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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-03-15 · 6 (15.3.1933) · p. Seite 83

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
6 (15.3.1933)
Date
1933-03-15
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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Mr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 83 alles Gute und Schöne, vom besten Willen beseelt, aus ureigenen Kräften der Begabung und Zucht zu unbestrittenen Erfolgen getragen, fühlt sich der deutsche Jude von heute ohne Massen enttäuscht und verletzt. Was hat er verbrochen? Richten heißt in der Sprache der Bibel nicht deliktische Tatbestände feststellen und auf Grund dieser Feststellung urteilen und verurteilen, sondern im Hebräischen sind „Richten" und „Helfen" Parallelbegriffe. „Richtet den Vaterlosen", sagt der Prophet (Jesaia 1, 17); das bedeutet nicht „verurteilt ihn," sondern „helft ihn zu seinem Recht". „Richte mich,- Gott," lautet viermal die Bitte des Psalrhisten (7, 9; 26, 1; 35, 24; 43, l); es ist nicht die Bitte des Geständigen um seine Strafe, sondern der Anruf des Verfolgten um Rechtsbeistand. Dieser sprachliche Sachverhalt ist die Erklärung dafür, weshalb jene Gestalten, welche in der Vorkönigszeit israelitischen Stämmen und Stammgruppen beispringen und sie befreien, „Richter" heißen. Mit einer Größe und Leidenschaft, der man nur Weniges in King Lear oder Faust zur Seite stellen kann, vertritt Hiob in seiner letzten großartigen Rede (Kap. 31) seine Unschuld und fordert einen gerechten Richter und Helfer. Das unentstellte Gesicht unseres eigenen Wesens unverhüllt zu zeigen, seine Züge in ihrer vollen Reinheit wiederzufinden, soll jedoch nicht unserer Verteidigung, sondern unserer eigenen Wiederaufrichtung von jener bitteren Enttäuschung dienen. Von dieser Wiedererkennung unseres Selbst, unseres eigenen großartigen religiösen und kulturellen Erbgutes erwarten wir das Emporwachsen der Juden nicht zu einer geschlossenen Kampfgemeinschaft, sondern zu einer geachteten Elite die in gefaßter Ruhe und in unbeirrbarer Sicherheit an sich selbst glaubt. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen." F. Spinozas lefzfer^Weg Das folgende ist ein Abschnitt aus Rudolf Kaysers eben erschienenen Buch „Spinoza. Bildnis eines geistigen Helden" (Phaidon-Verlag, Wien); der Abdruck erfolgt mit besonderer Erlaubnis des Verfassers und des Verlags. Jetzt zeigen sie mit Fingern auf ihn als einen verfluchten Alchimisten des Denkens, während er still und unbekümmert seinem Handwerk nachgeht. Aber das Lächeln auf seinem Gesicht wird immer kleiner und bitterer. Gegenüber dem Kampf, der wieder auf ihn zukommt, sagt er: Ich will nicht mehr! Ich will nicht die Auseinandersetzung mit diesen traurigen, kleinen Wichten. Ich will auch nicht durch ihre Feigheit und Niedrigkeit umkommen. Ich will nicht die Gefahr meines Lebens wagen, das — er weiß es genau -— auf keinen Fall mehr lange dauern kann. Ganz nahe von Voorburg ist der Haag, die Hauptstadt der Republik und eine Hauptstadt auch der freien Wissenschaft. Sie ist die Residenz des Ratpensionärs, der Spinoza versteht und verehrt und in den kleinen Pausen seiner Regierungsarbeit sich gern zu ihm und seinen optischen Geräten setzt. Er wird ihn mit starker Hand beschützen, er wird vielleicht auch sein Freund sein, der einzige in diesem Lande, der ihn ganz zu begreifen vermag. Auf der Veerkade bei der Witwe van Velen findet Spinoza eine stille Wohnung, die ihm zusagt. Sie besteht nur aus einem einzigen Zimmer, das ihm völlig genügt, und die Wirtin ist gut und freundlich zu ihm. Dasselbe Zimmer bewohnt ein Menschenalter später der Prediger Johannes Colerus, der Biograph Spinozas: „Meine Studierstube, im hintern Teil des Hauses im zweiten Stock gelegen, war sein Laboratorium oder Arbeitszimmer, wo er schlief und arbeitete. Dorthin ließ er sich oft während zweier oder dreier Tage zu essen bringen, ohne zu Menschen zu kommen." Trotz dieser Bescheidenheit der Lebensführung muß Spinoza nach wenigen Monaten erkennen, daß dieser Haushalt für ihn viel zu teuer ist. Er muß eine neue Wohnung suchen, aber er will in der Nähe der alten bleiben; denn dieses Stadtviertel ist ruhig und von stillen Menschen bewohnt. Im Mai des Jahres 1671 zieht er in das Haus des Hendrik van der Spyck auf der Paviljoensgracht.- Van der Spyck ist Stubenmaler (er befaßt sich auch mit Geldgeschäften), aber sein Ehrgeiz geht weiter: er möchte in diesem Lande der großen Malerei auch Kunstwerke schaffen. Ein bescheidener Versuch auf diesem Wege ist sein Porträt Spinozas. Hier bewohnt Spinoza im oberen Stockwerk ein einfaches Zimmer und eine Kammer, in der nur sein Bett steht, dieses einzige Erbe aus dem Vaterhaus, das anzunehmen er sich entschlossen hatte. Sein Blick geht

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