Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 7 (1.4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7 .Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 103 sie aus. Koräh, Äbiram, Dathan und. viele - Hebräer, die im, Herzen ägyptisch waren, 'blieben bei den Ägyptern; aber viele Ägypter, die im Hetzen hebräisch' waren, folgten den Hebräern. . Es war am fünfzehnten-Tag des Monats-Nissan. Unsere Weisen sagen, wenn die Zeit sich erfüllt haben wird, nachdem die Kinder Israel durch alle ihre Gefangen- ■ schaftenhindurchgegangeh sind, dann wird am gleichen . Tage des gleichen Monats der Prophet der Wüste zurückkommen aus der Wüste, der Prophet Roms zurückkommen aus Rom, und der Messias, der die Welt befreit, wird sie einen in Frieden und wird sie führen, und jeder . von ihnen wird seine Schar führen zu der Gerechtigkeit von Zion und zum Frieden von Jerusalem. Eine neue Auffassung der Lebensgeschichte Spinozas Aus den Forschungen von Sigmund Seeligmann (Amsterdam) Mitgeteilt von E r n s t Jacob (Augsburg) „Es war alles ganz anders," das ist stets das Ergebnis jeder tiefer eindringenden Erforschung der Vergangenheit. Trotzdem ist es verwunderlich, daß zum Lebensgang Spinozas, dessen 300. Geburtstag wir im vergangenen Jahr feierten, noch wesentlich Neues gefunden werden kann, nachdem ganze Forschergeschlechter .ein ungeheures Material, über diesen Weltweisen zusammengebracht haben. Solche umwälzenden, neuen Feststellungen liegen vor in einem Aufsatz des Amsterdamer Gelehrten Sigmund Seeligmann „Spinoza Amstelodamensis" im Februarheft 1933 der Zeitschrift Amstelodamum. Der Verfasser stützt sich auf eigene Forschungen, und auf eine Veröffentlichung von archivarischen Dokumenten, die vor kurzem A. M. Vaz Dias und W. G. van der Tak unter dem Titel „Spinoza mercator et autodidactus" erscheinen ließen. Der Aufsatz, für dessen Aufstellungen dem Verfasser die Verantwortung überlassen bleibe, führt u. a. aus: Die ersten Marranen, die nach Amsterdam kamen, haben sich keineswegs dort angesiedelt, um. eine neue jüdische Gemeinschaft zu stiften, sondern als reiche Großhändler suchten sie Ausbreitungsmöglichkeiten für ihren Handel. Marranen, die aus Portugal geflüchtet waren, um zum Judentum zurückzukehren, ließen sich begreiflicherweise in Hafenstädten nieder, wo bereits jüdische Gemeinden bestanden, wie z. B. in Venedig, Saloniki, Konstantinopel, Smynna. Erst als der Handel mit. und über Portugal als einem feindlichen Lande verboten wurde, haben die in. den Niederlanden niedergelassenen Marranen es ratsam erachtet, sich zur jüdischen Nation, statt zur potugiesiscben zu rechnen. Es entstand in Amsterdam eine jüdische Gemeinde, und nun kamen auch um des Glaubens willen Flüchtende. Die Folge ihrer Rückkehr zum Judentum war, daß die Inquisition in Spanien und Portugal ihr Vermögen, soweit es noch in ihrem Bereich war, sich zuzueignen trachtete und auch ihre Handelsbeziehungen und Verwandten an Leben und Vermögen bedrohte. Die Inquisition unterhielt in Amsterdam einen vollständigen Spiionagendienst, wie wir aus vielen Archivstücken wissen. Eines der lehrreichsten Beispiele hierfür' ist ein merkwürdiger Vorfall mit einem gewissen Hector Mendez Bravo, Dieser war in Venedig Jude geworden, hatte dort und später in Amsterdam und Hamburg Handel getrieben und auch in der jüdischen; Gemeinde eine Rolle gespielt; dann war er aber wegen eines ihm zur Last gelegten Deliktes von Amsterdam . fortgegangen und Ende 1617 nach Lissabon, gekommen. Ein Spion der Inquisition in Amsterdam hatte ihn überredet, zum Katholizismus zurückzukehren- Dies wurde .ihm erst, zugestanden, nachdem er die portugiesischen- Juden' aller -drei Plätze mit ihren Decknamen für ihren HandeLin Spanien und Portugal und ihrem portugiesischen Handelsbeziehungen verraten hatte. Aus einer Untersuchung im Amsterdamer Archiv