Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 7 (1.4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 105 den Hauptfunktionen auch seine Leistungen als Schofarbläser, Mohel und Verwalter der Armenkasse gebührend hervorhob, sowie der 1.Vorstand Herr Justizrat Dr. Strauß. Musikalisch umrahmt waren die beiden Nachrufe durch ein Quartett Enosch' von Lewandowsky, vorgetragen von den Solisten des freiwilligen Synagogen-Chores, und durch ein Kantor-Solo „El mole rachanim" mit einem eingelegten Satz aus der melodiösen selbstkomponierten großen „Keduschoh" des Verstorbenen, künstlerisch vollendet gesungen von dem Ortskollegen) Oberkantor Heimann. Nach der Beerdigung gab im Trauerhause der langjährige Amtsgenosse Dr. Ernst Fränkl in .einem „Lernen" der großen Trauer des engeren Freundeskreises Ausdruck und versprach, zugleich im Auftrage und namens der Standesorganisationen, dem verdienten Kollegen Treue um Treue: *n Aus bayerischen Gemeinden Ruhestandsversetzung und Neueinführung Fürth i. B. Am 1. März dieses Jahres trat der um die Entwicklung der Gemeinde Fürth hochverdiente Sekretär. Herr Max Wolff, im Alter von 73 Jahren in den Ruhestand. In einer gemeinsamen Sitzung des Vorstandes und des Verwaltungsausschusses ehrte der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Schwab, den nach 38 Jahren eines von allen Seiten anerkannten Wirkens scheidenden Beamten'. In der Sitzung der Gemeindenkollegien wurde Herr Dr. S. Levy als Syndikus der Gemeinde Fürth i. B. eingeführt und ihm die Amtsgeschäfte übergeben. Vortrag von Frau Dr." Grünfeld-Rosenbaum in Nürnberg Über die Kulturaufgabe der jüdischen Schule referierte in einem öffentlichen Vortrage, den die Esrath-Noschim in Nürnberg veranstaltete, Frau Dr. Judith Grünfeld-Rosenba um, Würzt'bürg, die seinerzeit im Osten die Beth Jakob-Schulen und ihr Lehrerinnensemnar begründet hat. Ausgehend von den jüdischen Schulen in Westeuropa; hauptsächlich in Deutschland von Frankfurt a. M. aus, zeichnete die Rednerin ein Bild der seelischen Einstellung dieser jüdischen Jugend während und nach der Schule. Im Mittelpunkt dieses Unterrichts und dieser Erziehung standen die europäischen und deutschen Kulturgüter und -werte und sie erfüllten die Seele so stark, daß die jüdischen Werte immer daneben standen, ohne innere Verbindung; es fehlte die harmonische Abrundung und Verbindung. Kein Wunder, daß dann auch der Schule die Bildungsbestrebungen hauptsächlich in jener Richtung weiterwirkten: Humanismus, Renaissance, Gotik, Schiller und Goethe, Kant, Schopenhauer und Nietzsche, Beethoven, Richard Wagner usw. bildeten ihren Inhalt. Und diesem verkümmerten Dasein des jüdischen Bildungs- und Erziehungsgedankens in der Seele des jüdischen jungen Menschen entsprach auch das jüdische praktische Leben, das zerrissen und unharmonisch in die Erscheinung trat. Es war die Zeit, da man mit jüdisch-gesetzestreuem Leben glaubte alles Außenstehende verbinden zu können. Der innere Riß in der jüdischen Seele wurde da nicht erkannt. Es fehlte die Fragestellung: Ist das noch Jüdischkeit? An drastischen Beispielen erläuterte die Rednerin diese Feststellungen. Evident ergab sich, daß das Prinzip: Torah im derach erez, wie es einst S. R. Hirsch formuliert hatte und wie es für seine Zeit eine neue jüdische Welt schuf, nicht mehr ausreichte. Das Nebeneinander drängte die Torah immer mehr beiseite, das innerliche Europäertum ließ dafür keinen Raum. Anders der Osten! Dort herrschte innerlich und äußerlich die Jüdischkeit, das Jüdischsein und der Assimilationsprozeß erfaßte nur eine dünne Oberschicht. Die Masse blieb unberührt und stark blieb ihre jüdische Seele, ihr Denken und Fühlen und das Erfassen der Welt geschah von ihrem Judesein aus. Freilich brachten es die eigenartigen Verhältnisse des Ostens mit, daß man die jüdische Geistesbildung der Tochter vernachlässigte und daraus entstanden oft furchtbare Tragödien und jene schreckliehen Erscheinungen des Bruches zwischen den Generationen. Wie selten kam es vor, daß die „gebildete" Tochter ihre Eltern würdigte und schätzte und Verständnis für