Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 5 (1.3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 69 Sie kennen , mioh aus gemeinsamer journalistischer Arbeit lange genug, um zu wisseini, wie sehr ich mit dem Ziel des Kongresses, das geschriebene und gesprochene freie Wort zu schützen, übereinstimme als mit einer Kulturnotwendigkeit, für die sich niemand so sehr einsetzen muß wie derjenige, der den Gebrauch des freien Wortes zu seiner Berufung und zu seinem Beruf gemacht hat. Wenn ich dennoch Ihre Aufforderung ablehne, .so aus zwei Gründen — einem prinzipiellen und einem mehr praktischen —, die Sie bitte dem Kongreß nicht vorenthalten wollen. Ich lehne es ab, weil ich Jude bin. Das mag Ihnen absurd erscheinen angesichts der Tatsache, daß die Liste derer, die sich bisher zur Verfügung des geplanten Kongresses gestellt haben, eine Mehrzahl von jüdischen Namen enthält. Unnötig zu sagen, daß mein Verhalten keine Kritik der jüdischen Kongreßteilnehmer 'darstellen soll, sie haben ihre Entscheidung zweifellos nach bestem Gewissen getroffen. Mir stellt sich die Situation in Deutschland folgendermaßen dar: Die im Besitz der Macht befindichen Kräfte führen den Kampf gegen die Demokratie bqtont als einen Kampf gegen die Anteilnahme der deutschen Juden an der deutschen Politik und am deutschen Kulturleben. Sie betrachten die Demokratie in erster Linie als eine „jüdische Erfindung".zum Zwecke der „Verjudung" des deutschen Volkes. Auch die Losung des „freien Wortes" sehen sie nur als einen Deckmantel für angebliche jüdische Machtpläne ami Angesichts dieser Tatsache verschiebt sich für den deutschen Juden die Kampfbasis auch dort, wo er sich im Ziele solidarisch weiß mit den nicht jüdischen Kreisen Deutschlands. Er vermag erfolgreich nur zu kämpfen auf dem Baden seiner eigenen, der jüdischen Gemeinschaft. Denn dm Gegensatz zu seinen nicht jüdischen Mitkämpfern ist es meinem Gefühl nach für ihn unerläßlich, Konsequenzen aus der Tatsache zu ziehen, daß die oben angedeutete These, die Demokratie sei nichts als ein jüdischer Trick, um den Deutschen eine politische und kulturelle Daseinsform aufzuzwingen, unter der sie nicht zu leben vermögen, als Kernstück heutiger deutscher Weltanschauung zur Debatte steht. Es ist meine Überzeugung, daß sich die deutschen Juden an dieser Debatte nicht beteiligen sollten, weil dies unter ihrer Würde und völlig nutzlos wäre. Der Kampf Ihres „Kongresses um das freie Wort" ist ein Teil dieser Diskussion, aus diesem Grunde vermag ich nicht, daran teilzunehmen. Für mich als Juden ist die demokratische Freiheit des Wortes ein Lebensbedürfnis. Ob sie es auch für die Mehrheit des deutschen Volkes ist. muß dieses selbst entscheiden. Ich glaube weder das Recht, noch die Pflicht zu haben, diese Entscheidung zu beeinflussen. Endlich das praktische Moment: bei der gegenwärtigen Geisteslage in Deutschland kann ich mir keinerlei Nutzen für welche Bestrebung allgemeiner Art auch immer versprechen, wenn Juden an ihr in nennenswerter Zahl und an leitender Stelle teilnehmen. Sie sind dadurch von vornherein kompromittiert. Die. Sache des freien Wortes ist für mich eine zu wichtige Angelegenheit, als daß ich sie unter den heutigen Umständen mit meinem jüdischen Namen belasten möchte. In geistigen Fehden ist nichts so notwendig, als daß der Standort der Kämpfenden mit der größten Schärfe erkennbar ist. Ich habe das unabweisbare Bedürfnis gegen Argumente, deren Schwergewicht die antisemitische Betonung ausmacht, nur zu kämpfen auf dem Baden jüdischer Solidarität und jüdischer Würde. Ich bin gewiß, in meinen Motiven von Ihnen gewürdigt zu werden. Mit