ergibt sich, daß Mendez im Juni-Juli 161'6 beschuldigt wurde, mit einer christlichen Frauensperson Umgang gehabt" zu haben, was er aber in einem peinlichen Verhör;nicht eingestand. Es ist begreiflich, daß die portugiesischen Juden sich wegen der Spionage der Inquisition dauernd in Gefahr fühlten. Die Folge war eine straffe Organisation der Gemeinde, wobei die . reichsten und. mächtigsten Kaufleute, nicht die Oberrabbiner, als Vorsteher, eine vollständige Regentenmacht; ausübten. Diese erstreckte sich auch auf. die. Handelsinteressen, natürlich aber auf die Politik. Noch während des ganzen 17. Jahrhunderts wurden allein diejenigen Vorsteher, die durch ihren Reichtum und ihren Einfluß eine Garantie boten, daß die Handelsbeziehungen der jüdischen Nation keine Gefahr liefen. Nicht die jüdisch-religiöse Richtung gab den Ausschlag. Wir kennen bereits vom Jahre 1618 einen Vorfall mit einem Vorsteher, der alle religiösen Gesetze mit Füßen trat und seine Auffassung in der Gemeinde durchführen wollte. Die religiöse Gesinnung dieser portugiesischen Juden war von höchst verschiedener Richtung; Unglauben war häufig, wie wir aus der wertvollen Charakteristik des Isaac Orobio de Castro vom Jahre 1666 wissen. 'Baruch Espinoza war der Sohn des Vorstehers Michael Espinoza (1587—1654). Als Sohn des reichen Vorstehers genoß Spinoza eine Erziehung, wie sie die reichen Söhne der Amsterdamer Kaufleute bekamen. Es ist ausgeschlossen, daß die Kinder dieser Judenregenten in der Ez-Chajim-Schule erzogen worden sind; diese war eine von den Reichen unterhaltene Armenschule. Kein Name der reichen Vorsteherfamilien kommt in den Schülerlisten vor. Nirgends herrscht unter den Juden ein solcher Standesunterschied wie in Amsterdam. Baruch wurde ganz in holländischem Geist großgezogen; das ergibt sich aus seinen holländischen Briefen. Auch sind, mit einer Ausnahme, alle durch Vaz Dias gefundenen Aktenstücke holländisch. Dieses vollständige Aufgehen in der holländischen Kultur hatte die Folge, daß Spinoza von den Niederlanden häufig als von „meinem Vaterlande" spricht. Damit stand er unter den damaligen Juden allein. Und das ist das am meisten Bezeichnende für Spinoza, daß er als das Kind einer jüdischen Mutter der erste war, der sich selbst entnationalisierte, vollkommen assimilierte und selbst emanzipierte. Nach den damals herrschenden Begriffen wurde in erster Linie Unterricht im Lateinischen gegeben. Wenn Spinoza in seiner holländischen Antwort an jemanden, der ihm auf holländisch geschrieben hatte, schreibt: „Ich wünschte wohl in der Sprache zu schreiben, womit ich erzogen bin," so meint er das Lateinische. Bereits seine frühesten philolophischen Schriften waren natürlich auf lateinisch geschrieben. Er achtete sehr auf seinen lateinischen Stil. Es ist lächerlich, wenn Jakob Klatzkin auf Grund einer Stelle in einem Briefe an ^Idenburg meint, daß seine eigene hebräische Ubersetzung der Ethik „dem Inhalt der spinozistischen Lehre adäquater ist, als andere Ubersetzungen undvauch als das lateinische Original, das nicht minder als Übersetzung (soll wohl heißen aus dem hebräischen!) zu bezeichnen ist!" Spinoza war auch keineswegs ein Schüler von Morteira oder von Menasse ben Israel. Immer hat man für Ketzer berühmte Lehrmeister gesucht. Das ist ein typischer Legendenzug. Spinozas Kenntnis des Hebräischen war in keiner Weise größer als die von christlichen Gelehrten seiner Zeit. Auch seine hebräischen Zitate und die längst darin nachgewiesenen verschiedenen Fehler zeigen keine selbständige Beherrschung der hebräischen Literatur und machen den Eindruck, aus zweiter Hand zu sein; Seine ganze Erziehung geschah in dem Geiste der Söhne der reichen Kaufleute, zu welchem Berufe er selbst bestimmt war. Nun finden wir ihn in einer der neu veröffentlichte Urkunden Jarich JeUes bereits im Jahre 1654 in Handelsbeziehungen mit