Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 6 (15.3.1933)
- Date
- 1933-03-15
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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88 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Aus der Gemeinde München Der freiwillige Arbeitsdienst für Mädchen in München Das eben erschienene Heft der ausgezeichneten Zeitschrift der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" bringt u. a. wichtige Beiträge zur Frage des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Von besonderem Interesse sind die Einzelberichte über die ersten Versuche in den einzelnen jüdischen Gemeinden: Aus diesen Berichten ist 'der folgende Beitrag über München entnommen: Am 19. Dezember 1932 hat am Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe ein freiwilliger Arbeitsdienst begonnen. Die Gruppe der Arbeitsdienstwilligen (15 Mädchen), die paritätisch zusammengesetzt ist, umfaßt nach Berufen: vier Handwerkerinnen, drei Hausangestellte, fünf Kontoristinnen, zwei Verkäuferinnen, eine Kindergärtnerin. Der vom Arbeitsamt gewährte Förderungssatz beträgt für die Person täglich RM. 1.50. Die Mädchen erhalten drei Mahlzeiten und 75 Pfg. Taschengeld pro Tag. Die Arbeitszeit dauert von 8 bis 15 Uhr. Die Zeit von 15 bis 18 Uhr wird dem Spiel und der Erholung gewidmet. Am Samstag finden vormittags Führungen in Museen oder Vorträge im Heim statt. Die Arbeit ist folgendermaßen eingeteilt: elf Mädchen arbeiten in der Nähstube, zwei Mädchen sind in der Küche oder Waschküche beschäftigt, zwei Mädchen arbeiten in dem dem Kinderheim neuerdings angeschlossenen Kindertagesheim. Die Führung der Gruppe liegt in den Händen einer Wirtschaftslehrerin. Die zusätzliche gemeinnützige Arbeit in der Nähstube besteht in Ausbesserungsarbeiten, Umänderungen und Neuanfertigungen von Kleidern und Wäschestücken, die uns aus der allgemeinen Nothilfesammlung übergeben worden sind. Die Arbeit in der Küche, Waschküche und. bei den Kindern ist ebenfalls eine zusätzliche. Die Schaffung des Tagesheims für Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren war fürsorgerisch dringend notwendig. Der bestehende Heimbetrieb konnte dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Mittel zur Einstellung neuer Kräfte fehlten und so ist es nur mit Hilfe des Arbeitsdienstes möglich, den Betrieb durchzuführen. In der Küche und Waschküche arbeiten die Mädchen unter der Führung der Wirtschaftsleiterin des Heims. Im Kindertagesheim werden die Mädchen pflegerisch und erzieherisch angeleitet. Sie helfen beim Baden und bii der Körperpflege der Kinder; sie arbeiten unter der Jugendleiterin im Kindergarten und, verrichten kleine Hausarbeiten. Die Gruppe und die von ihr geleistete Arbeit ist für das Kinderheim ein großer Gewinn. Von ganz besonderem Nutzen aber ist sie für die Kleiderverteilungsstellen, die dadurch in der Lage sind, die Hilfsbedürftigen mit wirklich brauchbaren Kleidungsstücken zu versorgen. Die Zeit der Erholung von 15 bis 17 Uhr wird mit Turnen, Basteln oder Spielen verbracht. Nach einer gemütlichen Vesperstunde verlassen die Mädchen um 18 Uhr das Heim. Der Geist in der Gruppe ist vorzüglich. Die Mädchen sind außerordentlich arbeitsfreudig und empfinden die systematische, regelmäßige Arbeit als große Wohltat. Elisabeth Kitzinger. Aus der Gemeinde Bamberg Den Freunden jüdischer Heimatkunde bereitet Rabbiner i. R. Dr.Eckstein-Bamberg eine besondere Freude mit seiner Schrift: „Bilder aus der Vergangenheit der israelitischen Gemeinde Bamberg." Das Werkchen ist die erweiterte Wiedergabe eines Vortrags, den der Verfasser vor Jahresfrist in Bamberg hielt. In anspruchsloser Form sind die Ergebnisse langjähriger, mühe- . voller Forschungen festgehalten, die dem Verfasser einen geachteten Platz auf dem Felde geschichtlicher Fachgelehrsamkeit gesichert haben. Das leicht lesbare, für einen breiten Leserkreis bestimmte Schriftchen enthält viel des Interessanten. Von wandelbarer Fürstengunst erzählt es, von Vertreibune und Wiederkehr, von Traurigem im äußeren Erleben und von stillem .Glück im umschlossenen Kreis von Familie und Gemeinde. Interessante Besonderheiten im liturgischen Jahreslauf werden auf ihre geschichtliche Wurzel zurückgeführt. Die stattliche Reihe von tüchtigen, zum Teil geschichtsbekannten Rabbinern zeugt von dem frommen Sinji und dem starken religiösen Pflichtbewußtsein, das die Gemeinschaften der im Erzstift Bamberg vereinigten Juden beherrschte. Namentlich den in unserem Bayernland zerstreuten ehemaligen. Bambergern dürfte das Werkchen manches zu sagen haben, und wenn hinzugefügt wird, daß der erzielte Erlös den Wohltätigkeitskassen der Gemeinde zugeführt werden soll, so sollte ein doppelter Anreiz für sie bestehen, das zum mäßigen Anschaffungspreis von RM. 2.