Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 8 (15.4.1933)
- Date
- 1933-04-15
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 115 zeltes". Gott zieht voran und zeigt den Weg. Er ist der Lehrer, der die Weisung gibt. 4 Die Folge dieser Haltung ist: Religion und Wirklichkeit werden nicht so sehr als zwei einander gegenüberstehende Seinsbezirke erlebt, sondern als zwei miteinander in dynamischer Spännung existierende Potenzen. Der Mensch steht nicht zwischen zwei getrennten Wirklichkeiten, sondern zwischen zwei Mächten, die um ihn ringen, oder besser, zwischen zwei Gesetzlichkeiten, die ihren Anspruch anmelden. Gewiß, auch das Judentum kennt und lehrt mit Nachdruck den Kontrast: olam hazeh und olam habo: r.in Q^y und xnn D*?iy. Wir sind weit von jenen entfernt, die den letzteren Begriff ins kantische Postulat, in die ethische Würdigkeit und dergleichen umdeuten und entwirklichen wollen. Aber es ist bezeichnend, daß die prophetische Rede olam hazeh mn D^iy im Messianisohen, d. h. letztlich im Irdisch-Weltlichen, sich vollenden läßt. Die messianische Zeit, die Zeit der irdischen Vollkommenheit, ist zugleich die Zeit des ewigen Lebens. Der Tod wird schwinden, Gott wird man erkennen. Die Parallel-Linie zu olam hazeh —- olam habo, biegt in olam hazeh hinab. Diese Welt wird der Schauplatz des Messianismus und damit auch von olam habo werden. Die apokalyptische Vorstellung vom Jenseitsschicksal wird in die unmittelbarste Beziehung gesetzt zu dem Geschehen in der irdischen Endzeit des Mosohiach, da Gott wiederum der Lehrer und Meister der Menschheit sein wird. Es wird also deutlich, der Akzent der Realität bleibt im Diesseitigen. Die Begriffe olam habo und jemot hamoschiach schlingen sich ineinander, wobei das Schwergewicht sich auf das Diesseitsreich des Moschiach verschiebt. Es ist der prophetische Begriff der Realität, dem es um nichts anderes als um diese unsere Wirklichkeit geht, in der sich einst Gott endgültig realisieren wird. Damit aber wird das Pathos der Realität zum" Pathos des Wegs, und das Wort, das in das Zentrum tritt, ist der Begriff der „Verwirklichung". Die Wirklichkeit wird nicht entwertet oder überwertet, sie wird bewertet und gestaltet. Das Transzendente soll im Immanenten verwirklicht werden. Das Immanente soll nicht verjenseitigt, sondern das Jenseitige soll verwirklicht werden. Man hat in neuerer Zeit in vielen Variationen auf diese typische Struktur des jüdischen Wirklichkeitsbegriffs hingewiesen. Sie gibt all den neuzeitlichen Versuchen das Gepräge, die in religionsphilosophischer Arbeit das Wesen des Judentums zu zeichnen unternehmen. Hermann Cohens Begriff des Messianismus als des ethischen Zielideals ist vor allem hier zu nennen. Zwar wird hier gerade das Wesentliche, eben das Wirklichkeitsmoment, in neukantischer Weise umgedeutet. Der Messianismus erhält das Signum der Idealität dadurch, daß er zwar zum telos, zum Ziel, aber zugleich und gerade darum zum wesentlich nicht Verwirklichbaren gestempelt wird. Aber das fällt bei Cohen nicht in die Wagschale. Für Cohen gibt es nämlich überhaupt das „Wirkliche" nicht. Er stellt den Gipfelpunkt jener philosophischen Richtung dar, die den Betriff der Wirklichkeit ganz und gar zugunsten des logisch Denkbaren und der logischen Aufgabe eliminieren, einer Richtung, die durch die heute mächtig gewordene Strömung der Ontologie auf das schärfste befehdet wird. Es waren ferner Martin Buber u. ä., die den Begriff der messianischen Endwirklichkeit als das Wesentliche der jüdischen Begriffswelt darzutun versuchten. Diese Versuche sehen das eine richtig: die Idee der messianischen „Verwirklichung" bestimmt den Charakter der jüdischen Haltung zur Wirklichkeit. Aber hier wird überall ein zweites, oder besser: Primäres übersehen: Das Drama der messianischen „Verwirklichung" hat eine Vorgeschichte. Personal gesprochen: der Messias ist nicht denkbar ohne David, David nicht denkbar ohne Mosche und dieser nicht ohne Abraham, dieser selbst wieder nicht ohne Adam. Das will sagen: die zu verwirklichende Wirklichkeit erweist darin ihren nicht-utopischen Charakter, ihre volle Realitätsgeladenheit, ihre Potentialität in dieser Welt, das als Gegenpol zur Endzeit eine Frühzeit anerkannt ■ werden muß, die selbst bereits „Verwirklichung" darstellt. Das jüdische Geschichtsbild als Konkret-Gestalt des Wirklichkeitsbildes überhaupt, ist beherrscht vom Gedanken der Polarität der Zeit. Nicht Schwingen ins Utopisch-Überwirkliche, sondern Pendelschlag vom Einst zum Dereinst. Die Zukunft gründet in Vergangenheit, die zu verwirklichende Zukunft in der verwirklichten Vergangenheit. Zukunft ist Neuverwirklichung auf breiterer Basis, in gewaltigeren Dimensionen, aber im Grunde nur Erneuerung. Am Anfang steht das Paradies, am Ende das erneuerte Paradies. Die jüdische Volks- und Gottesstaatserneuerung ist das Miniaturgemälde dieser makrokosmischen Geschichtsstruktur. Um aufsteigen zu können, muß Israel zur Tiefe sinken. Das Pendel der jüdischen Geschichte schwingt im gleichen Spannungsverhältnis wie das der Universalgeschichte. Was bedeutet das, in seiner ganzen Realitätsbedeutung gewertet? Es bedeutet den unabweisbaren Realitätsanspruch, den der Bericht der Heilsgeschichte, den die biblische Erzählung vom Einst an uns stellt. Jüdisch gesehen, wäre es einfach absurd, an die messianische Zukunft zu glauben, aber die Patriarchen- und Führergeschichte als imwirklich abzutun. M. a. W.: es besteht ein unzerreißbarer Zusammenhang zwischen dem Wissen um die Vergangenheit und dem Glaubendürfen an die Zukunft. Dieser Zusammenhang wird gestiftet durch das Problem der Verwirklichbarkeit. Der Garant für die messianische Verwirklichung ist die Wirklichkeit des heilsgeschichtlichen Ausgangspunktes. In schärfstem Gegensatz zu der protestantischen Strömung der Gegenwart, die den heilsgeschichtlichen Realitätsfaktor als un- und übergeschichtlich betont, für die es also einen in Wahrheit gottnahen Menschen nie gegeben hat und geben kann, lehrt die biblische Berichterstattung die Wirklichkeit solcher Menschen als geschichtlicher Fakta und damit die Möglichkeit des Messianismus als einer geschichtlichen Potentialität. Es ist ungeheuer wichtig, sich gegenüber jener protestantischen Haltung, die schon mehrfach ins Judentum hinübergeriffen hat, diesen Zusammenhang klar zu machen. Er besagt, auf eine Formel gebracht: Religiöse