Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 5 (1.3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 wirtschaftliche Weltordnung aufzubauen. Ihm erscheint der Jude somit nicht als Träger geistiger Werte, sondern als Funktionär einer Gesellschaftsordnung, die er 'bekämpft, der Jude, in dem er vor allem den Träger kapitalistischen Geistes sieht. Es ist also nicht so sehr der jüdische Selbsthaß. der ihm die Feder führt, sondern vor allem die Loslösung aus der Gebundenheit des Dealkens innerhalb der eigenen Abstammung zu einem freien Denken, das keine Rücksicht auf die eigene Herkunft nimmt. Dies wird vor allem begreiflich, wenn man sich immr wieder vor Augen hält, in welchem Umfange Marx' Anschauungen in denen Hegels wurzelten. Aber es -gibt noch eine ganz andere Möglichkeit, der Stellung Marx' zum Judentum gerecht zu werden. Nicht nur' einzelnen Erwähnungen jüdischer Dinge in seinen Schriften sind von Belang. Das Entscheidende ist doch, daß die Schöpfung des wissenschaftlichen Sozialismus durch ihn aus einem ungeheuren Gefühl des Mitleidens mit dem Schicksal der Arbeiterschaft entstanden ist. Man denkt unwillkürlich an die Männer jüdischen Blutes, die ihre ganze Persönlichkeit in den Dienst einer neuen sozial gerechteren Weltordnung gesetzt haben. Es ist eine lange Reihe von unserem Lehrer Moses bis zu Walther Rathenau. So scheint mir in der Schöpfung des Denkers Marx in einem ganz anderen Sinne eine jüdisch positive Leistung zu stecken, als wie die Gegner des Marxismus annehmen. Ob das System von Karl Marx und der orthodoxe Marxismus das riohtige ist, das kann hier nicht untersucht wenden und ist auch für unsere Problemstellung belanglos. Entscheidend ist die seelische Grundhaltung. Mag Marx auch wiederholt vom Judentum abgewichen sein, durch sein Verhalten nat er ein Bekenntnis abgelegt, so paradox es klingt, zu den sozialen Grundgedanken der Thora. Wir haben als Juden keine Veranlassung, uns mit dem Marxismus zu identifizieren oder den Marxismus abzulehnen. Vielleicht ist es eine besondere Tragödie des Judentums, daß gerade diese Schöpfung eines seiner bedeutendsten Sprößlinge, in weitem Umfang zur Auflösung jüdischer Art geführt hat. Aber wir müssen an diesem Tage der Persönlichkeit von Marx gerecht werden, die wie jede große Persönlichkeit nur aus der Würdigung seines gesamten Schaffens und niemals aus der Beurteilung einzelner Äußerungen verständlich ist. Nachrichten aus der Weif des Judentums Professor Cassutos Antrittsvorlesung an der römischen Universität Professor Umberto Cassuto, der zum Verwalter des Lehrstuhls für hebräische Sprache und semitische Linguistik an der Universität Rom ernannt wunde, hielt im Februar dieses Jahres seine Antrittsvorlesung über das Thema „Die epische Poesie in der alten hebräischen Literatur". Der Vorlesung wohnten zahlreiche Professoren der Universität und Vertreter der Jüdischen Gemeinde mit Rabbiner Prof. Angelo Sacerdotd an der Spitze bei. Prof. Cassuto ist einer der hervorragendsten jüdischen Historiker Italiens. Sein Wenk über die Geschichte der Juden in Florenz in der Renaissance erhielt einen Preis der italienischen Akademie der Wissenschaften. Prof. Cassuto behielt auch nach seiner Ernennung zum Professor an der römischen Universität sein Amt als Oberrabbiner von Florenz. Unter seiner Redaktion wird der jüdische Teil der neuen großen „Enciclopedia Italiana" bearbeitet. Der frühere Kultusminister Professor Becker gestorben Im Alter von 56 Jahren verstarb toi Februar in Berlin der hervorragende Islamist