— vom Verfasser beziehbare Büchlein sich zuzulegen. K. Aus bayerischen Gemeinden Aufsess in Oberfr. „Rasch tritt der Tod den Menschen an." Der freudigen Ankündigung in der vorigen Nummer dieses Blattes über das am 15. d. M. bevorstehende 100jährige Geburtstagsfest der Frau Babette Fleischmann von Aufsess in Oberfranken, zu welchem Anlaß ihr große Ehrungen zugedacht waren, muß eine schmerzliche Nachricht auf dem Fuß folgen: Am 6. März ist die allverehrte Greisin nach kurzem Unwohlsein sanft entschlafen und wurde am 8. d. M. unter großer Beteiligung zur letzten Ruhe gebettet. Die Trauerversammlung folgte gerührt den tiefempfundenen Ausführungen des Herrn Rabbiners Dr. Kattein von Bamberg, welcher ein Lebensbild der Verklärten entrollte, die während ihres langen Lebens sechs Generationen — in auf- und absteigender Linie — kennenlernte und liebevoll in ihr Herz schloß, die die wichtigsten Geschicke unseres Vaterlandes seit den letztvergangenen hundert Jahren (1848—1870—1914) miterlebte und treu im Gedächtnis bewahrte. Möge die teuere Entschlafene in Frieden ruhen und ihr Andenken zum Segen bleiben! 80. Geburtstag Am 17. März begeht Frau Esther Oppenheimer in Hörstein b. Aschaffenburg in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit ihren 80. Geburtstag. Die Jubilarin ist wegen ihrer aufrichtigen Frömmigkeit und ihrer Mildtätigkeit, die sie besonders armen jüdischen Leuten gegenüber ausübt, überall geachtet und geehrt. Möge ihr noch ein langer und glücklicher Lebensabend im Kreise ihrer ganzen Familie beschieden sein! Bücherschau Guttmann, Prof. Dr. Julius, Die Philosophie des Judentums. (Kafkasche Geschichte der Philosophie, Bd. 3.) 412 Seiten mit einem Bildnis des Maimonides. Verlag von Ernst Reinhardt in München. Preis broschiert RM. 7.50, in Leinen RM. 9.50. Die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters und der Neuzeit hat in der allgemeinen Geschichte der Philosophie die ihrer Bedeutung entsprechende Würdigung noch nicht gefunden. Das vorliegende Buch will ihr diese Würdigung verschaffen, indem es die Leistung der jüdischen Denker in den Zusammenhang der philosophischen Gesamtentwicklung hineinstellt. Die jüdische Religionsphilosophie ruht im Mittelalter auf den großen Systemen der griechischen Philosophie und ihrer Weiterbildung im islamischen Denken, in der Neuzeit vor allem auf der Arbeit der deutschen Philosophie. Aber indem sie mit Hilfe des übernommenen Gedankengutes den Gehalt jüdischer Religion zu verstehen und zu begründen sucht, kommt es zu tiefgründenden Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden geistigen Mächten, aus denen eine Fülle eigenartiger und bedeutender Gedankenbildungen erwächst. Diesen Prozeß mit seinen mannigfachen Erscheinungsformen zu verfolgen, ist die wesentliche Aufgäbe des Buches. Es gibt ein anschauliches Bild einer reichen und lebendigen Entwicklung, deren Ergebnisse Philosophie- und religionsgeschichtlich von hohem Interesse sind. Die Darstellung Guttmanns ist mustergültig: sie stellt die großen Linien klar heraus, gibt eingehende Analysen der wichtigsten philosophischen Systeme und ist dabei immer leichtverständlich und anregend. — Eine ausführliche sachverständige Würdigung des Grundwerkes von Prof. Julius Guttmann folgt in einer der nächsten Nummern. Gandhi. Der Heilige und der Staatsmann. In eigenen Aussprüchen. Ausgewählt und eingeleitet von B. P. L. Bedi und Freda M. Houlston. Mit einem Geleitwort von Prof. D. Dr. Rudolf Otto. 80 Seiten. Verlag von Ernst Reinhardt in München. Steif kart. RM. 1.80. Es fällt dem Europäer schwer, über Gandhi zu einem richtigen Urteil zu kommen, denn bei ihm versagen alle europä- Fortsetzung auf Seite 91