ihre Art empfand. Da trat die Beth-Jakob-Schulbewegung' auf den Plan — die Rednerin hatte stärksten Anteil daran, verschwieg diese Tatsache in ihrer Bescheidenheit — und schuf zunächst Mädchenschulen mit einem Unterrichts-und Erziehungsgedanken modernster Art, aber mit dem Fundamente der jüdischen Welt in Schrift und Leben. T'nach, Mischnah, Raschi, Midrasch — das sind die Elemente und sie erfüllen die Hauptzeit des Unterrichts. Aus ihnen werden alle Ideen von Welt und Menschheit, von Gott und Israel, alle Kulturprobleme, wie sie Politik und Geschichte und soziales Leben erfüllen, entwickelt und die gewaltigen Schätze und der ungeheure Reichtum der jüdischen Geisteswelt aufgezeigt. Und in ergreifender Weise zeigte die Rednerin an praktischen Erziehungserfolgen, wie solches Ausschöpfen der jüdischen Gedankenwelt auf Schülerinnen wirkte, die ursprünglich nur dem Zwange der Eltern folgend in die Schule eingetreten waren und die mit innerem Trotze sich ablehnend verhielten und dann unter tiefster seelischer Erschütterung den Weg zum Jüdischen fanden und zu besten Lehrerinnen heranwuchsen. Vertieft und ausgeweitet wird dieser Unterricht durch das Verbinden mit weltlicher Kultur, die dann nicht über der jüdischen Welt steht, sondern der jüdische Mensch entdeckt dort jüdische Ideen, die schon vorher im jüdischen Schrifttum entwickelt worden waren. Frau Dr. J. Grünfeld-Rosenbaum führte Unterrichtsbeispiele dafür an: die Gedankenwelt des „Eleusischen Festes" und die Gedankenwelt bei Jesaia und Micha. Hier liegen die primären Gedanken des Friedens und der Völkerversöhnung. Mit diesen Mädchenschulen sind Internate verbunden, die ganz in diesem Sinne geführt werden. Hier erleben die Mädchen harmonisch das jüdische Leben des Alltags und die Heiligkeit des Sabbats, der wirklich der Sabbat der „Neschomoh jetheroh" wird, der nicht getrübt ist von den Gedanken des Alltags und der der Seele neue Kraft gibt für das Leben und den Kampf des Alltags. Hier wird auch das Sehnen der jüdischen Seele nach der Heimat, nach ihrem Ursprung befriedigt, sie finden heim. In der ergriffendsten Haltung und tief innerlich gepackt lauschte die zahlreiche Zuhörerschaft der geistreichen Rednerin, deren gewandte und reiche Sprache und deren tiefes Wissen und Verbundensein mit echt jüdischer Kultur und europäischem Geiste eine so innige Harmonie bilden, daß sie die berufenste Gestalterin sein konnte für eine Lehrerinnenbildungsanstalt im Osten. , In ihr vereinigen sich Erbmassen großer jüdischer Ahnenreihen des Ostens und Westens — möge der Westen ihr ein Tätigkeitsgebiet aufzeigen und möge sie gerade in Würzburg schöpferisch gestalten in Fortsetzung der Arbeit, die ihr großer Ahne einstmals hier gerade auf dem Gebiete des Unterrichts¬ und Erziehungswesens begonnen hat. Dr. J. Bamberger. Vereine Clara Oppenheimer Clara Oppenheimer, Ehrenvorsitzende der Ortsgruppe München des jüdischen Frauenbundes und Vorstandsmitglied des bayerischen Landesverbandes des jüdischen Frauenbundes, ist am 28. Februar 1933 gestorben. Diese gläubige Seele, die nicht „Gott in ferne Himmel einsargte", sondern ihn erlebte und ihn in sich zu verwirklichen trachtete, freute sich darauf heimzugehen, sie ersehnte und wartete auf die Wiedervereinigung mit dem über alles geliebten Gatten, dem genialen Kinderarzt Karl Oppenheimer. Und dennoch trauern wir nicht nur aus selbstischen Gründen um Clara Oppenheimer. Wenn wir auch wissen, daß, seitdem ihr Lebensgefährte von ihr gerissen wurde, ein ganzes Glück für sie auf Erden nicht mehr war, so brachte ihr dennoch Jeder Tag noch reine Freuden. Sie liebte die Natur, ihr waren „alle Wälder iteiFge Haine", sie liebte die Tiere, sie liebte die Menschen; vor allem die Kinder, die Kranken, die Armen, die Entgleisien. Sie liebte das lachende Leben, sie, die so gut und froh noch bis zuletzt lachen und lachen, machen konnte. Eine Frohnatur, dankbar und leicht, zu beglücken, von höchster Reinheit und Selbstlosigkeit, und allen, die ihrer bedurften, war sie ohne Ansehen der Person, ohne Ansehen der Konfession Freundin, Schwester, Mutter.