Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 8 (15.4.1933)
- Date
- 1933-04-15
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 ten sich Offenbarung und Vernunft zueinander? Die Gegenpole sind nicht Offenbarung und Wirklichkeit, sondern Offenbarung und Vernunft. Die Wirklichkeit wurde nicht als Gegeninstanz gegen die Ansprüche der Religion erlebt. Wie die Wissenschaften und ihre Königin, die Philosophie, sich nur als ancilla theologiae, als Magd der Theologie, fühlten, so galt die Wirklichkeit überhaupt nur als eine niedere Gattung von Existenz, die auf ihre Erhöhung im Glauben wartet. Das einzige Seiende, das in einem gewissen Gegensatz zur Religion gefunden wurde, war die Ratio, die Vernunft. Aber der Gegensatz war kein existential erlebter, keiner, der revolutionär sprengend von einem kontradiktorisch widerspruchsbewußten Geist getragen gewesen wäre, sondern ein von der wissenschaftlichen Methodik her gesehener. Daher konnte es verhältnismäßig leicht zu den beruhigten Ausgleichsverfahren kommen, die uns aus der Geschichte der mittelalterlichen Philosophie bekannt sind. Grundlegend geändert hat sich die Situation erst in der Neuzeit. Am schärfsten mit dem erwachenden Bewußtsein von der autonomen Gesetzlichkeit der Natur, dann besonders intensiv mit dem Erstarken der technischen Wissenschaften. Ich will hier nicht die philosophischen Auswirkungen, die sich seitdem am Begriff der Wirklichkeit vollzogen haben, in Betracht ziehen, sondern rein vom Lebensgefühl der Neuzeit her sprechen. Der farbensatte Ton der Wirklichkeit, der mit der Renaissance ins Bewußtsein trat, das mächtige Ausholen des individualistischen Geistes, der ganz und gar anthroprozentrische Zug, der die Welt wie in einen Taumel stürzte, das Gefühl, in neue aufsteigende Phasen der menschlichen Weltbeherrschung aufzubrechen, all das erzeugte jene Haltung, in der wir noch heute drinstehen: Wirklichkeit als eine selbständige Kategorie. Wirklichkeit nicht bloß ein Gewand des Gottes, auch nicht die Vorhalle zu Gott, sondern eben — die Wirklichkeit! Das Pathos der Wirklichkeit erklingt! Der alte Rhapsode oder Barde schlug ein höheres Pathos an, wenn er vom olympischen Leben der Götter oder von der himmlischen Burg sprach, der thomistische Mönch geriet in Verzückung, wenn er vom Reich der Gnade dozierte, jetzt aber tritt eine Verlagerung des Pathos auf die sogenannte „Wirklichkeit" ein. Der Mensch konzipiert den Sinn von Wirklichkeit in einer grundsätzlich neuen Art. Es setzt die Phase der Wissenschaft vom Wirklichen ein, deren Sinn im berühmten Drei- Stadien^Gesetz des Positivisten Auguste Comte ihren charakteristischen Ausdruck gefunden hat. Die Religion mußte dagegen verblassen. Sie wird, da es offenbar nur eine Wirklichkeit im prägnanten Sinne geben kann, in die Blutlosigkeit der Idee verflüchtigt. Das Leben gewinnt den vollen Klang und Akzent der Wirklichkeit, die Religion wird entwirklicht. Religion wird zur Illusion, bestenfalls zur Trösterin, zur Poesie, zum Opium fürs Volk, bei den Idealisten zur Idee, zur Ethik, kurz, sie wird aus dem Zentrum der Wirklichkeit an ihre Ränder verwiesen, dort, wo die Konturen in ungewissen Fernen verschwimmen, wo höchstens die Ahnung zulässig ist, aber der volle Ton des Wissens verstummen muß zum formlosen Geflüster. Die ungeheuerlichste Revolution setzt sich durch: das Überwirkliche wird unterwirklich. Religion wird, wenn auch nicht verbannt, so degradiert. Die Herrscherin wird zur Gesandtin einer, fremden, fernen Welt, die keinerlei Hoheitsrechte auf dem Territorium dieser Wirklichkeit besitzt. Man unterhält zu ihr Beziehungen, aber man kann ihr kündigen und fürchtet keine realen Folgen. Denn die Realität, die hält man ja selbst in Händen. Betrachten wir, welche Haltung das Judentum, von dem wir bisher geschwiegen haben, zu diesem Fragenkomplex einnimmt. Die jüdische Einstellung zum Thema Religion-Wirklichkeit wird am klarsten, wenn wir das Phänomen der jüdische Prophetie auf seine menschliche Haltung hin interpretieren. Zwei Dinge sind hierfür charakteristisch: Zunächst das eine: Der spezifische Begriff der „Wirklichkeit" als einer in sich gegründeten Existenz, der sowohl dem heidnischen Altertum, wie dem christlichen Mittelalter fremd ist und erst von der Renaissance her erlebt wird, war den Propheten bereits völlig klar. Es war ihnen allerdings in einer ganz anderen Akzentuierung — aufgegangen, daß es so etwas wie eine eherne in sich umzirkte Wirklichkeit im Guten wie Bösen gibt, die den Kosmos ausfüllt, die ihren eigenen Wellenschlag hat, die nicht bloß Strom ist, der nach einem Ozean tendiert, sondern in sich selbst kreist und schäumt, selbst ein Ozean ist, der von anderen Meeren nichts weiß, von dem kein Kanal in den „Stillen Ozean" der Ewigkeit führen muß. Sie erkannten und durchschauten diese Wirklichkeit, sie fühlten die ganze Tragik dieses unruhevollen In-sich-selbst-Zurückschlagens aller Wellen. Sie sahen die Wirklichkeit in ihrer — wenn man so will — autonomen, soziologisch-biologischen Realität. Sie erkannten die ganze Gottlosigkeit dieser in sich gründenden Welt. Aber sie wußten zugleich, und das ist ihr zweites Merkmal: diese in sich ruhende, wirklichkeitstosende Welt, die so ganz Hingesunkenheit in sich selbst ist, sie selbst muß zu einer höheren Wirklichkeit umgestaltet werden. Sie kündeten nicht das Pathos der Wirklichkeit, sie.riefen nicht aus: seht, so ist die Wirklichkeit, so und nicht anders!, sondern sie riefen: geht hin und schafft sie um, diese unsere Wirklichkeit! Sie wollten nicht den bloßen Fortschritt, sondern die Umprägung. Sie sahen die höhere Wirklichkeit nicht in einem Reich, das nicht' von dieser Welt ist, sondern das gerade von dieser Welt sein soll. Sie predigten nicht die Gnade als Geschenk, sondern als Verdienst. Gottes Herrschaftssphäre erblickten sie nicht als ein ruhendes Drüber, sondern sie wollten sie als ein lebendiges' Mittendrinnen in der Realität. Der mythische Mensch sah eine zufriedenheitere Welt von Göttern in der einen umspannenden Wirklichkeit. Die künstlerische Plastik ist der Ausdruck dieses Lebensgefühls: Das Mittelalter breitet, gleichfalls statisch-ruhend, eine römische GötteskuDpel über das All. Die Welt ist ihm überdacht vom Reich der überwirkliohen Gnade. Dem Judentum ist, wie die Plastik, auch dieser Baustil der ruhenden Kuppel fremd. Gott will nicht darüber thronen, sondern mitten in der Realität weilen. Gottes Herrlichkeit erscheint mitten im Lager der Wüste „am Eingang des Stifts-