Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 6 (15.3.1933)
- Date
- 1933-03-15
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 87 An die Kuliusgemeinden des Landes Die Zeiten sind erregt. Wir hoffen, daß bald wieder eine Festigung der Verhältnisse in unserem Vaterlande eintritt. Die im Interesse der Gesamtheit und der einzelnen notwendigen Schritte sind durchgeführt. Die Mitglieder der Kultusgemeinde München und der Gemeinden des Landes dürfen überzeugt sein, daß alles geschieht, was nach Lage der Sache möglich ist, um die Angelegenheiten unserer Religionsgemeinschaft und deren Mitglieder zu wahren. München, den 15. März 1933 Dr. Neumeyer Chaim Nachman Biaiilc Von HansKohn Unsere kurze Bemerkung zu Bialiks 60. Geburtstag vor einigen Wochen ergänzen wir heute durch eine Skizze über die Bedeutung Bialiks von Dr. Hans Kohn, der in München als Redner und Mitarbeiter dieser Blätter in guter Erinnerung ist. Vor kurzem ist der größte hebräische Dichter der Gegenwart, Chaim Nachman Bialik, 60 Jahre alt geworden. Bialik, der in einem kleinen Orte Wolhyniens in äußerst ärmlichen Verhältnissen geboren -wurde, ragt mit seiner Jugend noch in die Zeit des geschlossenen jüdischen Ghettos Rußlands hinein. Erst im achtzehnten Lebensjahr begann er Russisch zu lernen, nachdem er kurz vorher von den neuen Strömungen der jüdischen Aufklärungsliteratur berührt worden war, die in hebräischer Sprache den Juden Osteuropas weltliche Wissenschaft und europäische Kultur vermitteln wollte. Der größte Dichter dieser Aufklärungsliteratur Jehuda Leib Gordon (1830—1892) wurde sein Vorbild, aber Bialik übertraf diesen typisch noch in der Didaktik befangenen Lehrer und wurde der erste moderne Lyriker der zum großen Teil durch ihn zum neuen Leben erweckten hebräischen Sprache. AchadHaam, der hervorragendste Denker des nationalen Ostjudentums, hatte zu Beginn der neunziger Jahre die hebräische Prosa erneuert und ihr eine bis dahin unbekannte Prägnanz und Schmiegsamkeit verliehen. Achad Haam hat gedanklich einen großen Einfluß auf Bialik ausgeübt, Bialik hat für die hebräische Lyrik die gleiche Bedeutung erlangt wie sein ältererFreund für die hebräische Prosa. Die bis dahin phraseologische und überladene Sprache der Aufklärungsliteratur, die ihr Vorbild in dem Stil der Bibel sah, ist durch Bialiks sprachliche Gestaltungskraft, die auch auf die mittelalterliche hebräische Literatur und ihre reichen Schätze zurückgriff, zu einem Instrument geworden, das die Unmittelbarkeit und Tiefe modernen Fühlens und Denkens vollkommen wiederzugeben vermag. Viele sind ihm auf diesem Wege gefolgt, in den letzten dreißig Jahren ist eine neuhebräische Lyrik entstanden, keiner der Jüngeren hat ihn an Menschlichkeit und Kraft erreicht. Bialik ist nicht nur der Vater der mdernen hebräischen Dichtung, der Sechzigjährige ist auch ihr unbestrittener Repräsentant. Bialik hat bis zum Jahre 1921 in Odessa gelebt, dann für drei Jahre sich in Deutschland aufgehalten und sich im Jahre 1924 in Tel-Awiw in Palästina niedergelassen. Sein Wirken greift, wie das in einem Zeitraum nationaler Renaissance nicht anders sein kann, weit über das eigentliche Feld der Dichtung hinaus. Seine kritischen Essays haben vielfach revolutionierend gewirkt. Aus ihrer mustergültigen deutschen Übersetzung, die 1925 im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienen ist, kann sich der deutsche Leser viel besser ein Bild von der Bedeutung Bialiks und zugleich von wichtigen Fragen des neuhebräischen Geisteslebens machen als aus den häufigen, aber recht schwachen Übersetzungen seiner Gedichte. Als Verlegre und Pädagog wollte Bialik die jüdische Literatur aller Zeiten dem neuen Geschlecht und der heranwachsenden Jugend nahebringen, ihm sind wissenschaftliche Ausgaben der mittelalterlichen hebräischen Poesie und der Haggadah, der legendenhaften und sagenhaften Teile des Talmuds, und eine für die Jugend bearbeitete Chrestomathie der Bibel und der nachbiblischen Literatur zu verdanken. Als Übersetzer hat Bialik unter anderem Schillers ,,Wilhelm Teil1* übertragen. Mit der lebendigen Fülle des Judentums verbunden, war er niemals, wie manche seiner Zeitgenossen ein Eiferer des Hebraismus; er hat viele seiner Werke jiddisch geschrieben oder in die jiddische Volkssprache selbst übersetzt und andererseits viele jiddische Werke ins Hebräische übertragen. Bialik wrar niemals ein Vieldichter, seit 1908 ist seine lyrische Produktion beinahe versiegt. Aber die wenigen Gedichte, die er seither in großen Abständen veröffentlicht hat, haben gezeigt, daß er in der Zwischenzeit innerlich und sprachlich noch weiter herangereift ist. zu dem unbestrittenen poeta laureatus der hebräischen Dichtung. Er hat die nationalen Hoffnungen seines Volkes gesungen, er hat sich aber immer bemüht, nicht der nationale Herold, sondern das nationale Gewissen zu sein, und gerade manche seiner letzten Lieder waren voll von Anklage und Kritik gegen das eigene Volk. Er hat wie Achad Haam sich bemüht, über dem Nationalen niemals das Menschliche zu vergessen und auch an die nationalen Wertungen die Sonde kritischer Besinnimg anzulegen. Dabei hat er wie kaum ein anderer in dieser Zeit die Fülle der geistigen und dichterischen Überlieferungen seines Volkes in einer den Zuhörer und den Leser immer wieder überwältigenden Lebendigkeit und Eindringlichkeit in sich zu vereinen gewußt. Er ist so nicht nur der größte hebräische Dichter, sondern auch der verantwortungsvollste und wissende Bew~ahrer des Kulturgutes der hebräischen Sprache in der Gegenwart geworden.