Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-04-01 · 7 (1.4.1933) · p. Seite 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
7 (1.4.1933)
Date
1933-04-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2727975-2727982--08949-2742200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

104 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung portugiesischen Juden. Es ist möglich, daß Spinozza auf diesem Wege mit den Kollegäanten, einer protestantisch-christlichen Sekte, in Verbindung kam. Aber die Tatsache selbst, daß er in diesen Jahren bereits mit den Kollegianten Umgang hatte, steht wohl fest. Daß für die portugiesischen Juden, die in Handelsbeziehungen mit Spanien und Portugal standen, dieser Umgang einer der Ihrigen eine Sache von höchster Gefahr bedeutete, wird jeder begreifen, der weiß, daß der Übergang zu einer nichfkathölischen Christensekte nicht weniger, wenn nicht mehr als die Rückkehr' zum Judentum durch die Inquisition verfolgt wurde. Gegen dergleichen Gefahren zu wachen, war die Sache der Vorsteher, und da sie offenbar Spinoza, von diesem Umgänge nicht zurückhalten konnten, haben, sie, die Regenten der Gemeinde, als Beschirmer gegen Gefahr und Hüter der Handelsinteressen, ihn am 26. Juli 1656 in den Bann getan, das will besagen: die Form des ökonomischen Boykotts, die allein ihnen zum Schutze der ihnen anvertrauten Gemeinde zur Verfügung stand, gegen ihn angewandt. Dies ist die ausschließliche Bedeutung dieses Bannes, der nicht als „Öffentliche Verfluchung" wegen ketzerischer Ideen bekanntgegeben wurde, sondern Spinoza wegen seiner für die jüdische Gemeinde in Amsterdam gefährlichen Neigungen zu nicht-katholischen Christen das Handelstreiben im eigenen Kreise mit einem der portugiesischen Juden oder sogar mit Marranen unmöglich machen sollte. Aus einer ganzen Anzahl von Erwägungen ergibt sich, daß dies die einzige Bedeutung des Bannes war. Daß der noch nicht 24jährige Handelsmann Spinoza bereits vor dem Juli 1656 etwas von seinen späteren Werken, das den Bann verursacht haben sollte, niedergeschrieben oder entworfen hätte, ist ausgeschlossen, da sein erstes Werk fünf Jahre später entstand, ebenso daß die Vorsteher sich mit den Ungläubigen in der Gemeinde beschäftigt hätten, wenn sie nicht eine konkrete Gefahr verursachten. Selbst aus der berühmten Predigt des Londoner Oberrabbiners David Nieto, noch kein halbes Jahrhundert nach dem Banne, und ihrer zustimmenden Beurteilung durch den späteren Amsterdamer Oberrabbiner Zewi Aschkenasi ergibt sich, daß die durch Spinoza verkündigte philosophische Auffassung,, daß Gott die immanente und nicht die transzendente Ursache aller Dinge ist, keineswegs als Ketzerei betrachtet oder mit dem Bann in Verbindung gebracht wurde. Aber, wir haben auch positive Beweise. Durch diesen Bann wurde Spinoza das Hanideltreiben so unmöglich gemacht, daß er nicht lange hernach Amsterdam aus Armut verlassen mußte und damals begann er sein philosophisches Forschen. Dies ist der deutliche Hintergrund für den Beginn seiner ältesten philosophischen Schrift, deren Erscheinen vielleicht noch vor 1661 datiert werden darf. Und hierin liegt auch der Ursprung seines Hasses gegen Judentum und Juden. Man wird nun begreifen, daß das Angebot eines Jahresgeldes durch die Vorsteher, um Spinoza der Synagoge zu erhalten, ebenso legendären Charakter trägt wie das angebotene Jahrgeld durch De Witt, welches Dr. Japikse bereits 1927 in das Reich der Fabel verwiesen hat. Der theologische-politische Traktat ist eine Streitschrift nicht gegen die Rabbinen oder das Judentum, sondern wurde 1665 gegen' die christlichen Prädikanten (geschrieben, die sich gegen die von Spinoza für Recht anerkannte Staatsmacht stellten und will ihren Mißbrauch des Alten Testamentes widerlegen. Nach dem Barine waren die Juden für Spinoza in ebenso großem Denk- und Gefühlsabstand wie die Chinesen, niemals rechnete er sich selbst, in welcher Form auch immer, zu den Juden. Man hat oft stark den Eindruck, daß Spinoza nach seinem Bewußtsein Christ war.'Nicht etwa, daß er sich hätte taufen lassen, denn