und frühere preußische Kultusminister Professor Dr. D. Karl Heinrich Becker, eine der erlesensten Persönlichkeiten der deutschen Gelehrtenwelt. Die Zeit sedner Wirksamkit als Kultusminister war eine Periode stetigen Kiulturfortschritts in Preußen. Den Juden und dem Judentum stand Prof. Becker, der eine große Reihe jüdischer Gelehrter zu seinen Freunden zählte, mit wohlwollender Unbefangenheit gegenüber. Als ein Freund des Palästinawerkes gehörte er dem Deutschen Komitee Pro Palästina seit dessen Begründung an und besuchte fast alle Berliner Veranstaltungen dieses Komitees. Auch den sonstigen jüdischen Werken brachte er Interesse entgegen. So war er Hauptredner auf dem letzten Gesellschaftsabend des Hilfsvereins der Deutschen Juden, an dem er über seine jüngste Orient- und Palästina-Reise referierte. Er wiederholte diesen Bericht kurz darauf in einer Sonderveranstaltung des Hilfsvereins. Seinem ihm im Tode vorangegangenen Freunde Professor Dr. M. Sobernheim widmete er in der deutschen Tagespresse einen tief empfundenen Nachruf. Vom 5. bis 7. August Weltkonferenz des liberalen Judentums in Hamburg. Hauptthema: „Liberales Judentum und modernes Denken." In diesen Tagen fand in London eine Sitzung des Präsidiums und des Vorstandes des Weltverbandes für liberales Judentum statt. Den Vorsitz führte Rabbiner Dr. I. I. Mattuck, anwesend waren der Ehrenpräsident des Weltverbandes Dr. Claude G. Montefiore, die Bhrensekretärin des Weltverbandes Lily Montagu, ferner Rabbiner Dr. Joseph Lehmann (Berlin), Frau Dr. Margarete Goldstein (Berlin), Rabbiner Dr. Italiener (Hamburg), Basil Henriques und Eric Türk aus England und L. Levisson (Haag). Es wunden Berichte über Fortschritte des liberalen Judentums in verschiedenen Ländern der Welt erstattet, denen zuentnehmen war, daß insbesondere in Budapest und Wien gute Fortschritte erzielt worden waren; in Wien hat sich die Bildung einer Vereinigung für das liberale Judentum formell vollzogen. Der Vorstand sprach Miß Lily Montagu und Frau Dr. Margarete GoMstöin für ihre erfolgreiche Werbearbeit in Prag, Wien und Budapest seine Anerkennung aus. In einem Bericht aus Südafrika wurde festgestellt, daß die Gruppe des liberalen Judentums in Johannisburg beschlossen hat, sich in eine regelrechte Kongregation umzuwandeln. Frau E. Franklin. Professor Morris Ginsberg, Leonard G. Montefiore und Leonand Stein haben sich bereit erklärt, als die englischen Vertreter in das Beratungs-Komitee für internationale und soziale Fragen einzutreten. In der Beratung wunde einmütig beschlossen, die nächste Weltkonferenz des Weltverbandes für liberales Judentum vom 5. bis 7. August in Hamburg abzuhalten. Führende jüdischliberale Gelehrte aus den Vereinigten Staaten Amerikas, aus Deutschland, England und Frankreich werden zu dem Thema: „Liberales Judentum und modernes Denken" sprechen. Die Gottesdienste werden in dem historischen Tempel in Hamburg stattfinden. . Mussolini und der Zionismus Der Ghef der italienischen Regierung Benito Mussolini empfing am 16. Februar den Präsidenten der' Jewisn Agency Nabum Sokolow, der auf seiner Rückreise von Palästina nach London in Ägypten und Italien kurzen Aufenthalt genommen hat. Mussolini unterhielt sich mit Sokolow eine halbe Stunde lang über Fragen des Zionismus und des Palästina-Aufbaus, wobei Mussolini ein lebhaftes Interesse für die jüdischen Leistungen im Aufbau Palästinas an den Tag legte. Cnfc IlTY Wein Eig.Konditorei ^Ll ■ Mß ■ STRASSE NR. Vornehmer Aufenthalt im Stadtzentrum Im roten Salon täglich 5 Uhr Tanztee