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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-03-15 · 6 (15.3.1933) · p. Seite 84

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
6 (15.3.1933)
Date
1933-03-15
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr.. 6 durch die kleinen armen Räume und über die Gesichter der Wirtsleute. In ihnen sieht er die sanfte Ruhe, die er .jetzt braucht; denn Spinoza weiß, daß er in diesen Räumen bald sterben wird. Sein Leben ist in der Stadt genau dasselbe wie auf dem Lande. Die Einfachheit seiner Nahrung ist auch ein Gebot seiner Krankheit. Milchbrei mit Butter, Grütze mit Rosinen, manchmal ein Krug Bier: damit kommt er aus. Für Essen und Trinken braucht er also nur wenig Geld. Einladungen lehnt er stets ab: es ist besser, das selbstverdiente arme Brot zu essen als die Leckereien der andern. Seine Ersparnisse fließen hinüber in Bücherankäufe; denn immer noch erfüllt ihn wie in seinen Knabenjahren ein unstillbarer Wissensdurst, und alle Sehnsucht, die seine Einsamkeit beherrscht, geht hinüber in fremde, geistige Welten. Zu ihnen gehört nicht mehr die Kunst, zu der er seit der Zeit seiner frühen Malereien keine Beziehung mehr hat. Aber maßlos erfüllt ihn, mit der verjüngenden Kraft, die oft dem Tode vorangeht, die Sehnsucht, sein eigenes Schöpfertum zu vollenden und zugleich die wissenschaftlichen Erkenntnisse seines Jahrhunderts zu beherrschen. Die Liste seiner Bücher, die uns durch einen guten Zufall überliefert wurde, beweist es. * Da sind in besonderer Fülle die Werke des alten jüdischen Wissens. Es gibt keine besseren Zeugen für die starke Verbundenheit zwischen ihm und der Tradition seines Stammes als diese vielen Bände in hebräischer und spanischer Sprache: die stattliche Ausgabe der Buxtorschen Bibel, die Kommentare von Abraham Ibn Esra und Levi ben Gerson, hebräische Grammatiken und das Hauptwerk der jüdischen Religionsphilosophie, der „Führer der Verirrten" des Maimonides. An die Schulzeit im „Baum des Lebens" erinnert die „Esperanca de Israel" des Lehrers Manasse ben Israel und eine Passah-Hagadah an die Gebräuche der jüdischen Feste. Die alten Sprachen sind durch Wörterbücher und Grammatiken vertreten. Dann ist vor allem die große und reiche spanische Literatur vorhanden, die Dichtungen der Muttersprache, die Spinoza wie keine andere Sprache liebt. Die Naturwissenschaften sind durch astronomische, anatomische, physikalische Werke vertreten. Und an das eigene Handwerk erinnern Bücher über Optik und Glasschleiferkunst. Die philosophischen Werke werden angeführt von Aristoteles, Bacon undDescartes. Diese Bücher in einem kleinen Schrank aus Fichtenholz, ein Eichenholztisch, einige kleine Tischchen im Stil der Zeit, ein alter Koffer, das Bett des Vaters, an der Wand das Bild der Mutter: das ist die rührende, arme Welt, in der Spinoza jetzt leben und sterben wird. Der Weg vom Bücherschrank hinüber zur Drehbank, an der er seine Linsen schleift, ist der häufigste Weg, den er jetzt geht und der seine ganze Welt umspannt. Er will keine anderen Wege mehr gehen. Die Vorfahren Zu Richard Wagners Die Fünfzigjahrfeier des Todestages Richard Wagners weckt auch die Erinnerung an einen der Getreuen des Hauses Wahnfried, den 1872 von Karlsruhe nach München berufenen Generalmusikdirektor Hermann Levi (1839—1900), der nach dem Tode Wagners der treueste Berater seiner Frau Cosima gewesen ist. Der Vater, der den Künstlerdrang seines Sohnes schon früh erkannt hatte und ihn in seinem Künstlerstreben immer zu fördern suchte, war Rabbiner Dr. Benedict Levi zu Gießen, der 1806 als Sohn des Rabbiner Samuel Levi in Worms geboren wurde. Dieser war der Sohn des Rabbiners Wolf Levi in Pfersee bei Augsburg, besuchte die höhere Schule daselbst und eignete sich die franzör sische Sprache derart an, daß der Bürgermeister von Worms und einige Stadträte allwöchentlich bei ihm in der Judengasse einkehrten, um sich von ihm die französischen Zeitungen übersetzen zu lassen. 1807 wurde er in das Synhedrion zu Paris berufen. Der französisch sprechende Rabbiner von Worms gefiel Napoleon so gut, daß er ihn mehrmals in Audienz empfing, und um ihm eine Gnade zu erweisen, bot er ihm das Rabbinat Metz oder Mainz an. Levi wählte das letztere, und so wurde Hermann Levis fünfzigstem Todestag er 1808 zum Grand Rabbin du consisloire du departement de Mont Tonnere berufen. Dr. Levi erzählte gerne in Freundeskreisen, wie er 1812 Napoleon auf seinem Zuge nach Rußland über die Große Bleiche in Mainz ziehen sah, und wie ihn sein Lehrer in die Höhe hob und aufforderte, den Segensspruch beim Anblick eines gekrönten Hauptes zu sprechen. Dr. Levi besuchte nach dem Tode seines Vaters, der sterbend ihn aufgefordert, Rabbiner zu werden, die Schulen in Mainz, Frankfurt und die Universität in Würzburg. In Gießen promovierte er 1828 und besuchte dann die „Jeschiwa" des Rabbiners Koppel Bämberger in Worms, wo er auch die rabbinische Ordination erhielt. Im Alter von 23 Jahren wurde er zum Rabbiner in Gießen gewählt. Großherzog Ludwig I. von Hessen war nach 40jähriger Regierung gestorben. Sein Sohn Lud- . wig II. bereiste nach seinem Regierungsantritte auch die Provinz Oberhessen, wo er Dr. Levi mit zwei Vorstehern in Audienz empfing. Bei dieser Gelegenheit überreichte Levi dem Landesfürsten ein Huldigungsgedicht mit folgendem Motto: „Und die Zeit, die König- David über Israel regierte, ist 40 Jahre. Und er starb im hohen Alter

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