kollegialen Grüßen Ihr ergebener C. Z. Klötzel. Der Kongreß „Das freie Wort", der inzwischen am 19. Februar begann, wurde am gleichen Tag von der Polizei aufgelöst. Seit 30. Januar kann sich die Kritik an den Regierungsparteien nur mehr in den engsten Grenzen bewegen, die früher von Mussolini als ins murmurandi umschrieben wurden. Karl Marx und seine Stellung zum Judentum Von Studienrat Dr. Willy Cohn (Breslau) Am 14. März sind es 50 Jahre, daß Karl Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, gestorben ist. Dieser Gedenktag fällt in eine. Zelt, die seinen Namen zum. Gegenstand eines außerordentlichen politischen Kampfes gemacht hat. Für und wilder den Marxismus! so lautet die Losung unserer Tage. Um so mehr ist es notwendig, abseits von der Erregung, die durch Deutschland hallt, das Bild des Mannes, wie es. gewesen ist, mit kurzen Strichen aufzuzeigen und aus ihm das deutlich zu machen, was für uns als Juden wesentlich ist. Karl Marx ist der Sproß einer .uralten Rabbinerfamilie, In seinem Denken kehrt die Schärfe des Geistes wieder, wie sie von unseren Vorfahren in jahrhundertelangem Talmudstudrum erworben wurde. Die Familie Lwöw weist durch ihren Namen nach Lemberg, also nach Polen. Der Vater von Karl Marx, der Advokat Heinrich Marx, trat zum Christentum über. Er, der in der napoleonisehen Zeit im Rheinland zu einer angesehenen Stellung emporgestiegen war,- war ein glühender deutscher Patriot, und als man ihm nach dem Abfall des Rheinlandes an Preußen nicht die Rechte zugestand, auf die er Anspruch zu haben glaubte, ilöste er „das Entreebillet" zur. europäischen Kultur. Wir wissen heute, wie diese Dinge aus. dem seelischen Zustand der deutschen Juden zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu. beurteilen sind. Wir verstehen es, wenn wir es auch nicht billigen, wir, die wir in unseren Tagen durch härteste Angriffe und durch innere Umkehr die Treue zu unserer Art als das Zeichen eines wahren Menschentums ansehen. ..-......... Die Wesensart von Karl Marx und seine Stelking zum Judentum, wie sie vor allem in seiner juidenfeindliohen Schrift „Zur Jüidenfrage" zum Ausdruck kommt, einer Schrift, die im Jahre 1844 erschien, als der Verfasser 26 Jahre alt war. wird nur aus dieser seiner Herkunft und der Taufe, seines Elternhauses verständlich. In seiner ganzen Persönlichkeit, vor allem in seinem äußeren Aussehen, stellt Marx einen rein jüdischen Typ dar. Aber m dem-Maße, wie er dies fühlte, wie es ihm mindestens im Unterbewußtsein seelisches Erlebnis war. versuohte er, diese jüdische Grundart zu verdrängen und gegen sie anzukämpfen. Wir wissen heute, aus moderner seelenkundlicher Forschung, wie stark Kindheitseindrücke im Leben nachwirken, und wenn Marx die gesellschaftliche Emanzipation forderte, weil er in ihr die Emanzipation der Gesellschaft vom Juden sah, so hat man zunächst den Eindruck, daß er sein Leben lang sich von seinem eigenen Judentum emanzipieren wollte, ohne daß ihm dies gänzlich gelungen wäre. Gewiß, dürfen wir, wie das oft geschehen ist, seine Stellung zum Judentum nicht dadurch festlegen, daß er eben diese Schrift verfaßt hat, die in einzelnen Punkten außerordentlich starke Ausfälle gegen das Judentum bringt. Nach der Veröffentlichung der „Deutschen Ideologie", die — ein merkwürdiges Schicksal eines Buches — erst 86 Jahre nach ihrer Niederschrift in der Gesamtausgabe der Marx- und Engels'schen Werke ersohien, die das Marx-Engels-Leniin-Institut veranstaltet, weiß man, daß diese Schrift nur gänzlich verstanden werden kann, wenn man im Auge behält, daß dem Verfasser schon damals der Gedanke geistiges Eigentum geworden, eine neue