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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-04-15 · 8 (15.4.1933) · p. Seite 117

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
8 (15.4.1933)
Date
1933-04-15
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische üemeindezeitung 117 diese Mythenforscbung arbeitet, soviel Differenzen zwischen den einzelnen Denkergruppen hier noch walten, — man denke etwa an die dem Kenner sofort sichtbare Differenz zwischen einem Cassirer und einem Goldberg —, soviel Unbefriedigendes hier vor allem bei theologischer und jüdischer Betrachtung bleibt, wertvoll ist unter allen Umständen eben das Grundsätzliche, das radikale Ernstnehmen der Ur-Tradition, das schon bei Görres zu der schönen Formulierung geführt hat: „Wie die Grundfesten der Erde auf den gewaltigen Urgebirgen ruhen, so ruht unser Wissen auf den einfach großen Überlieferungen, die wie Gebirge aus der alten grauen Urwelt zu uns herüberziehen." Welche Bedeutsamkeit dieser Einsicht im Rahmen der jüdischen Wirklichkeitseinstellung zukommt, dürfte aus dem Vorausgeschickten bereits erhellen. Die Konzeption des Messianismus wird durch sie aus dem Blickpunkt einer bloßen Idee, aus.der Sphäre des Utopismus, in eine fest fundierte, ans der Urgeschichte her sich erneuernde Wirklichkeit transponiert. Damit gewinnt aber nicht bloß die Vergangenheit und die Zukunft, sondern als ihr Bindeglied auch die Gegenwart eine neue Beleuchtung. Die Gegenwart wird zum Ort der Verwirklichung dessen, was war und was sein wird. Für das vortheologische Alltagsbewußtsein hat die Gegenwart den Charakter des einzig und allein wirklich Seienden. Gegenwart ist die Substanz gewissermaßen^ aus der heraus gelebt wird, das Feste, Ruhende, der Standort oder mindestens Standpunkt. Das Gewesene und das Kommende werden vom Heute aus, von seinen Konstellationen, seinen Aktualitäten und Notwendigkeiten beurteilt, verurteilt oder herbeigewünscht. Das Pathos der Wirklichkeit ist das Pathos des Heute. Das Vergangene ist immer das nicht mehr Wichtige, das Zukünftige das noch nicht Wichtige. Rückwendung zum Abgelaufenen wird leicht als Rückfall empfunden. Wo sie als wertvoll gilt, wie in der Romantik, steht gleichwohl das Heute im Brennpunkt. Das geschichtlich Gewesene, zu dem man sich verehrend zurückbeugt, wird irgendwie in den Dienst der unbefriedigten Heutigkeit, nicht aber wird das Jetzt in den Dienst des Vergangenen gestellt. Auch die Zukunftserwartung, die parallel läuft oder besser, in eins läuft mit der Rückwendung zur Vergangenheit, hat im Judentum ihre eigene spezifisch jüdische Note. Die typische Zukunftshaltung, die den unjüdischen Realisten der Heutigkeit kennzeichnet, läßt die Zukunft noch unwirklich sein. Daß sie komme, folgt aus dem Ablaufsgesetz aller Dinge. Die Zukunft wird wirklich, wenn die Gegenwart vom Schauplatz abgetreten sein wird. So wächst die Zukunft aus der Gegenwart. Aber da immer wieder Gegenwart wird, kommt es nie zur Verwirklichung der Zukunft. Immer hemmt eine Gegenwart das Werden der Zukunft. An die Zukunft glauben, wird so zum Utopismus. Anders dem Juden, für den die Zukunft gewissermaßen vor der Gegenwart steht, der nicht aus der Kraft des Heute heraus lebt, sondern dieses Heute nur erfährt und trägt im Hinblick auf die Zukunft und traft dieser Zukunft, die, wie das hebräische Wort für Zukunft »"'ny lehrt, als immer schon bereitstehend, als immer schon Reales erlebt wird. Gegenwart wird so über alle sogenannte1 Realität des Heute emporgehoben in eine Seinsschicht, die durch die beiden Pole Vergangenheit und Zukunft in einer ganz bestimmten Richtung determiniert und aktiviert wird. Damit ist die jüdische Wirklichkeit mehr als etwas Heutiges, ist Gewirktes und Wirkendes in einem, ist der große Strom der Realität, der sich aus der Urzeit in die Endzeit ergießt, und ist in jedem Punkte Verwirklichung von beidem, von Vergangenheit und Zukunft. Welche einzelne Faktoren es sind, die diese jüdische Wirklichkeit konstituieren, das brauche ich in diesem Zusammenhang nicht näher auszuführen. Daß sie aber konkret sei und keine Phrase, daß sie echte Tat sei und nicht bloß Einstellung auf die Tat, diese Forderung geht aus dem Gesagten als Konsequenz hervor. Die Berechtigung dieser Forderung, die Einsicht, daß es eine jüdische Wirklichkeit ohne gelebte Form nicht gebe, daß jeder Versuch einer jüdischen Verwirklichung ohne die echte jüdische Atmosphäre eine Blasphemie sei, das ist heute auch schon von solchen anerkannt, die zunächst nur von Verwirklichung redeten, ohne diesen Begriff faktisch ernst zu nehmen. Ein jüdischer Denker unserer Zeit ist hier zu zitieren, der in seinen soeben erschienenen gesammelten Schriften bekennt: Erst propagierte ich die jüdische Kultur. Dann erkannt^ ich, daß diese Fordepung gewissermaßen zu geistig, zu wenig an die Urgründe der Wirklichkeit rührend sei, und forderte die religiöse Erneuerung. Aber auch hier entdeckte ich das Unzulängliche. Denn wie kann Religion bewußt erneuert werden?, und so landete ich bei der schlichten Erkenntnis: wir müssen zurückfinden zum gelebten jüdischen Allta". zur ganzen jüdischen Wirklichkeit (Buber, Kampf um Israel, S. 223 ff.). Daß diese Rückkehr zur jüdischen Wirklichkeit eine vitale Notwendigkeit für uns bedeutet, spüren wir alle, die wir uns, plötzlicher als wir ahnten, in einer Situation befinden, die uns aller festen Stützpunkte in der Umweltwirklichkeit beraubt hat. In einer solchen Lage kann uns nur das Bewußtsein retten, daß unsere Wurzeln und unsere intimste Existenz letztlich in einer ganz anderen Wirklichkeit ihren Boden haben, als in der, aus der man uns heute vertreiben will. Wehe uns, wenn wir an nichts mehr glaubten und glauben könnten als an die harte Realität der Dinge und Ereignisse. Wenn wir im Laufe unserer Geschichte nicht schon längst verzweifelt wrären, ich denke, die Dinge, die sich um uns in diesen Tagen abspielen, müßten uns in eine fürchterliche seelische Depression stürzen. Aber wir wissen eben im Tiefsten doch: diese sogenannte Wirklichkiet deckt sich nicht mit der wahren jüdischen Wirklichkeit. Wer mit seiner jüdischen Existenz wahrhaft innerlich verwachsen ist, wer sich dem überzeitlichen Phänomen der jüdischen Wirklichkeit in all ihrer konkreten Größe eingeboren fühlt und hier das Schwergewicht seiner seelischen und geistigen Existenz weiß, für den hat das Schicksal, das sich an uns abspielt, zwar des Schweren genug, aber es besitzt nicht den Stachel der Tragik, der den jüdisch Entwurzelten zur Verzweiflung treiben muß.

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