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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-03-15 · 6 (15.3.1933) · p. Seite 85

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
6 (15.3.1933)
Date
1933-03-15
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 85 voll an Leben, Größe und Ruhm, und es herrschte sein Sohn Salomo an seiner Stelle (I. Chronik Kap. 29 Vers 27, 28.)% Der Großherzog äußerte wiederholt seinen Beifall über die sinnige Widmung, und als das Rabbinat Friedberg frei wurde, ernannte er Levi zum Rabbiner der Provinz Oberhessen mit 90 Gemeinden. 1832 führte Levi Henriette Mayer aus Mannheim als Gattin in sein Haus. Diese gemütreiche und geistig hochstehende Frau war bis. zu ihrem frühen Hinscheiden 1842 eine der ansprechendsten Erscheinungen der Gießener Gesellschaft. Sie war eine ausgezeichnete Klavierspielerin, und ohne Zweifel hatte ihr Sohn Hermann seine musikalische Begabung von ihr empfangen. 1858 verheiratete sich die einzige Tochter Dr. Levis mit einem französischen Offizier, dem Leutnant Julius Moch, Repetiteur der Kaiserl. Militärschule zu St. Cyr. In Rödelheim vollzog Levi die Trauung. Moch war im Kriege 1870/71 als Oberst Gefangener in Gießen. Während Dr. Levi ins Greisenalter eingetreten war, erlebte sein Herz die Freude, seinen Sohn Hermann, den genialen Dirigenten, Sprosse um Sprosse an der Ruhmesleiter emporklimmen zu sehen. 1882 wohnte Dr. Levi der ersten Aufführung des „Parsival" unter seines Sohnes Leitung in Bayreuth bei. Richard Wagner, der ihn aufs herzlichste begrüßte, fragte ihn scherzend: „Wie sind Sie mit Ihrem ungeratenen Sohne zufrieden?" „So ziemlich," antwortete Levi. „Ihr Hermann," sagte darauf Wagner, „müßte als mein alter ego eigentlich den Namen Wagner führen." Dr. Levi starb nach der Feier seines 90. Geburtstages. S. Rothschild (Worms) Bayerische Vereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederia88ungen an allen größeren Plätzen Bayerns r. d. Rh. Sorgfältige und entgegenkommende Erledigung von Bankgeschäften aller Art Sparverkehr Verkauf von Gold-Pfandbriefen Das Nachleben der Psalmen i. Samuel Singer (o. Prof. der Literaturwissenschaften in Bern): Die religiöse Lyrik des Mittelalters. Das Nachleben der Psalmen. Preis 4.40 RM. Neujahrsblätter der literarischen Gesellschaft Bern, Heft 10. Verlag A. Francke A.-G., Bern 1933. Eine ganze Anzahl geistlicher Lieder des Mittelalters ist auch heute noch lebendig; sie bilden die Grundlage vor allem des protestantischen Kirchenliedes. Welch eine Fülle aber von dichterischer Schönheit, von Kraft des Glaubens, von Tiefe des Denkens in der gesamten Gattung vorhanden ist, das wird dem Laien erst beim Durchgehen des neuen Buches von Singer bewußt. Prof. Singer steht zu seinem Stoff im Verhältnis eines Kenners, dem es zugleich beglückende Herzenssache ist, von den Schönheiten und der Macht alter Dichtungen zu künden. Zahlreiche Beispiele werden uns in Übersetzungen vorgeführt, worunter viele von Singer selbst herrühren. Das Buch von Prof. Singer nimmt seinen Ausgang von den Psalmen, welche die Grundlage für die ganze religiöse Lyrik Europas bilden. Daran schließt die frühmittelalterliche Zeit mit dem gregorianischen Kirchengesang und mit den Proben aus den Hymnen des heiligen Ambrosius, den Kontakien des Romanos, der neuhebräischen Poesie. Die durch den Koran angeregte arabische Poesie hat auch auf die Juden des islamischen Kulturkreises, besonders auf die Juden in Spanien, mächtig eingewirkt. Dieser arabischen Poesie verdankt die seit der Zerstörung des Tempels gestorbene hebräische Dichtung ihre Auferstehung. Die neuen Psalmendichter nennen sich Paitän, mit einem Fremdwort, das man auf das byzantinische „poietes" zurückführt: das zeigt uns den Kulturbereich, aus dem die neuen künstlichen Formen erwachsen sind. Ihre Gedichte nennen sie Piut, sprachlich eine Rückbildung aus Paitan. Singer gibt das berühmte Klagelied des jüdischen Dichters Kalir „Adereth mamlochoh" in einer eigenen deutschen Übersetzung wieder; das Lied ist uns aus unserer Neujahrsliturgie (Machsor für Rosch-ha-schonoh) geläufig und gibt ein gutes Beispiel der völligen Arabisierung der Sprachform der Piutim. Hrabanus Maurus, dessen „veni creator spiritus" in der Goetheschen Übersetzung geboten wird, und vor allem Otfried sind als weitere instruktive Beispiele alter religiöser Lyrik angeführt. — Pilgerfahrten und Kreuzzüge ergeben ein neues, großartiges Thema. Ein prachtvolles Kapitel widmet Singer dem spanisch-jüdischen Dichter Jehuda Halevi, seinen Zionsliedern und seinen religiösen Liebesliedern. Weitere Gruppen schließen sich an, bis die überragende Persönlichkeit Walters von der Vogelweide auftritt. Wie sein individueller Ton, die Selbstanklage und die „süße, dunkle Altersmelancholie" aus dem Gesänge der andern Dichter hervorsticht, wird durch Singer in eindrucksvoller Weise klar. Einem anderen großen Geist begegnen wir im hl. Franz, von dem uns ein

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