremia-Wort auch für uns noch Gültigkeit hat, so gewiß ist auch das Wort des Spruchdichters wahr (Spr. Salomo 14, 34): „Gerechtigkeit erhöht ein Volk." Ja noch mehr: Ohne Gerechtigkeit kann ein Staat nicht bestehen. Und gerade weil wir nicht nur den Bestand, sondern die Blüte und das Gedeihen des Staates wünschen, gerade deswegen müssen wir erwarten, daß Avie allen seinen Bürgern so auch uns Gerechtigkeit widerfahre. Ein Staat kann auf die Dauer nicht nach dem Grundsatz bestehen: ,.Macht geht vor Recht", sondern Recht, Sittlichkeit und Religion müssen die entscheidenden Werte bleiben. Verlangen wir das vom Staat, so müssen wir es ebenso sehr, ja noch mehr von uns verlangen, weil