für ihn hatte eine symbolische Tat keinen religiösen Inhalt. . Alber subjektiv in seinem Denken war er Christ, und ebenso für den Kreis der Kollegianten und seiner Freunde. Darum ist es. keineswegs verwunderlich, daß man ihn am 25. Februar 1677 ohne weiteres in der heuen Kirche im Haag begraben hat. Der. Verfasser schließt diese Ausführungen, von denen wir nur das Wichtigste in unserer Verdeutschung widergeben konnten, mit der Bemerkung: ob es nicht geschmacklos gewesen sei, daß die Besucher der Septima Spinozana am 8. September 1932 .dem verlorenen Sohne .am Grabe der Eltern Spinozas auf dem portugiesischen Begräbnisplatz" in Ouderkerk gehuldigt haben. Es sei peinlich, man sollte eigentlich an ider Wahrheit des Berichtes zweifeln müssen, daß die jüdische Gemeinde in Berlin dem ehrenvollen Andenken des „Juden Spinoza" eine Ausstellung gewidmet habe, wobei Vorsteher der portugiesischen Gemeinide in Amsterdam (quantum mutati ab Ulis!) Einsendungen gemacht hätten. Aus dem Verbände Der Rat des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden hat in seiner Sitzung vom 26. März 1933 in Nürnberg beschlossen, die an der Spitze dieser Nummer abgedruckte Erklärung an den kommissarischen Ministerpräsidenten in Bayern. Herrn General von Epp, abzugeben. Die Tagung war im übrigen der allgemeinen Lage und der Beratung des Etats gewidmet. Aus der Gemeinde München Louis Seiinger Am 18. März 1933 verstarb nach längerem Leiden das Mitglied des Vorstandes unserer Gemeinde, Louis Seiinger. Vor 27 Jahren war er von Krumbach hierher gezogen und hatte sich sofort auf allen Gebieten des hiesigen gemeindlichen Lebens betätigt. Nach dem Ableben seines Freundes, des uns unvergessenen Albert Landauer, übernahm er im wesentlichen dessen Arbeitsgebiet. U. a. stand er der Verwaltung des Pensionats vor, war Verwaltungsrat der Friedhöfe und leitete,auch die Sammlungen der Gemeinde mit Eifer und Erfolg. Herr Rabbiner Dr. Baerwald rühmte in seiner Rade bei der Beerdigung die Lauterkeit des Verewigten, der sein Leben (er hatte 1932 noch die goldene Hochzeit gefeiert) ein vollständiges nennen konnte, die Schlichtheit und Lauterkeit seines Charakters. Der Vorstand der Gemeinide rief dem Verewigten den Dank für seine umfassende Tätigkeit für die Gemeinde nach. Der zweite Vorsitzende des Verbands der Wohltätigkeitsvereine sprach warme Worte des Dankes und der Erinnerung namens der Vereine, die von dem Verstorbenen betreut wurden; besonders für den Verein für Ferienkolonien, dem er seine Dienste schon in Krutnbach gewidmet hatte; ferner für den Verein zur Unterstützung mit Brennmaterialien, dessen. Seele er gewesen. In der Chewra, deren' Ehrenmitglied Seiinger war, hatte er bei der Durchführung aller Vereinszwecke vorbildliches geleistet. Der Vertreter der München-Loge stellte fest, daß der Verstorbene die einzigen Zwecke der Loge: Brüderlichkeit, Eintracht und Wohltätigkeit in hohem Maß erfüllt hätte; dauerndes Gedenken sei ihm deshalb gesichert. Fleischlose Pesachkost. In der Gemeindekanzlei, Herzog- Max-Straße 7/1, ist für Interessenten eine Speisenfolge für fleischlose Pesachkost mit Rezepten zu haben. Wärmestube in der Ritter'schen Speiseanstalt Wir sprechen hierdurch allen, die während dieses Winters bei der Wärmestube mitgearbeitet haben, unseren herzlichsten Dank aus. Nur durch die tatkräftige Mitwirkung der zahlreichen freiwilligen Hilfskräfte konnte die Wärmestube eine wirksame Hilfe in der Not dieses Winters werden. Wohlfahrts- und Jugendamt der Israelitischen Kultusgemeinde. Aus der Gemeinde Augsburg Samuel Steinfeld Am 13. März verschied im fast vollendeten 70. Lebensjahre der langjährige Oberkantor und Lehrer Samuel Steinfeld. Die Beerdigung dieses friedliebenden und beliebten Beamten vollzog sich in ehrenvollster Weise. Es sprachen ihm für. sein segensreiches Wirken in den 'Gemeinden Meckenheim, Gailingen, Sinsheim (Baden), Karlsruhe: (1890—1895) und Augsburg (1895—1929) Dank und Anerkennung aus Ehrw. Herr Bezirksrabbiner Dr. Jacob, der neben seiner Gewissenhaftigkeit in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.