Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 6 (15.3.1933)
- Date
- 1933-03-15
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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82 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 ohne jedes Kompromiß zu verkünden. Für sie gibt es nur den sittlichen Gott; er ist ihnen alles in allem, und neben ihm existiert nichts. Sie jubeln, daß er ihnen sein innerstes Sein erschlossen hat; denn sie sind eingedrungen in seine Pläne, eingeweiht in seine Gedanken. Sie kennen ihn und wissen genau, was er will; sie haben in seinem Rate gestanden und fühlen sich eins mit ihm. Für sie gehören Gott und das Gute zusammen; so haben sie Religion und Ethos miteinander verbunden. Man kann geradezu sagen: Das Wesen der prophetischen Religion ist die Sittlichkeit, die mit unlösbaren Ketten an die Frömmigkeit geschmiedet ist. Aus diesem Grunde verwerfen sie allen äußeren Gottesdienst, die Opfer und Zehnten, die heiligen Steine und Bäume, Tempel und Symbole: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr, dein Gott, von dir fordert: Recht tun, Liebe üben und demütig wandeln vor deinem Gott." Arnos verlangt Recht und Gerechtigkeit, Hosea Liebe und Treue, Jesaia Glauben und Vertrauen, lauter verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache: für die Anbetung im Geist und in der Wahrheit, für die Religion der sittlichen Reinheit, der Nächstenliebe und sozialen Gerechtigkeit. Der unerschütterliche Glaube an die Größe ihres Gottes wurde den Propheten nicht einen Augenblick wankend. Der allmächtige Gott, der das Gute will, hat auch die Kraft, das Gute durchzusetzen, ob mit oder gegen den Willen der Menschen. Ihm und seinem Plane sind alle Völker Untertan, die Assyrer so gut wie die Israeliten. Für Jesaia sind die assyrischen Götter so nichtig, daß er sie nicht einmal der Erwähnung würdigt. Durch diesen Glauben an den universalen Gott hat die Religion Israels kosmisches Ausmaß gewonnen und alle die anderen Religionen jener Zeit weit überwunden. Man begreift, daß Jesaia eine Wallfahrt aller Völker nach Jerusalem erwartet hat, um sich von dort Thora zu holen. Wie Goethe den profanen Typus des deutschen Menschen am reinsten in sich verkörpert und nicht trotzdem, sondern gerade deshalb weit über Deutschlands Grenzen hinaus gewirkt hat, so hat in Mose, Elia und Jesaia, um nur die drei größten zu nennen, der religiöse Genius Israels seine vollkommenste Gestalt gefunden, und gerade deshalb, weil sie so echt israelitisch sind, hatten sie dem Menschen auch außerhalb Israels etwas zu sagen und haben noch heute ihre Bedeutung nicht verloren. Niemand wird es mir verdenken, wenn ich als evangelischer Christ das Christentum in seiner lutherischen Form für die absolute Religion halte. Eben aus diesem Grunde habe ich volles Verständnis dafür, daß der Jude dasselbe für die jüdische Religion behauptet. Aber soviel Unterschiede man auch zwischen Judentum und Christentum feststellen mag, darin wird jeder ehrliche Christ dem Juden 'beistimmen, daß nur Unwissenheit oder Tücke den Gott des Alten Testaments als „bösen Gott" bezeichnen kann; diese von der Parteileidenschaft eingegebene Verblendung, die die Wahrheit in ihr Gegenteil verkehrt, ist so empörend und sinnlos, daß man vor Scham nur das Haupt verhüllen kann. Gewiß hat sich die Religion Israels wie jede andere von niederen zu höheren Formen entwickelt und eine Geschichte erlebt, aber nirgends braucht sie einen Vergleich zu scheuen, und die klassische Ausprägung, die sie in den großen Schriftpropheten gewonnen hat. bedeutet einen Höhepunkt nicht nur in der Entwicklung Israels, sondern in der Entwicklung der Menschheit überhaupt." Soweit der große protestantische Theologe Greßmann! Wenn so das wahre Gesicht des Judentums,, seiner Idee und seiner überlieferten Lehre, nach dem Zeugnis der unbefangensten nicht-jüdischen Kenner aussieht, woher heute wieder das grenzenlose und hoffnungslose Vorurteil gegen das „Jüdische", das man uneingeschränkt mit allem Schlechten und Verächtlichen bemakelt? Es muß ein beispielloser Charakterumschwung von dem biblischen zum talmudischen und von diesem zum modernen Judentum eingetreten sein, eine unerklärliche Wandlung oder ein nie dagewesener Bruch zwischen Lehre und Leben? Wir wissen uns hier ebenso fern von jeder Apologie des Judentums (das wir in seiner heutigen grenzenlosen Verlassenheit doppelt heilig, erhaltens- und verehrungswürdig finden) wie von jeder Lust in einer kühlen, objektiv-gelehrten Art die Entwicklungsstufen des jüdischen Geistes darzustellen. Eine rasche Besinnung hilft uns: Die unverbrüchlichen Lehren des Judentums sind, geläutert in dem Verschmelzungsvorgang, den sie mit den höchsten Menschheitsideen der sie jeweils umschließenden Kulturkreise durchgemacht haben, bis zum heutigen Tag unerschüttert und unverändert geblieben. Die Besten unter uns haben jederzeit danach gelebt. Wille und Bereitschaft der jüdischen Massen, nur unter Erhaltung der religiösen Eigenart eins zu werden mit den positiven aufbauwilligen Kräften des Volkes, waren und sind heute noch unbegrenzt. Im Gemeinsinn so tätig und aufopfernd wie die Allerbesten der christlichen Bevölkerung, wetteifernd in der kulturellen Mitarbeit, die wachsten und regsten Teilnehmer des allgemeinen geistigen Lebens, aus der gleichen Liebe, mit dem gleichen Verständnis für