Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 8 (15.4.1933)
- Date
- 1933-04-15
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Wirklichkeit kann werden, weil sie war. Gewiß könnte Gott sie durch ein Wunder auch so, gleichsam aus dem Nichts schaffen, auch wenn die Menschennatur dagegen wäre. Ein talmudischer Ausspruch glaubt an die messianische Verwirklichung auch für den hypothetischen Fall des H"n d. h. der absoluten Gegnerschaft des Menschen; aber der zentrale prophetische Gedanke ist eben der einer messianischen Verwirklichung nicht kraft des Wunders, sondern kraft der Menschennatur, durch das Gehen des Weges, durch Verdienst, nicht durch Geschenk. Und der Garant für diese Möglichkeit ist eben das Einst der biblischen Geschichte, das reale Leben der Väter und Führer. Diese Realitätsgeltung des Erzählten, also kurz, der Geschichtscharakter der Bibel, die Überzeugung, es hier mit Menschen des leibhaftigen Lebens vergangener Epochen zu tun zu haben, nicht mit Schemen einer religiös-plastischen Phantasie, ist demnach — schon rein systematisch betrachtet — die unumgängliche Voraussetzung der jüdisch-messianischen Wirklichkeitsbetrachtung. Wie steht es nun mit der Wirklichkeitsgeltung der biblischen Berichte? Wir leben heute in einer Epoche, die nach all den Rationalismen und überheblichen Belächlungen des alten Glaubens als eines Kinderglaubens endlich einmal daran geht, ein neues Verhältnis zur Bibel aufzubauen. Die Dinge, die hier vorgehen, sind noch nicht Allgemeingut der gebildeten Welt. Die Rückwendung zur Bibel, das Ernstnehmen ihres Inhalts als eines durchaus historischen, diese ganze Hältung, die sich um den Begriff des „historischen Mythos" bewegt, hat heute noch den Charakter einer esoterischen Wissenschaft, die ihren Weg ins allgemeine Zeitbewußtsein noch nicht antreten konnte. Und zwar wohl deshalb, weil sie noch zu sehr um die Herausarbeitting ihrer theoretischen Grundlagen und Geltungsmöglichkeiten bemüht ist, weil hier eben alles noch Tendenz, Blickrichtung, werdende Wissenschaft ist. Wenn ich diese neue Haltung zur Tradition der Urvergangenheit und Frühgeschichte gleichwohl in das Zentrum der - Beachtung' rücken möchte, so geschieht es nicht deshalb, weil ich die bisherigen Ergebnisse dieser neuen Forschungsweise als feste, akzeptable Größen ansehe. Erst recht nicht deshalb, weil ich damit irgendwie die Wirklichkeitsgeltung der Bibel ..beweisen" möchte. Es stünde schlecht um theologische Wahrheiten, wenn sie durch außertheologische Beweisstücke erst erwiesen werden müßten. Uns ist Abraham eine Wirklichkeit, auch ohne daß eine Theorie des historischen Mythos es uns glaubhaft macht. Aber trotzdem halte ich es für notwendig, an dieser neuen Haltung teilzunehmen und teilnehmen zu lassen. Denn sie schafft uns die Möglichkeit, nicht nur als Träger einer faktischen Überlieferung, sondern auch als Glieder des gegenwärtigen Zeitbewußtseins, dem wir nun einmal verhaftet sind, eine durchaus posi; tive Einstellung zu diesen von der Skepsis so benagten Dingen zu gewinnen. Historisch geht.diese neue Betrachtungsweise zurück bis in die Romantik, und zwar die Spätromantik vor allem Schellings und Görres'. Es ist bezeichnend, daß die Impulse für die Wiederbewertung der Tradition nicht von jüdischen, sondern von nichtjüdischen Wissenschaftlern ausgegangen sind. Fortgesetzt wurde die Linie Schelling-Görres von dem Basler Mythenforscher Bachofen. Er ist der eigentliche legitime Vater der Tendenzen und Arbeitsmethoden, die in der Gegenwart mächtig wirksam geworden sind und in verschiedenen Verzweigungen die geistige Situation beherrschen. Ich nenne hierfür die Namen Klages, Dacque, Cassirer, Goldberg und Uniger. Es ist nicht von mir beabsichtigt, diese höchst interessanten Theoriengruppen hier zur Darstellung zu bringen. Ich will bloß eines versuchen: das Gemeinsame, das Typische der neuen Haltung und damit das für uns Wertvolle und Fruchtbare vor Augen zu führen. Der Mythos darf nicht verwechselt werden mit der Legende, der Kunsterzählung. Der Mythos, so betont diese neue Theorie, ist nicht identisch mit einem Produkt der Phantasie. Alles Phantasiegeborene ist Unwirklichkeit, jeder echte Mythos hingegen Niederschlag eines wirklichen Geschehens. Die Mythen der Völker sind keine Phantasmagorien, sondern historische Berichte in der Sprache eines in Bildern und Symbolen denkenden Bewußtseins, einer nicht bloß registrierenden, rezeptiven, sondern einer schöpferischen Erinnerung: Unzeit, Sintflut, Babelturm, Erzväterschicksale, Volkswerdung, Landeinnahme, all das — um das Biblische heranzuziehen — sind nicht erbauliche Erzählungen für naive Gemüter, sondern urzeitliche Geschehnisse, die in einer ungeheuren Dynamik erlebt wurden. Wer Urberichte verstehen will, muß mehr können als die leichte Handfertigkeit eines bequemen Zurechtstutzens und Radierens an Texten. Er muß die ganze Erlebnisgeladenheit und Wirklichkeitsfülle spüren, er muß den unmittelbaren Kontakt in sich nacherleben können, der das Geschehnis und seinen Erlebnisträger ineinander schaltete und so ins Gedächtnis eintrat. Denn es war eine andere Art des Erlebens, eine ungleich intensivere Einheit mit Gott und dem Kosmos, als der heutige Mensch sie besitzt. Görres spricht vom „kosmisch-dämonischen Geschlecht" der Urzeit, da der Mensch noch wie in einem unbewußten somnambulen Zustand über die Erde wandelte. Bachofen hat dafür den terminus des pelasgischen Zeitalters gewählt, jener vorhomerischen Menschheit der Pelasger, die der Schauplatz des mythischen Geschehens gewesen ist. Mit spöttischer Ironie vermerkt Dacque die von den alten rationalistischen Mythenforschern unternommenen Versuche, etwa den Bericht der Sintflut, allegorisch zu deuten. Was wurde nicht alles an geistvollen Hypothesen erdacht, um diese Sintfluterzählung in einem allegorischen Sinne zu verstehen. ..Da ist der Noah der. Mond, die drei Stockwerke der Arche sind die drei Phasen des zunehmenden Mondes, die Arche selbst ist die kahnförmige Mondsichel" usf. Ganz außer Acht gelassen aber wurde die Möglichkeit, es hier nicht mit einem Produkt autorisierender Phantasie, sondern mit nichts anderem als mit der Wirklichkeit selbst zu tun zu haben. Dieses Wirklichkeitsbewußtsein ist es eben,-das die neue Haltung auszeichnet. Soviel Unklarheiten auch noch in den theoretischen Begriffen stecken, mit denen'